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Dieter
David Scholz
Rezension
Des Rätsels Lösung?
Ludwig Köppen: Mozarts Tod. Ein Rätsel wird gelöst
Ludwig Köppen Verlag 2004, ISBN 3-00-013302
-A
292 S.
Es mangelt nicht an
Mozartliteratur. Doch kein Ereignis aus Mozarts Biographie ist nebulöser
phantasievoller, unbefriedigender überliefert als sein Tod und seine
Beerdigung. Selbst namhafte Mozartbiographen befleißigen sich mangels
exakten Wissens und zuverlässiger Quellen mehr oder weniger unglaubwürdiger
Ausflüchte, Rekonstruktionsversuche oder Legendendichtungen. Der Kölner
Autor Ludwig Köppen, promovierter Mathematiker, Statistiker und
Mozart-Privatgelehrter, hat das Rätsel um Mozarts Tod zum Thema eines
Buches gemacht. Sein Titel: "Mozarts Tod. Ein Rätsel wird gelöst".

Mozarts Requiem gilt
gemeinhin als sein letztes, unvollendetes Werk. Die Legende, daß ein
eigenartig gewandeter Bote eines unbekannten Auftraggebers, ein „grauer
Bote“ im Juli 1791 wie ein Abgesandter aus einer anderen Welt an Mozarts Tür
erschienen sei und ihn im Auftrag eines anonym bleiben wollenden Bestellers
mit der Komposition der Totenmesse beauftragte, wird von fast allen
Biographen Mozarts überliefert. Auch daß es danach bergab gegangen sei mit
Mozarts Gesundheit.
„Gegen Ende November 1791
legte sich Mozart krank zu Bett, von dem er nicht mehr aufstehen sollte.
Noch auf seinem Todeslager arbeitete er fieberhaft an dem Werk, das er nicht
unvollendet lassen wollte. Am 4. Dezember, dem Tag vor seinem Tod, probte er
mit einigen Freunden daraus das Lacrimosa und elf Stunden später war sein
Körper dem hitzigen Frieselfieber erlegen. Noch wenige Minuten zuvor hatte
er mit seiner Frau heiter geplaudert. Baron van Swieten, ein reicher
Bekannter Mozarts, ordnete aus Gründen der Sparsamkeit ein Begräbnis 3.
Klasse an. Am 6. Dezember fand die Trauerfeier statt. Constanze, die gleich
nach dem Tode ihres Gatten erkrankte, konnte später, als die Grabstelle
ihres Mannes aufsuchen wollte, keinerlei Spuren mehr finden. So endete
bekanntlich das Leben dieses Genies. Oder war alles ganz anders?“
Ludwig Köppen stellt diese
Frage an den Beginn seines Buches. Er will sich nicht zufrie-dengeben mit
den überlieferten Behauptungen und Vermutungen um Mozarts Tod. Tatsächlich
verschleiern ihn alle namhaften Mozartbiographen, ob Otto Erich Deutsch,
Erich Schenk, Egon von Komorzynski, Franz Xaver Niemetschek, Friedrich
Rochlitz, Georg Nikolaus Nissen, der spätere Gatte Constanzes, ob Otto Jahn,
Carl Bär oder Volkmar Braunbehrens. Alle sahen sich der Verlegenheit
ausgesetzt, über die genaue Todesursache Mozarts und das Verschwinden seiner
Leichenur Mutmaßungen anstellen zu können. Wo sie nichts wußten, halfen sie
sich mit Vermutungen und nebulösen Formulierungen.
Sie alle schreiben, daß
Mozart, der immerhin von zwei bedeutenden Ärzten Wiens betreut wurde und
schlimmste Vergiftungssymptome, darunter totales Nierenversagen aufwies,
nicht in ein Krankenhaus gekommen sei, daß Mozarts Leiche, nach einem Tag
Aufbahrung im Ster-behaus von Unbekannten weggeschafft worden, angeblich für
nur einen Tag in einer Sei-tenkapelle von St. Stephan, die Kruzufixkapelle
gebracht worden und am Abend, nach Einbruch der Dunkelheit in den 5
Kilometer vor Wiens Mauern gelegenen St. Marxer Fried-hof überführt worden
sei. Weder Mozarts Gattin, noch Verwandte, Freunde, Kollegen oder die Brüder
der Freimaurerloge, der Mozart angehörte, hätten sich, so liest man
überein-stimmend, um Mozarts Tod und Beerdigung gekümmert. Merkwürdig für
einen der aufsehen-erregendsten Komponisten seiner Zeit.
