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Dieter David Scholz

Rezension

Weiße Flecken, Antinomien und geschichtliche Wirkung

Neue Wagner-Literatur 2004

Oswald Georg Bauer: Richard Wagner in Würzburg, 168 S.
Michael Imhof Verlag, 2004.

Noch immer gibt es weiße Flecken auf der Landkarte der Wagnerbiographik. Eine solche „terra incognita“ ist die Stadt Würzburg. Zwischen Januar 1833 und Januar 1834 versah Wagner die Stelle des schlechtbezahlten Chordirektors am Theater der Stadt am Main. Kaum ein Wagner-Biograph hat dem viel Aufmerksamkeit gezollt, obwohl dort die Weichen für die künstlerische Zukunft Wagners gestellt wurden

 

Wagners älterer Bruder Albert, der ihm übrigens wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sah, selbst Sänger, Schauspieler und Regisseur, vermittelte  Richard die vakant gewordene, zeitlich befristete Stelle als Chordirektor am Würzburger Theater, obwohl Richard weder für das Dirigieren von Konzerten noch das Einstudieren von Chören ausgebildet war. Keine einträg-liche Stelle, aber immerhin für den abgebrochenen Studenten ein erster Schritt in die Selb-ständigkeit und der erste praktische Kontakt mit dem Theaterleben. In Würzburg lernte Richard den Theateralltag kennen, konnte seine Fähigkeiten erproben und zeigen, was in ihm steckte.

Oswald Georg Bauer hat in seinem Buch exemplarisch veranschaulicht, daß die politische Situation Würzburgs und seines Theaters zu Wagners Jugendzeit als symptomatisch für die deutsche Gesamtsituation angesehen werden darf: "Die Revolutionskriege und die Feldzüge Napoleons, die das deutsche Reich beendeten; die Befreiungskriege mit der großen Beteiligung der Studenten; die Restaurationspolitik des Vormärz; die unterschwellige Unzu-friedenheit der studentischen Jugend und der Intellektuellen mit Zensur und Bespitzelung und die Forderung nach Liberalisierung, die schließlich zur Revolution von 1848 geführt haben; die Neugründung des Theaters als neuer Ausdruck einer, vom Hof unabhängigen Bürgerkultur; der Wunsch, endlich die Idee eines deutschen Nationaltheaters zu verwirklichen.“

Auch der Spielplan des Würzburger Theaters war ein Spiegelbild der allgemeinen Situation des Theaters: der Verfall des deutschen klassischen Dramas nach Goethe und Schiller und der Erfolg von Iffland und August von Kotzebue, in der Oper ebenfalls das Ende der Klassik mit Mozart und Beethoven, dann der kurze Aufstieg der deutschen romantischen Oper mit Carl Maria von Weber als Ausdruck einer neuen nationalen Kultur nach den Befreiungskriegen, der Niedergang der deutschen romantischen Oper mit Marschner und schließlich die Domi-nanz der französischen Oper mit dem neuen Zentrum Paris, von dem die internationalen Erfol-ge von Auber und Meyerbeer ausgingen, und das neue, erfolgreiche romantische Melodram italienischer Prägung mit dem Hauptvertreter Vincenzo Bellini. „Wie in einem Brennspiegel läßt sich hier der Prozeß verfolgen, in dem Richard Wagners eigene politische und Künstlerische Prägung ihre Formung gewinnt. In Würzburg wurden die Weichen für seine theatralische Sendung gestellt“

Neben der Probenarbeit an dem umfangreichen Repertoire - auf dem Programm standen Herolds „Zampa“, Cherubinis „Wasserträger“, Webers „Freischütz“, Beethovens „Fidelio“, Aubers „Frau Diavolo“ und „Die Stumme von Portici“ sowie Rossinis „Tancredi“, Marschners „Vampyr“ und Meyerbers „Robert le Diable“ - komponierte Wagner an seiner (ersten voll-ständig erhaltenen) Oper, „Die Feen“, die er in Würzburg auch abschloß. Bauer hat das gründlich recherchiert und mit vielen Abbildungen und beigefügten Dokumenten eindrucksvoll dargestellt. Eine Lücke der bisherigen Wagnerforschung ist geschlossen worden.

