Dieter David Scholz

Rezension

Neue alte Wagner-Neuigkeiten  

Verblüffende Wieder- und Erstveröffentlichungen historischer Tristan-, Parsifal- und Ringaufnahmen   

 

Was Wagner für die Stoffe seiner Musikdramen bekannte: "Die Zukunft suchen wir uns aus den Bildern der Vergangenheit", kann man heute – aufs akustische Klangbild übertragen – für die mustergültigen Interpretationen seiner Werke auf Tonkonserven behaupten. Wieder sind historische Tondokumente aufgetaucht, die die meißten neuen Wagner-Aufnahmen in den Schatten stellen.  Allen voran der erste Tristan "Neubayreuths" unter Herbert von Karajan, eine Sternstunde des Musiktheaters, die bereits bei verschiedenen Labels als Livemitschnitt veröffentlicht wurde, zum Teil in sehr unzulänglicher Klangqualität. Zum ersten Male  klang-restauriert erschien die Aufnahme, deren glutvolle Intensität von Karajan später nie wieder überboten wurde, 2002 bei Urania (URN 22.218. 2003). Schon bei dieser Aufnahme, die mit dem sensationellen USD 24 Restaurierungsprogramm restauriert wurde, warb man damit, der Aufnahme seien zum ersten Mal die Originalbänder zugrunde gelegt worden.

Wagner: Tristan und Isolde.
Ramón Vinay, Ludwig Weber, Martha Mödl, Hans Hotter, Hermann Uhde, Ira Malaniuk. Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele, Herbert von Karajan. Orfeo (3 CDs); AD: 1952

Offiziell hat das Label Orfeo jetzt mit Absegnung Wolfgang Wagners - zum Auftakt einer langfristigen Wieder- und Erstveröffentlichungs-Kooperation historischer Bayreuth-Mitschnitte - die Originalaufnahmen des vom Bayerischen Rundfunk aufgezeichneten "Tristan" zum ersten Mal veröffentlicht.  Dieser Tristan offenbart mehr als in allen bisherigen Editionen die orche-strale Wucht und die grandiose Sängerleistung des durchweg hochkarätigen Ensembles, allen voran  Martha Mödl.  Nie wieder hörte man den "Zauberkasten" ihres farbigen, erdig-sinn-lichen Stimmorgans mit der tragödenhaften Expressivität besser und unverfälschter als in dieser Aufnahme. Die Räumlichkeit und Präsenz des Klangbildes ist verblüffend, das vor Leiden-schaft glühende  Dirigat Karajans klingt so präsent wie nie zuvor. Kein Rauschen, Klirren, Knistern und keine verzerrten Töne stören mehr den Zauber dieser Aufnahme.

Wagner: Der Ring des Nibelungen.
Gertrude Grob-Prandl, Hilde Konetzni, Günther Treptow, Helena Braun, Ferdinand Frantz, Karl Kamann, Ludwig Weber Julius Pölzer u.a. Wiener Symphoniker, Rudolf Moralt. Gebhardt (12 CDs), AD: 1948/49.

Klangtechnisch zwar nicht durchweg so überzeugend, aber doch interpretatorisch fulminant ist der "Ring", den der Altmeister unter den Wiener Taktstockvirtuosen, Rudolf Moralt,  1948/49 mit den Wiener Symphonikern produzierte. Es war die erste Gesamtaufnahme der "Nibe-lungen-Tetralogie" auf Platte bzw. Band. Swarowski hat ihn seinerzeit für den Sender RAVAG – die Österreichische Radio-Verkehrs-Aktiengesellschaft - produziert, ausschließlich mit Solisten der Wiener Staatsoper, ein eindrucksvolles Zeugnis jener "heilen Opernwelt" der Wiener Nachkriegsära. Innerhalb von weniger als zwei Jahren hatte Moralt den kompletten Ring unter studioartigen Live-Bedingungen eingespielt, konzertant vor Publikum im Konzert-haus. Dieselbe Methode wandte Wilhelm Furtwängler fünf Jahre später bei seinem berühmten RAI-"Ring" in Rom an. Mit demselben Wotan-Sänger, dessen Karriere in Rudolf Moralts Wiener Ring-Aufnahme begann, mit Ferdinand Frantz, einer konkurrenzlosen Autorität als Wotan mit großer Stimme und vorbildlicher Wortverständlichkeit.  Aber nicht nur Ferdinand Frantz, das gesamte Sängerensemble dieses vom Label Gebhardt bestens klangrestaurierten und erstveröffentlichten "Rings" ist   allen neueren Aufnahmen ebenbürtig, wo nicht überlegen. In den kleinen wie in den großen Partien. Ludwig Weber singt den Hagen, der überragende Julius Pölzer den Loge, Hilde Konetzni die Sieglinde, Elisabeth Höngen ist die Göttergattin Fricka und die fast vergessene Rosette Anday eine überwältigende Urmutter Erda. Geradezu sensationell ist der Siegfried Günter Treptows, der später neben Max Lorenz und Ludwig Suthaus einer der bevorzugten Wagnerhelden Wilhelm Furtwänglers wurde,  seit 1939 einer der großen Wagnertenöre seiner Zeit. Er hatte nur das Pech gehabt, immer an den falschen Häusern zu singen, unter den falschen Dirigenten, zur falschen Zeit. So kam sein großer Durchbruch erst nach dem Krieg. Die Berliner freilich feierten ihn schon in den späten Dreißigerjahren am Deutsche Opernhaus. 1942 ging er nach Wien. Durch Moralts konzer-tante "Ring"-Aufführung wurde er von Furtwängler entdeckt. Seine große internationale Karriere begann.  Die größte Entdeckung im "Moralt"-Ring ist  allerdings die Brünnhilde der (heute sehr zu Unrecht vergessenen) Gertrude Grob-Prandl, die für Helena Braun nach der "Walküre" einsprang und seitdem eine der weltweit führenden Hochdramatischen ihrer Zeit wurde, neben Birgit Nilsson, der sie an Stimmgewalt nicht nachsteht, ob als Turandot, Elektra, Isolde oder Brünnhilde. An der Wiener Staatsoper und an  der Berliner Staatsoper war sie in den Fünfzigerjahren  - gemeinsam mit Günter Treptow - oft zu hören. In Wien spielte man übrigens nach dem Krieg bis zu Herbert von Karajans Inszenierung 1957-60 nur konzertante "Ringe". Der nun restaurierte und konservierte "Ring" Rudolf Moralts machte den Anfang.