Es war Baron van Swieten,
einflußreicher Hofbeamter, und einer der reichsten Mäzene und Freunde
Mozarts, der sich um Mozarts Begräbnis kümmerte. Ausgerechnet ihm war
Mozart allerdings nur ein Armenbegräbnis wert. Mozarts Witwe Constanze
wurde sofort nach Mozarts Tod – von wem auch immer - zu einer ihr
offensichtlich wenig oder unbekannten Fa-milie gebracht. Und dann verlieren
sich die Spuren. In aller Anonymität und Eile wurde Mozart auf dem St.
Marxer Friedhof verscharrt, in einem Reihengrab. Es erhielt weder Kreuz noch
Grabstein, blieb unauffindbar für alle, die nach ihm suchten, bis heute. Die
Zeitungen schwiegen, die Witwe Constanze schwieg, sie besuchte den Friedhof
ihres Mannes erst 17 Jahre nach seinem Tod zum ersten Mal. Da war bereits
keine Spur seines Grabes mehr aufzufinden. - Man muß kein Kriminalist sein,
um die Tatsächlichkeit dieser Zusammenhänge in Frage zu stellen. Ludwig
Köppen wagt eine Hypothese. Sie ist, wie er selbst zugesteht, nicht neu.
Schon Wolfgang Hildesheimer hat den Verdacht geäußert, aber Köppen geht ihm
mit kriminalistischem Spürsinn nach:
"Spätestens Ende Juni des
Jahres 1791 hat Mozart intimen Verkehr mit einer Frau, die an Lues erkrankt
ist. Nach etwa 2 Wochen treten die Symptome des Primärstadiums auf, sie sind
weder zu übersehen noch zu verkennen. Mozart behandelt sich lokal mit
quecksilber-haltigen Salben. Dies führt er in Prag fort, wo er mit Constanze
und Franz Xaver Süßmayer am 28. August eintrifft."
Franz Xaver Niemetschek,
der mit Mozart in Prag Umgang pflegte, bestätigte in seinem Mozartbuch
diesen Verdacht:
"Schon in Prag kränkelte
und medizinierte Mozart unaufhörlich; seine Farbe war blaß und die Miene
traurig."
Mozarts Gesundheitszustand
verschlechtert sich nach seiner Rückkehr nach Wien – so Köp-pen - infolge
zunehmende Quecksilbervergiftung dramatisch.
"Jedenfalls kommt es bei
Mozart zu einer irreversiblen Schädigung des Nierenparenchyms, in deren
Gefolge Nierenversagen mit komplett eingestellter Harnproduktion und
fortschreitender Harnvergiftung auftreten. Mozart ist mit keinem damals
vorhandenen medizinischen Mittel zu retten."
Die Tatsache, daß beide
Mozart behandelnden Ärzte, Dr. Closset und Dr. Salaba, Spezia-listen für
Venerologie und zuständig auch für das Hauptspittal Wiens samt Siechenhaus
und Station für Venerische, Mozart nicht einliefern, sondern zuhause
qualvoll sterben lassen, offen-sichtlich die Verlegenheitsdiagnose vom
Frieselfieber stellen, daß Mozart heimlich und anonym beerdigt wurde,
verdichtet sich für Köppen zu einer eindeutigen Indizienkette:
"Hier ist eine
Retuschierung der Wahrheit vorgenommen worden. Die beiden erfahrenen Ärzte
lassen den Moribunden in Ruhe zuhause sterben, was den Vorteil einer
Ehrenrettung hat. "
Warum wird Mozart nicht in
seiner Heimat eingesegnet, warum verweigert ihm die Kirche die
Sterbeskramente, warum unternehmen die Brüder von der Loge nichts, warum
schweigt Constanze auch später zu den Vorgängen? Die entscheidende Frage
lautet: Warum agiert Gottfried van Swieten so seltsam, reißt alle
Formalitäten an sich und läßt Mozart in einem anonymen Armengrab begraben?
