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Dieter David Scholz

Rezension

 

 

Bernhard Morbach: Die Musikwelt des Mittelalters
Bärenreiter225 S. + Audio und Daten CD, 24, 95 Euro

 


Bernhard Morbach ist eine Institution der Alte Musik-Szene im Radio. Seit 26 Jahren moderiert er Alte Musik-Sendungen. Im heutigen RBB, dem ehemaligen SFB, ist „Morbach live - Alte Mu-sik“ für viele Hörer geradezu eine Kultsendung, die sich allen  Programmreformen und Trends heutigen „Kulturradios“ erfolgreich widersetzt. Jetzt hat Bernhard Morbach ein Buch über die Musikwelt des Mittelalters herausgebracht. Es ist der erste Band einer geplanten Trilogie, die mit Musik der Renaissance und des Barock fortgeführt werden wird.

 

 

Im Jahre 1994 legte eine renommierte Schallplattenfrma die Wiederveröffentlichung älterer  Gre-gorianik-Aufnahmen der Schola des spanischen Benediktinerklosters Santo Domingo vor. Diese Doppel-CD hatte einen Erfolg, der alle Erwartungen übertraf. In den USA gelangte diese CD so-gar in die Pop-Charts und löste einen regelrechten Gregorianik-Boom aus, der auch nach Europa hinüberschwappte.  Für die Begeisterung einer breiten Öffentlichkeit an Musik des Mittelalters scheint es - nach Meinung von Bernhard Morbach - völlig nebensächlich, daß es sich - gerade bei der Gregorianik - um lateinische Kirchen-Musik handelt.

Morbach: "Ich glaube, auch im reinen Klang des gregorianischen Chorals teilt sich der spirituelle Aspekt dieser Musik mit, die primär eine Musik des Gebets war. Ich glaube auch, daß dieser spirituelle Aspekt dieser Musik für den Menschen von heute ganz spontan faszinierend sein kann. Das Spirituelle ist ja auch notwendiger Bestandteil des menschlichen Wesens, in welche Richtung man sich auch orientiert."

Bernhard Morbach, Spezialist für Alte Musik, will keinesweg dem Trend einer mystisch-irrationalen, besinnungslosen Sehnsucht nach der Spiritualität des Mittelalters das Wort reden, wie sie beispielsweise in der Fantasy-Mode in Literaur und Film zum Ausdruck kommt. Im Gegenteil: Morbach geht es um die Essenz des Mittelalters, deswegen hat er - als erfahrener Radimacher, der Möglichkeiten und Grenzen seines Mediums kennt - dieses Buch geschrieben. Es ist ein Buch, das sich um Aufklärung  über das wahre Mittelalter und seine Musik bemüht, ein Buch, das aber auch den Anspruch erhebt, einem Trend heutigen Radios entgegenzuarbeiten, der Zeitgeistgefolgschaft, musikalischen Mainstream, Eventdenken und intellektuelle Oberfläch-lichkeit zu Bedürfnissen des Radiohörers erklärt. Bernhard Morbach:

Morbach "Ich glaube, daß die Funktionäre das Radio verändert haben - gerade was das sogenannte Kulturradio betrifft - man schielt nach großen Einschaltquoten und glaubt, sie dadurch erreichen zu können, daß man das intellektuelle Niveau absenkt. Das ist ein Prozeß, der sich im Radio vollzieht. Ich glaube nicht, daß sich dieser Prozeß bei der Zuhörerschaft vollzieht. Das ist eine reine Projektion. Ich glaube, es gibt heute sehr sehr viele Menschen, die sich CDs mit alter Musik kaufen, die sich dieser Musik auch intensiv zuwenden wollen und können, und sie verlangen auch nach einer intellektuellen Erkenntnis ihrer Hörerfahrung mit alter Musik, besonders mittelalterlicher Musik."

Was ist das eigentlich, mittelalterliche Musik? Und vor allem: welchen Zeitraum umfaßt sie?  Not-wendige Definitionen, die am Anfang einer jeden Auseinandersetzung mit dieser Musik stehen müssen. Bernhard Morbach hält sich an die gängige Epocheneinteilung, ...