 

Wagner: Das Rheingold.
Heinz Rehfuss, Inge Borkh, Julius Pölzer, Alois Pernerstorfer u.a. Berner Staats-orchester, Otto Ackermann. Archiphon (2 CDs), AD: 1951.

Eine große Überraschung ist die Erstveröffentlichung des kompletten "Rheingolds" unter Lei-tung des fälschlicherweise nur als Operettendirigent erinnerten Otto Ackermann. Auf Initiative Gert Fischers, des Vorsitzenden der Otto-Ackermann Gesellschaft, ist nun erstmals komplett (Auszüge gab es bereits) das Berner "Rheingold" von 1951 veröffentlicht worden. Über-raschend ist vor allem die  Schlankheit des Orchesterklangs (nicht mehr als 53 Musiker stan-den damals zur Verfügung) und die Selbstverständlichkeit des präzisen, absolut wortver-ständlichen Wagnersgesangs eines ohne Ausnahme fabelhaften Ensembles, aus dem Inge Borkh als jugendlich agile Fricka und Heinz Rehfuss als brilliant artikulierender, geradezu belkantisch schön singender  Wotan mit betörender Höhe herausragen, aber auch Waltraut Demmer als  prachtvolle Erda, Alois Pernerstorfer als Alberich und Julius Pölzer als kauzig-markanter Charakter-Loge. Eine Demonstrations-CD wortverständlichen Wagnergesangs.

Wagner: Parsifal.
Bernd Weikl, Kurt Moll, Matti Salminen, James King, Franz Mazura, Yvonne Minton u.a. Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Rafael Kubelik. ARTS (4 CDs), AD: 1980.

Die Trouvaille unter den Erstveröffentlichungen und ein besonderes Beispiel an unverant-wortlicher Veröffentlichungsverhinderungspolitik  der Schallplatten-Firmen ist der nun erstmals erschienene "Parsifal" Rafael Kubeliks aus dem Jahre 1980. Er wurde damals zugunsten der zeitgleichen Neuaufnahme Herbert von Karajans in die Archive verbannt, obwohl er der aus Marketinggründen favorisierten Karajan-Aufnahme in nichts nachsteht, im Gegenteil! Die Besetzung ist weit besser. James King als Parsifal singt Peter Hoffmann glatt an die Wand. Er erweist sich als einer kantabelsten  Parsifal-Interpreten auf CD.  Auch Bernd Weikl als viriler Amfortas und Franz Mazura als enorm dramatischer Klingsor sind Karajans Besetzung überlegen. Kurt Moll ist wie bei Karajan so auch bei Kubelik einer der souveränsten und stimmschönsten Gestalter des Gurnemanz, bewegend und wohltönend hier wie dort. Auch Yvonne Mintons samtige Kundry ist der Dunja Vejzovics sängerisch  weit überlegen.  Aber dieser neue alte "Parsifal" ist nicht nur ein Wagner-Sängerfest. Rafael Kubelik, der sich ja schon mit seiner verspäteten "Meistersinger"-Gesamtaufnahme als einer der kompetentesten Wagner-Dirigenten auszeichnete, fasziniert auch in seinem unter Studiobedingungen vom BR aufgezeichneten "Parsifal" und man fragt sich, warum mußte man auf diese Einsicht so lange warten. Kubeliks Gespür für die klanglichen Raffinessen des alten Wagner und  der ausge-pichte Nuancenreichtum seiner Phrasierungen überragen Karajans klanglichen Vordergrund-luxus um Welten. Kubelik besticht durch differenzierte, klug ausbalancierte Temporelationen, pulsierend-vorwärtsdrängende Dramatik ohne jede Gehetztheit und eine intelligente Klang-dramaturgie. Der kristallklare, phantastisch aufgenommene, strahlend-glitzernde Orchester-klang ist weit entfernt von allem falschen weihevollen Wagner-Pathos´. Dieser fast um ein Vierteljahrhundert verspätet veröffentlichte "Parsifal" darf als  Referenzaufnahme bezeichnet werden.

 

(Opernwelt)