Wagner plagte schon in Würzburg  Existenzangst. Die zehn Gulden monatlich, die er als Gage erhielt, reichten für kaum mehr als die Miete eines bescheidenen Zimmers in der Unteren Kapuzinerstraße Nr. 40, gegenüber dem Hofgarten. Seinem Freund Theodor Apel vertraute er es in einem Brief vom 14. März 1833 an: „Meine Zukunft drückt mich jetzt schwer.“

Udo Bermbach: Der Wahn des Gesamtkunstwerks. 396 S.
J.B. Metzler Verlag 2004.

Als Wagner 18 Jahre später, 1851, in seiner autobiographischen Programmschrift „Eine Mit-teilung an meine Freunde“ betonte, daß er „die Zukunft ... aus den Bildern der Vergang-enheit“ entwickele, wollte er damit das utopisch-politische Potential seiner Opern bzw. „Musikdramen“ in den Vordergrund rücken, das schon damals hinter Mythos und Mittelalter-dekoration seines Werks verkannt wurde. Der unermüdlich für Wagners politische Fortschritt-lichkeit plädierende, in Diskussionen engagiert für Wagners politisch progressive Intentionen streitende Politikwissenschaftler Udo Bermbach, der 1994 in einem vielbeachteten Band erstmals beredt und kenntnisreich darlegte, daß Wagner in seinem Gesamtkunstwerk das Modell einer demokratischen Gesellschaft ästhetisch vorstrukturierte, indem er das antike Ideal der Bürgergesellschaft, der Polis in die Moderne holen und mit den Ideen von Anarchisten und Sozialisten zu einem  Gesellschafts- und Kunstentwurf der Zukunft verbinden wollte, hat in der Neuausgabe seines erfolgreichsten Beitrags zum Thema Wagner „Der Wahn des Gesamtkunstwerks“ nicht nur den alten Text gründlich überarbeitet und auf den neusten Stand der Forschung gebracht, er hat sich darüber hinaus auch mit Wagners Schopen-hauerrezeption und deren Einfluß auf die politische und ästhetische Theorie Wagners befaßt, hat Werkanalysen des Rings und des Parsifal und ein sehr differenzierendes Kapitel über Wagners Antisemitismus hinzugefügt, jenseits plakativer Einseitigkeit der Wertung aus der Post-Holocaust-Perspektive. Eine begrüßenswerte Vervollständigung, ja Rundung des per-spektivenreichen Buchs, das lange vergriffen war. Was Bermbach im Epilog andeutet, daß die „Ambivalenzen des Kulturverständnisses wie der Kunstkonzeption Wagners von kultur-kon-servativen bis völkischen Autoren schon zu seinen Lebzeiten, erst recht nach seinem Tod“ zu ihren eigenen Zwecken ge- und benutzt worden sind, hat Sven Friedrich, Direktor des Richard-Wagner-Museums mit Nationalarchiv und Forschungsstätte in Bayreuth, in seiner profunden Arbeit über „Deutung und Wirkung“ Wagners vertieft.

Sven Friedrich: Richard Wagner. Deutung und Wirkung.
Königshausen & Neumann, 198 S., 2004

 

Zurecht begreift Friedrich Wagner als „eine der bedeutsamsten und folgenreichsten Erschei-nungen der europäischen Kulturgeschichte“, die wie „ein Brennglas ... die ästhetischen und geistigen Strömungen seiner Zeit aufgenommen, gesammelt und repräsentiert“ habe. Daß sich „mit und nach Wagner das ästhetische Denken und Empfinden in den europäischen Kulturen nachhaltig gewandelt hat“ ist Friedrichs These, die er anhand der Wirkung von Wagners privater wie werkimmanenter „Initiation und Identität“ verdeutlicht. Franz Liszt, Friedrich Nietzsche und Thomas Mann werden als Kronzeugen zitiert. Besonders originell ist die me-dientheoretische Beschreibung des Tannhäuser als Pionier im „Cyberspace der erotischen Maßlosigkeit“.

In Friedrichs Sinne dürfte man die wandlungsfreudige „Höllenrose“ Kundry in Wagners Parsifal als die wohl virtuoseste Surferin im Cyberspace des Eros bezeichnen. Leider spart Friedrich diese - vielleicht interessanteste - Bühnenfigur Wagners aus.