Morbach "... wie sie sich jetzt schon seit einiger Zeit in der Literatur, in der Forschung durchgesetzt hat. Derzufolge beginnt das Mittelalter im Karolingerreich, also mit der Aufzeich-nung, mit der Neukomposition des einstimmigen Kirchenchorals, des sogenannten gregoria-nischen Chorals und das Mittel­alter endet so in der Zeit um 1400, dort beginnt dann nach dem eingebürgerten Verständnis die musikalische Renaissance."

Die schwere Hypothek aller heute erklingenden Musik des Mittelalters ist die Tatsache, daß wir nicht wissen, wie sie je geklungen hat. Wer heute Musik des Mittelalters aufführt, der re-konstruiert, ja phantasiert, denn anders als bei der Musik etwa des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, wo beinahe alles, was der Musiker wissen muß, in der Partitur steht, und wo Auf-führungsbedingungen, Instrumentarium und Spielanleitungen genau bekannt sind, handelt es sich bei den meißten Aufzeichnungen mittelalterlicher Musik nur um spärliche, mangelhafte Reflexe dieser Musik, die mühsam ergänzt, aktualisiert und interpretiert werden müssen.   

Morbach "Das ist die große Chance der alten Musik. Auf der einen Seite gibt es die Überlieferung, die weitgehend erschlossen ist, die große Tradition des gregorianischen Chorals, aber diese Musik kann man sich ja nicht einfach so aufs Notenpult legen und sie so musizieren, wie man eine Brahmssonate musiziert. Wir befinden uns ja noch in der Tradition von Brahms. Was die mittelalterliche Musik betrifft, so muß man das, was man in Erfahrung bringen kann über die Musik, darüber, wie man in der Zeit mit ihr umgegangen ist, mit unserem musikalischen Vor-stellungsvermögen notwendigerweise verbinden,, ansonsten bringt man keine Musik zum Erklingen."

Eben das, was man bis heute in Erfahrung bringen konnte über die gesellschaftlichen, religiösen und philosophischen Bedingungen dieser Musik, aber auch ihre handwerklich-technischen Vo-raussetzungen und Eigentümlichkeiten hat Bernhard Morbach in seinem Buch so präzise wie möglich zusammengefaßt und in 20 Kapiteln übersichtlich dar­gestellt:  Englische, französische, italienische und deutsche Besonderheiten der Musik des Mittelalters werden ebenso berück-sichtigt wie die herausragenden Persönlichkeiten, etwa Hildegard von Bingen, Guillaume de Machaut oder Johannes de Grocheo. Die Musik der Troubadoure und Minnesänger wird ebenso erklärt wie Gregorianischer Choral, Ars antiqua und Ars nova. Eine kleine Instrumentenkunde und eine beigefügte Audio- und Daten-CD mit einem umfangreichen Glossar der Begrifflichkeiten mittelalterlicher Musik, mit Noten und vielen Klangbeispielen ergänzen dieses Buch, das man mit Fug und Recht einen Grundkurs in mittelalterlicher Musik nennen darf. Es ist ein informatives und praktisches Buch, denn Radiomacher Bernhard Morbach weiß, wie man Zuhörer - und auch Leser - begeistern kann, auch und gerade mit so etwas Entlegenem wie mittelalterlicher Musik. Und er macht den Konsumenten der Plattenindustrie nichts vor:

Morbach "Alte Musik ist immer, gerade die mittelalterliche Musik, Musik des Dialogs, ein Dialog eines Musikers von heute mit den Menschen, die Jahrhunderte vor uns musikalisch aktiv waren. Und deshalb ist es auch eine Form der neuen Musik."

Und wenn sie seriös aufgeführt wird, kann sie ein wachsendes Bedürfnis heutiger Menschen befriedigen:

Morbach " Ich glaube, daß man heutzutage durchaus Boetius nachempfinden kann in seinem Uranliegen, daß eben die sinnlich wahrnehmbare Musik nichts anderes ist, als das Abbild einer kosmischen Musik, einer göttlichen Ordnung der Welt. ... Ich glaube, daß der Mensch von heute nach diesen Erfahrungen in unserer zerrütteten Welt sucht, und daß er Aspekte eines Ordnungs-denkens, in dieser Musik mitgeteilt bekommt."