Immerhin ist er einer der bis dahin spendabelsten Freunde und Auftraggeber
Mozarts gewesen, zudem als Präses der Studien- und
Bücherzensur-hofkommission, Präfekt der Hofbibliothek und königlicher
Stephansritterordenskommandeur einer der reichsten Männer Wiens. Auch dafür
hat Köppen eine Antwort:
"Alles hängt einzig von
seiner unglücklichen Tat ab, die darin bestand, daß er Mozart mit dem
quecksilberhaltigen Therapeutikum aus dem Vorrat seines Vaters versorgt hat,
wozu ihm jegliche Befugnis fehlt. Ein unter Kaiser Joseph dem Zweiten
herausgegebener Erlaß schreibt vor, daß Gifte nur von Apothekern abgegeben
werden dürfen, die darüber genau Buch zu führen haben. Aus der Sicht eines
Strafverfolgers hat Baron van Swieten widerrechtlich Gift weitergegeben. Er
steckt in einem Dilemma: Kommt sein Vergehen an den Tag, läßt sich ein
Skandal kaum unterdrücken. Vielleicht muß er eine polizeiliche Untersuchung
gewärtigen und ist gesellschaftlich ruiniert. "
Deshalb, so Köppen, habe
der Baron, in Absprache mit dem Hof, vorgesorgt und ein
Ver-schleierungs-Szenario entworfen und durchgeführt, das sicherstellte, daß
alle pikanten Details geheimgehalten, die Öffentlichkeit ausgeschlossen, daß
sein eigener und der Ruf Mozarts unbescholten blieben und Konstanze - der
dafür materielle Sicherheit versprochen wurde – stillschwieg. Van Swieten
wurde übrigens – dies ist jedenfalls eine verbriefte Tatsache - noch am Tage
von Mozarts Tod sämtlicher Hofämter enthoben.
Köppens Hypothese ist
konsequent und in sich schlüssig. Seine Indizienanhäufung ist erdrückend.
Nur: Köppen liefert keinen einzigen Beweis. Auch für ihn gilt, was der
Mozart-forscher Helmut Perl in Bezug auf die übrigen Mozartbiographen in
seinem demnächst erscheinenden Buch zum selben Thema anmahnt:
"Nicht ein einziges der als
faktisch unvermeidlich und damit unwiderleglich hingestellten und als
Tatsachen vermuteten und dargestellten Ereignisse kann belegt werden."
Es bleiben also weiterhin
alle Fragen offen. Und Köppens Hypothese bleibt ein - wenn auch
faszinierendes und in sich logisches - Gedankenkonstrukt. Wer Köppens
Hypothese folgen möchte, wird in seinem Buch alle nur erdenklichen
Argumente, die dafür sprechen, finden. Darüberhinaus eine eindrucksvolle
Dokumentation der Damenbekanntschaften Mozarts, plastische Schilderungen des
Schreckgespenstes Syphilis im Wien des achtzehnten Jahr-hunderts und eine
luzide medizinische Lektion in Sachen Lues. Was die Syphilis im Wien des
achtzehnten Jahrhunderts bedeutete, hat man anschaulicher nie vermittelt
bekommen als in Köppens Buch. Insofern schließt das Buch in jedem Fall eine
Lücke der Mozart-Literatur. Die Lücke in Mozarts Biographie schließt es
nicht.
Des Rätsels Lösung, die
Köppen auf dem Titel seines Buches verspricht, sie bleibt in weiter Ferne.
Es könnte alles auch ganz anders gewesen sein. Zum Beispiel wie Helmut Perl
ver-mutet, und auch er hat triftige Argumente für seine Hypothese, daß nach
der "Zauberflöte", die Perl übrigens in seinem letzten Buch (siehe meine
Rezension "Der Fall Zauberflöte auf dieser Homepage) als chiffrierte
Kampfansage eines radikal aufklärerischen Illuminaten an Adel und Klerus
überzeugend dechiffrierte, daß nach dem Titus", den die Kaiserin als "porcheria
tedesca" bezeichnete, die "Begräbnisreaktion" von Adel und Klerus zum
Racheschlag an Mozart ausgeholt habe. Er sei exkommuziert worden, und
schließlich, angeführt vom reaktionären Leopold dem Dritten, der für seine
Hatz auf die Illuminaten bekannt war, und den Jesuiten, unter deren starkem
Einfluß die Kaiserin stand, auf dem Schindanger verscharrt worden.
Wie auch immer man die
Umstände von Mozarts Tod, mehr noch seiner Beerdigung und der
Unauffindbarkeit seines Grabes bewerten, welche Schlüsse man daraus ziehen
mag: Das ominöse Geschehen um Mozarts schmachvolles Ende ist bezeichnend für
das Ende der liberalen Epoche Wiens (unter Joseph dem Zweiten), für Mozarts
Größe und die Irritation, die er schon zu Lebzeiten ausgeübt haben muß. Das
Thema wird die Mozartverehrer auch weiterhin beschäftigen. Und man darf
schon gespannt sein auf Helmut Perls Buchveröffent-lichung im Vorfeld des
250sten Geburstages Mozarts.
Buchrezension im SWR, Musik aktuell/OPERNWELT

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