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Dieter
David Scholz
Rezension
Helmut Perl: Der Fall
„Zauberflöte“. Mozarts
Oper im Brennpunkt der Geschichte.
Atlantis Musikbuch/Wissenschaftl.
Buchgesellschaft Darmstadt, 200
S., geb., mit farbigen Abbildungen, Zürich/Mainz, Darmstadt 2000, DM
89,00 (Wiss. Buchges. DM 59,00).

Der Fall „Zauberflöte“
Neu und spannend aufgerollt
von Helmut Perl
Mozarts
„Weltabschiedswerk“, die „Zauberflöte“ ist nicht nur sein populärstes,
es ist auch sein am meißten mißver-standenes, ja fehlinterpretiertes
Werk. Die Ungereimtheiten des Librettos sind unübersehbar. Interpretatorische Miß-verständnisse scheinen
vorprogrammiert. Die
Diskussionen über die Zauberflöte sind nie verstummt, die Meinungen über
das sich nicht recht ins übrige gesellschaftskritische Œuvre Mozarts
einfügende Werk gingen seit je ausein-ander. In der Tradition der Wiener,
speziell der Schikane-derschen Maschinenkomödie, und Zauberoper stehend,
nannte schon Hegel das Stück ein „Machwerk“. Der Mo-zartforscher
Alfons Rosenberg deutete die Zauberflöte da-gegen als ein
„Mysterienspiel vom Kampf der Urmächte und von der Erlösung des
Men-schen“. Der Musikwissenschaftler Alfred Einstein verklärte es zu
einem „Vermächtnis an die Menschheit“. Goethe, immerhin, der Kluge,
er orakelte, es „gehöre mehr Bildung dazu, den Wert des Librettos zu
erkennen, als ihn abzulehnen“. Und er hatte recht!
Daß nämlich die
Zauberflöte allen Verklärungen und Mißverständnissen zum Trotz einen
sehr konkreten Gehalt und eine eindeutige Botschaft enthält, hat jetzt
der auf den kanarischen Inseln lebende Musikwissenschaftler und Musiker
Helmut Perl mit seinen aufschlußreichen und einleuchtenden Forschungen
enthüllt. Er hat den allegorischen Code geknackt, demzufolge das märchenhafte
„Ägypten“ der Handlung nichts anderes meint als „Österreich“, so
der Ge-heimjargon der Illuminaten. Am Anfang seiner kritischen
Untersuchungen, deren Ergebnisse er jetzt in einem sehr sachlichen und
anschaulichen, gut bebilderten Buch vorgelegt hat, steht der berechtigte
Zweifel an den herkömmlichen Interpretationen der Zauberflöte. Der
Zweifel daran, daß eine Persönlichkeit wie Mozart angesichts der Französischen
Revolution und der dramatischen Ereignisse seiner Zeit wohl kaum in eine
belanglose Märchenoper geflüchtet sein könne, mag wohl jeden
Mozartkenner beschleichen. Das Mißtrauen an den gängigen Deu-tungen der
Zauberflöte hat Helmut Perl zu aufregenden Beobachtungen verführt. Er
verglich die Uraufführungsdekorationen beispielsweise des Finales der
Oper mit einem Kupferstich von Ferdinand Runk und stellte erstaunliche
Entsprechungen fest zu der bei Runk abgebildeten unteren Grotte des
Schlosses Eigen bei Salzburg. Perl reiste nach Eigen und besah sich die
Sache genauer. Die Übereinstimmungen der noch heute als Illuminatengrotte
erhaltenen realen Vorlage der Uraufführungsdekoration der Zauberflöte
ergaben nach und nach ein schlüssiges Konzept. Je mehr Helmut Perl die
Uraufführungsdekorationen mit zeitgenössischen realen Analogien, die in
seinem Buch natürlich abgebildet sind, verglich, und die Symbole und
Bilder der Zauberflöte nach Maßgabe gängiger Anschauungen der
Mozartzeit entzifferte und de-chiffrierte, um so deutlicher wurde ihm –
und wird dem Leser - die Eindeutigkeit der Stoß-richtung des Zauberflötenlibrettos.
Schon die erste Szene der Oper in der Originaldekoration ist, genau
besehen, der eigentliche Schlüssel zum Verständnis des Ganzen: Prinz Tamino, der Held der Oper, flüchtet vor einer Schlange, keinem
feuerspeienden Drachen, wie heute meist auf der Bühne gezeigt, und fällt
in Ohnmacht. Eine zugegeben ungewöhnliche Einführung eines Opernhelden.
Wenn man aber die Schlange als Metapher der Schöpfungsgeschichte, des Sündenfalls,
der Vertreibung aus dem Paradies versteht, und das damalige Publikum
verstand diese Allegorie sicher so, dann meint die Szene die Ohnmacht des
Menschen vor der Erbsünde. Drei schwarz gekleidete Damen treten aus einem
kirchenartig aussehenden Tempel. Und diese Vertreter der Kirche zerteilen
die Schlange in drei gleiche Teile. Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist?
Jedem Zuschauer der Uraufführung im Josephinischen Wien mußte klar sein,
daß in dieser Oper ein klerikales, ein religiöses Thema abgehandelt
wird.
