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Dieter
David Scholz
Rezension
Reznsion für DLR-Köln
Schlußstein eines Großunternehmens mit
Lücken
Bd.6: „Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters“:
Spontini - Zumsteeg.
826 S. DM 478,-
Vor elf Jahren startete mit
Band 1, reichend von Abbatini bis Donizetti, eines der ambitionier-testen,
geradezu schwindelerregenden Großprojekte des Musikbuchmarktes: „Pipers
Enzyklo-pädie des Musiktheaters“, die alles bisher dagewesene an
Nachschlagewerken in Sachen Musik-theater in den Schatten zu stellen sich
vornahm. Mit Band 6 der Werkbände ist diese Enzyklo-pädie jetzt
abgeschlossen worden. Auf den ursprünglich geplanten Sachteil darf man in
Zeiten abfallender Konjunktur auf dem Musikbuchmarkt wohl kaum mehr hoffen.
Daß Verlag und Herausgeber erklären, sich eine künftige Option auf
Ergänzungsbände vorzubehalten, ist ein schwacher Trost. Dieter David Scholz
hat für uns diesen Abschlußband der Piperschen Enzyklopädie des
Musiktheaters in Augenschein genommen und kommt zu folgendem Urteil über die
gesamten Edition.
"Agnes
von Hohenstaufen" war die letzte Oper von Gasparo Spontini. Ein fast
vergessenes Werk des ersten Generalmusikdirektors der Berliner Lindenoper.
Kaum ein Opernführer ver-zeichnet das Werk. Wer sich umfassend über diese
Oper und ihre Aufführungsgeschichte bis hin zu ihrer ersten Wiederentdeckung
in diesem Jahrhundert beim Maggio Musicale Fiorentino im Jahre 1954
informieren möchte, der findet sie beim Aufschlagen gleich als Erste im nun
vorliegenden sechsten und letzten WerkBand der Piperschen Enzyklopädie des
Musik-theaters.
Mehr als
2400 Werke aus 42 Ländern liegen nun als Einzeldarstellungen vor,
untergliedert nach Entstehungsgeschichte, Handlung, Kommentar und
Wirkungsgeschichte mit jeweils weiterführenden Hinweisen zu den Autographen,
den verschiedenen Ausgaben, dem Aufführungsmaterial, aber auch zur
wichtigsten Forschungs-Literatur. Eine Enzyklopädie von großem praktischen
Wert als Nachschlagewerk für Forschende und Theaterleute, Dramaturgen wie
interessiertes Musiktheaterpublikum gleichermaßen. Rund 200 Fachleute aus 13
Ländern haben ihr Wissen aus der Welt der Oper, der Operette, der Zarzuela,
aber auch des Musicals, des Melodrams, des Balletts und des Tanztheaters
zusammengetragen. Sechs stattliche, fadengeheftete und hart gebundene Wälzer
im Großoktavformat mit insge-samt 5625 Seiten liegen nun also vor. Jeder
wiegt an die drei Kilogramm. Eine schwer-gewichtige Edition im wahrsten
Sinne des Wortes. Der endlich erschienene, abschließende sechste Band ist
auch inhaltlich ein großer Brocken, immerhin entfaltet er zwischen Gasparo
Spontini und dem Mozartzeitgenossen Johann Rudolf Zumsteeg das Panorama der
Opern-Titanen Richard Strauß, Giuseppe Verdi und Richard Wagner, um nur drei
der 136 Kom-ponisten, Librettisten und Choreografen aus vier Jahrhunderten
zu nennen, die in diesem Schlußband behandelt werden.
Ein
„Jahrhundert-Meisterwerk“ sei vollendet, verkündet stolz der Piper Verlag:
„das umfang-reichste Werklexikon des internationalen Musiktheaters, das je
herausgegeben wurde“. Letzterem jedenfalls ist nicht zu widersprechen. Die
Behauptung des Verlags freilich, daß „noch nie ... das gesamte Musiktheater
so vollständig, aktuell, kompetent und wegweisend dargestellt“ worden sei,
sie läßt sich leicht widerlegen. Was sind schon 2400 Werke aus einer
Musiktheatergeschichte, die allein im Bereich der Oper mit über 50.000
nachgewiesenen Werken prahlen kann, zu schweigen von den 30.000 Balletten,
die es gibt. Eine verschwindend geringe Zahl: 2400. Wenn man allerdings
bedenkt, daß es nur etwa 200 Opern sind, die weltweit die Spielpläne der
annähernd 1000 Theater bevölkern, die allabendlich ihren Vorhang öffnen für
Musiktheater, ist die Zahl 2400 schon beachtlich. -
Eine
Enzyklopädie, die den historischen wie den aktuellen Bestand des Repertoirs
sichten und dokumentieren will, sie muß eine Auswahl treffen! Die
Auswahlkriterien solcher Sichtung freilich wird jeder Herausgeber anders
bestimmen. Und so könnte man fragend natürlich ein-wenden: warum werden von
den immerhin 187 Operetten Franz von Suppés nur 7 in Pipers Enzyklopädie
behandelt, warum nur vier von 21 erhaltenen der 94 Vivaldi-Opern und nur
drei der 18 Werke des bis heute vernachlässigten Siegfried Wagners für
erwähnenswert befunden. Warum sind nur 6 von 50 Operetten erwähnt, die Oscar
Straus komponierte? Die Liste solcher Fragen ließe sich beliebig fortsetzen.
Von Vollständigkeit kann also nicht die Rede sein. Wie denn auch, bei aller
Einsicht in die Notwendigkeit der Beschränkung. Und so bleiben ergänzende
Nachschlagewerke unumgänglich. Vor allem zwei britische Standardwerke.
Einmal der „New Grove Dictionary of Opera“, der neben einzelnen
Werk-darstellungen auch all das ist, was Pipers Enzyklopädie vorenthält: ein
Komponisten- und Sänger-, Dirigenten- und Regisseur-, Bühnenbildner- und
überhaupt ein gattungsspezifisches Begriffslexikon. Der im November zu
erwartende Registerband der Piper Enzyklopädie ver-spricht immerhin
Lebensdaten, Geburts- und Sterbeorte, Nationalität, Berufe und
Tätig-keitsgebiete der annähernd 30.0000 erfaßten Namen nachzutragen. Zum
zweiten wird jeder, der sich insbesondere für Musical und Operette
interessiert, immer dann die zweibändige „Enzyclopedia of The Musical
Theatre“ von Kurt Gänzl zur Hand nehmen müssen, wo er in Pipers
Enzyklopädie nicht fündig wird. Dennoch: das Mammutunternehmen, das Sieghard
Döhring und sein Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität
Bayreuth im Sinne des verstorbenen Mitherausgebers Carl Dahlhaus mit diesem
Band 6 abgeschlossen haben, nötigt Respekt ab! Und wer sich ernsthaft mit
Musiktheater befaßt, wird auf diese Enzyklopädie - die übrigens mit
dokumentarisch wertvollem Bildmaterial gediegen ausgestattet ist - nicht
verzichten können.
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