Kundry &  Elektra und ihre leidenden Schwestern.
Hrsg. Von Silvia Kronberger und Ulrich Müller. 215 S.
Verlag Mueller-Speiser, 2003.

 

Um so mehr erfährt man über sie im Band 53 der Salzburger Akademischen Beiträge „Kundry und Elektra“.  Schizophrenie und Hysterie dieser Frauengestalt und ihrer leidenden Schwestern sind das Thema. Unter den dreizehn hochinteressanten Aufsätzen verschiedener Autoren des Salzburger Ostersymposions  2002, die zum Teil weit von Wagner abschweifen, ist der von Peter Emmerich über die Ambivalenzen der Erlösungskonzeption Wagners am aufschlußreichsten „in Sachen Wagner“. Emmerich kennt Werk und Leben Wagners wie kaum ein Anderer und weiß Wagners „Erlösungswahn“ überzeugend zu dekodieren als das, was der erotische Utopist Wagner ein Jahr vor seinem Tod in seiner Schrift „Über das Weibliche im Menschen“ forderte: „Die Aufhebung der Geteiltheit der Einheit des Männlichen und Weiblichen“.

Dem wohl brisantesten wirkungsgeschichtlichen Zusammenhang „Wagner und Hitler“ widmet sich Sven Friedrich in seinem Schlußkapitel und betont: „Ohne geschichtliche Kontinuität zu leugnen, erscheint es so legitim wie notwendig, auch bei der Frage nach Wagner und den Folgen die Behauptung unbedingter Kausalitäten in Zweifel zu ziehen. Erst ein historisches Verständnis, das frei ist von den Vorstellungen bedingungsloser konsekutiver Zwangs-läufigkeiten, öffnet den Raum für die ethische und moralische Verantwortung des politischen Subjekts für die Gesellschaft als zugleich individuelle Selbstverantwortung.“

Martin Geck: Richard Wagner. Rowohlts Monographien. 186 S., 2004

Jener kritische Zweifel durchzieht Martin Gecks Wagnis, auf 185 Seiten das historische Phä-nomen Richard Wagner als Ganzes zu begreifen und für den (unvorbereiteten) Leser dieser Reihe begreifbar zu machen. Wo Friedrich Marginalien zur Biographie Wagners beisteuerte, das Leben des Komponisten als „Fluchten Richard Wagners“ im biographischen wie geistes-geschichtlichen Sinne meinend, entwirft Geck nach Maßgabe der Konzeption der Rowohlt Monographien eine umfassende, so informative wie illustrative Lebens- und Werkdarstellung auf kleinstem Raum. Wagners reisefreudige Vita zwischen Leipzig, Dresden, Paris, München, Bayreuth und Italien, um nur die wichtigsten Stationen zu nennen, wird dezidiert auf den Punkt gebracht, Wagners Œuvre aus souveräner Kenntnis knapp charakterisiert, seine Wirkung und die Diskussion um Wagners Werk angedeutet. Der „Einsteiger“ (das Zielpublikum dieser verdienstvollen Reihe) erfährt viel über Musik und Aufführungspraxis, Werk und Ent-stehungsgeschichte, Biographie und Wirkungsgeschichte Wagners. Geck gelingt es, ein Leben voller Brüche und Episoden mit Frauen, Künstlern und Königen darzustellen und gleichzeitig die Phantasmagorie und Realisierung eines Werks zwischen Maßlosigkeit und Askese, Sinn-lichkeit und Gedankentiefe, Revolution und Regression darzustellen. Die Literaturangaben sind in diesem Rahmen naturgemäß subjektiv ausgewählt und nicht durchweg auf dem neusten Stand. Das Fazit des schmalen Bändchens gipfelt in der zutreffenden Erkenntnis: „Wer Wagners Werk allzu entschlossen mit seiner verzerrten Rezeption durch Nationalismus und Nationalsozialismus gleichsetzt, mystifiziert in zwei Richtungen: Er lenkt von stärkeren Kräften ab, auf die sich der Nationalsozialismus stützen konnte und  verweigert sich zugleich der Einsicht, dass es Abendland, Zivilisation und Moderne nur als Ganzes gibt.“ Es ist die Summe heutiger Wagnerforschung.