Abgehandelt
– um es vorwegzunehmen - aus der Perspektive eines Illuminaten! Einer
speziellen Spielart des Freimaurertums, die Kirchenkritik, Adelskritik,
Kritik der bestehenden Verhältnisse mit sozialethischen, humanitären,
utopischen, aufklärerischen Idealen verband. Mozart war nachweislich
Mitglied einer Wiener Illuminatenloge – und nicht nur er, auch Herder,
Goethe und Pestalozzi waren Illuminaten. Man kann sagen, ein Großteil der
deut-schen bzw. deutschsprachigen Intelligenz war Mitglied des Illuminatenordens. Perl belegt dies mit hieb- und stichfesten Fakten. Die
Illuminaten haben in Wien nachweislich mit großer Wirkung gearbeitet, bis
es allmählich den Fürsten zu gefährlich wurde. 1785 wurde der
Illuminatenorden in Bayern verboten und daraufhin auch in Wien durch
Joseph den Zweiten mit Gewalt zerschlagen. Von diesem Punkt an gingen die
Illuminaten in den Untergrund. Und das war die Geburtsstunde der Zauberflöte.
Die Akten über diese brutale Verfolgung übrigens sind merkwürdigerweise
fast alle verschwunden. Was für ein Zufall? Perl weist einige eklatante Fälle
nach. Sein Verdacht erhärtet sich, daß diese Dinge nicht an die Öffentlichkeit
kommen sollten. Selbst heute wird ja noch oft bestritten, daß Mozart
Illuminat gewesen ist, obwohl diese Tatsache längst zur Gewißheit erhärtet
ist. Perls These: Die große Oper (von Singspiel ist im Originaltext nicht
die Rede) „Die Zauberflöte“ ist eine „Darstellung der
Illumina-tenideologie als Produkt der radikalen Spätaufklärung, die sehr
starke kirchenkritische Züge hatte“.
Was Wunder, daß
Kirche und Adel die Zauberflöte, also Mozart nicht mochten. Selbst sein
legendenumrankter Tod steht nach der Lektüre dieser Lesart des Stücks in
ganz neuem, neu zu hinterfragendem Licht. Denn eher noch als sein
angeblicher Widersacher Salieri hätte der Klerus ein Interesse daran
haben können, daß Mozarts Stimme verstummt. Sein dubioser, plötzlicher
Tod und sein eilfertiges, anonymes Begräbnis sprechen für sich. Helmut
Perl deutet dies zumindest in seinem Buch an. Ein spannendes Buch, das die
inhaltlichen Widersprüche und Verrätselungen, die Brüche und
Ungereimtheiten des Textbuches endlich auflöst und Licht ins mystische
Dunkel des Stücks bringt. Helmut Perl gelingt der Beweis seiner These
nahezu lückenlos, er macht auf einen Schlag eine ganze Zauberflöten-Bibliothek
überflüssig, denn seine Argumente sind überzeugend, die
zusammengesuchten Indizien sind eindeutig. Seine Beweiskette ist schlüssig.
Die Zauberflöte liegt plötzlich vor einem wie ein Brennglas der
ideologischen und politischen Auseinandersetzungen der Spätaufklärung,
als ein allegorisches Werk des Musiktheaters, in dem hinter dem märchenhaften
Vordergrund eine allegorische Darstellung der Ideale und Riten des
Illuminatenordens zu verstehen ist. Die Zauberflöte ist so gesehen ein
radikal utopisches, aufklärerisches, ja politisches Werk, mit dem sich
Mozart von der Musiktheaterbühne verabschiedete. Helmut Perls Buch ist
eines der scharfsinnigsten Bücher, die je über die Zauberflöte
geschrieben wurden. Nach der Lektüre versteht man endlich die „Zauberflöte“
als utopischen Abschluß einer geradlinigen Entwicklungslinie der
gesellschaftskritischen Opern „Cosi fan tutte“, „Le Nozze di
Figaro“ und „Don Giovanni“.
Es
bleibt nur zu wünschen, daß das Mißverständnis der Zauberflöte vor
allem auf der Bühne, wo seit Generationen die Hanswurstiaden und
Kasperliaden, die Märchenklischees und insze-natorischen Verrenkungen
meist den Blick auf das Werk eher verstellen als erhellen, endlich ein
Ende hat.
Wobei Perl nicht
verschweigt, daß die szenischen Mißverständnisse auf Tradition beruhen,
der Tradition nämlich der bewußten Uminterpretation, ja Textverfälschung
mit dem Zwecke der Verharmlosung. Und das schon kurz nach Mozarts Tod.
Angefangen hat es mit Christian August Vulpius, dem Schwager von Goethe,
der eine völlig entschärfte Textversion erstellte, in der die aufklärerischen
Intentionen des Textes total eliminiert wurden. Daß Goethe diesen Unsinn
in Weimar bzw. Bad Lauchstädt aufführte, ist wohl nur durch Anweisung
seines fürst-ichen Brotherrn zu erklären. Der Erfolg der Zauberflöte
beim breiten Publikum geht übrigens auf diese verharmloste Version zurück.
„In der Originalversion Schikaneders ist die Zauberflöte wohl nur in
Wien gespielt worden. Einem Schikaneder konnte der Kaiser nicht die Aufführung
verbieten. In Prag dagegen wurde die Theatergesellschaft, die die Zauberflöte
aufführte, eingesperrt wegen aufrührerischer Reden“. Man wußte,
warum! Heute zumal verdiente soviel Sprengstoff endlich eine angemessene
Realisierung auf der Opernbühne. Nicht nur allen Mozartinteressierten und
Opernfreunden, vor allem allen Opernregisseuren und -Dirigenten möchte
man das aufklärende Buch von Helmut Perl dringend zur Lektüre empfehlen!
Dieter
David Scholz
(Abgedruckt in
„Opernwelt“ 11/2000, S. 65)

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