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Dieter David Scholz

Rezension

 

Schwerer Burgunder oder Rossini in Rubinrot

Eva Podles singt Rossini-Arien

 

Seit die großen (alten) Rossini-Heroinen des Koloratur-Alts - allen voran die unvergleich­liche Marilyn Horne - aussterben, will sagen,  ihren Zenit überschritten und sich weitgehend vom Musiktheater verabschiedet haben, harrt man mit Ungeduld auf sängerische Nachfolge. Sicher, es gibt Cecilia Bartoli und Jennifer Larmore, beides attraktive, herausragende Erschei-nungen der Opernbühne, doch stimmlich mit den Stimmkalibern Marilyn Hornes oder Lucia Valentini Terranis nicht annähernd zu vergleichen. Fehlt es Cecilia Bartoli an Tiefe und markantem Ton, vermißt man bei Jennifer Larmore außer der Tiefe vor allem Stimmfülle und unverwechselbaren Charakter. Ganz zu schweigen vom gestalterischen Witz, der prononcierten Schärfe der Gestaltung und der geläufigen Gurgel der Horne, aber auch dem samtigen Timbre und der stimmlichen Aura der Valentini-Terrani.  Wenn es denn unter den jüngeren Rossini-Sängerinnen eine annähernd der Horne vergleichbare Stimme gibt, so ist es die der polnischen Mezzosopranistin Eva Podles, die seit ihrem internationalen Karrierestart 1982 auf allen großen Bühnen der alten und neuen Welt als Rossini-Virtuosin gastierte. Äußerlich eher unscheinbar und der Bartoli als auch der Larmore an Bühnenwirksamkeit und Sex-Appeal unterlegen, besitzt sie doch das beiden überlegene stimmliche Material: eine satte, farbenreiche, große Stimme, die vom Kontraalt bis zum hohen C reicht! Schon ihr "Tancredi"  (Gesamtaufnahme bei Naxos 5537) hat aufhorchen lassen und hat schärferes Profil als der, den kürzlich erst Vesselina Kasarova vorlegte. Ihr erstes Rossini-Rezital überzeugt nun vollends, daß dies die derzeit vielleicht souveränste Rossini-Stimme weit und breit ist. Wer Eva Podles je auf der Bühne erlebte, weiß um das raumfüllende Volumen und die enorme Präsenz ihrer Stimme. An gestalterischen Feingefühl ist sie ihren Kolleginnen keineswegs unterlegen. Selbst den neuen Stern im Mezzofach, Vesselina Kasarova, überstrahlt sie mühe-los, denn purem Schönklang setzt sie Intelligenz der Rollendurchdringung, Raffinesse der Phrasierung und eine in allen Lagen und Registern volltönende Stimme entgegen. Einziger Wermutstropfen: an Temperament und Leichtigkeit der Koloraturenbewältigung kann die Podles ihrer Vorgängerin, Marilyn Horne, das Wasser nicht ganz reichen, da sind ihr selbst die Bartoli und die Larmore um einiges voraus. Insofern mundet der Rossini der Podles eher wie kostbarer, schwerer Burgunder denn perlender Champagner oder (wenn´s nicht ganz so teuer sein soll) schäumender Lambrusco. Doch das satte Rubinrot ihres herrlich vollmundigen, enorm tiefen Mezzosoprans besticht einfach! Und sie versteht es wie keine andere Sängerin, den Geist des Rossinischen Koloraturgesangs sängerdarstellerisch zu veranschaulichen, mit stupender Stimmakrobatik, sowie intelligent-ernstem Pathos in Gestik und Mimik.

 

gedruckt in: Opernwelt

 

 

Gioacchino Rossini: Arien

Eva Podles, Chor und Orchester der Ungarische Staatsoper, Ltg. Pier Giorgio Morandi

L´Italiana in Algeri, Semiramide, Tancredi, Maometto, La donna del lago, Il barbiere di Siviglia, La Cenerentola

NAXOS 5537