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Dieter
David Scholz
Rezension

Martha Mödl: So war
mein Weg

Bekenntnisse der
"singenden deutschen Duse" mit Herz
Astrid Varnay hat Martha
Mödl in ihrem Lebensrückblick als „eine der außerordentlichsten
Künstlerinnen“ bezeichnet, „die jemals das Wagner-Repertoire gesungen haben“
und beschei-nigte ihr, „bereits zu Lebzeiten ein Denkmal“ zu sein. Auch
Birgit Nilsson würdigte die „große Persönlichkeit“ in ihrer Autobiographie
und schwärmt von Martha Mödls Kundry, Brünnhilde und Isolde: „Sie hatte eine
so schöne, samtweiche Stimme“. Solch einmütige Würdigung unter
Konkurrentinnen kommt wahrlich nicht oft vor. Immerhin sangen alle drei
Damen im Nach-kriegs-Bayreuth zur gleichen Zeit das gleiche Fach. Nun hat,
als letzte des „Neubayreuther“ Sängerinnen-Dreigestirns, auch Martha Mödl
ihre Memoiren in Form von aufgeschriebenen Gesprächen und Diktaten
vorgelegt. Schlicht formuliert, ohne höheren Anspruch, aber von
entwaffnender Ehrlichkeit ist, was sie über ihre Vita, ihre Karriere, ihre
Kollegen, über ihre Rollen und ihr Privatleben äußert. Interessant sind
beispielsweise ihre kritischen Äußerungen über den rätselhaften Wieland
Wagner, den charismatischen Wilhelm Furtwängler (der sie einst als seinen
„Zauberkasten“ bezeichnete), oder den besserwisserischen Plattenproduzenten
Walter Legge. Aufschlußreich auch, wie anders als die Anderen sie Karajan
charakterisiert. Insofern geht schon der Informationsgehalt dieses Buches
weit über das (fraglos verdienst-volle) Mödl-Buch Walter Erich Schäfers
hinaus.
Thomas Voigt hat seine
Gespräche mit Martha Mödl mit akribischer Gewissenhaftigkeit zu Papier
gebracht und zum Porträt einer singulären Opernsängerin gerundet. Angehängt
hat er eine nützliche Discographie bzw. Videographie und ein genaues
Auftrittsverzeichnis der Mödl.
Wer einmal mit Martha Mödl
Gelegenheit hatte, zu plaudern, hört sie unweigerlich hinter je-dem Satz des
- übrigens mit schönem Photomaterial ausgestatteten, solide gebundenen
Buches. Nichts wurde ihr in den Mund gelegt, was sie nicht autorisierte, der
Nürnberger Ton-fall und die unprätentiöse Wortwahl der nicht selten um
differenzierten sprachlichen Ausdruck ringenden Künstlerin, die allerdings
ihr Herz auf dem richtigen Fleck trägt und aus diesem nie eine Mördergrube
machte. Im Gegenteil: ihr ganzes Künstlertum kam stets von innen, war nicht
im entferntesten kopfgesteuert. So wie die Mödl nie eine Primadonna im
Privatleben war, hat sie auf der Bühne immer instinktiv, unbewußt, aus
innerem Impuls eher als aus verstandesorientiertem Kalkül gesungen und
gespielt. Daß sie freimütig bekennt, daß ihr sängerdarstellerisches
Künstlertum nichts Artifizielles hatte, sondern auf „reiner Intuition“
beruhte, so wie ihr Singen weit mehr auf Naturstimme, als auf
gesangtechnischer Schulung, eben das macht das Sympathische ihrer Äußerungen
ja aus. Und man liest nicht ohne Rührung das Eingeständnis, daß der
Sinnlichkeit ihres dunklen, gleichwohl zu kraftvoll dramatischen Höhen
fähigen Mezzosoprans keineswegs ein privates Sinnenglück korrespondierte.
Aber für Privatleben, Eros und Partnerschaft war in diesem Sängerleben kein
Platz, wie sie selbst-kritisch bekennt: „Privat bin ich ein Blindgänger“.
Alles was sie zu geben hatte, gab die Mödl auf der Bühne. Dort lebte sie
sich aus mit einem „Singen aus vollem Herzen und mit ganzem Körper.“ Sie
nannte es „Das Ursprüngliche, Kreatürliche - oder, wenn Sie so wollen, das
Animalische.“ Wer die Mödl je auf der Bühne erlebte, weiß, was sie meint.
Noch ihre klein-sten Auftritte bis in die jüngste Vergangenheit sind
singschauspielerische Ereignisse von singulärer Faszination. Mit Recht
nannte Karl Schumann Martha Mödl „die singende deutsche Duse“. Jetzt liegt
endlich ein authentisches und weit gefächertes Dokument dieses strengen,
selbstlosen Künstlerlebens vor.
Auch eines der schönsten
Tondokumente der Sängerin ist erst kürzlich veröffentlicht worden. Wer die
Mödl in ihrer Lieblingspartie hören möchte, die nicht (wie oft behauptet)
die Isolde, sondern die Brünnhilde war, wie in ihren Gesprächen nachzulesen
ist, der kann sich anhand des nun auf den Markt gekommenen, klangtechnisch
hervorragend restaurierten Bayreuth-Mitschnitts des „Rings“ aus dem Jahre
1953 (Golden Melodram 1.0014) einen blendenden Eindruck ihrer imposanten
hochdramatischen Stimme mit Durschlagskraft in der Höhe und mezzohaft
dunklem Fundament in der Tiefe verschaffen. Sicher orchestral eingebettet
vom einem ihrer Lieblingsdirigenten, Joseph Keilberth, singt die Mödl
umgeben von einem hoch-karätigem Wagner-Ensemble, die vielleicht
beeindruckendste, fraglos aber anrührendste Brünnhilde der
Nachkriegs-Opernbühne. Sie hat - und sie bekennt es in ihren Gesprächen
unumwunden - nicht das Volumen und die höhensichere Durchschlagskraft einer
Nilsson, auch nicht die technische Sicherheit der Varnay. Aber was präzise
Textbehandlung, Wärme und Menschlichkeit des Ausdrucks und archaische
Dramatik, ja Heroik in einem unpathe-tischen Sinen angeht, ist die Mödl in
dieser Partie unübertroffen.

Ebenfalls ein „must“ ist
der Bayreuther „Tristan“ aus dem Jahre 1952, in dem die Mödl neben Ramon
Vinay unter des jungen Herbert von Karajans stürmisch impulsiver Leitung
eine frappante Isolde sang, stimmlich auf dem Zenit ihrer sängerischen
Möglichkeiten, mit atem-beraubendem Ausdruck. Wann hätte man die Fluchszene
des ersten Aktes animalischer, den finalen Liebestod schöner, um nicht zu
sagen, wärmer, inniger, bewegender gehört? Eine der besten Aufnahme der Mödl.
Nun war ihre Stimme zum Zeitpunkt der Aufnahme noch frei von jeglichen
Abnutzungserscheinungen und Überanstrengungen, makellos strömend in der Höhe
wie in der Tiefe und ohne Registerübergangsprobleme. (Bedauerlicherweise ist
auch die jüngste Veröffentlichung dieses Mitschnitts bei Myto (962.149)
trotz klanglicher Bearbeitung nicht frei von störenden Nebengeräuschen.
Eher unter der Rubrik
„Raritäten“ zu verzeichnen ist ein kürzlich erstmals veröffentlichter
Mitschnitt eines Hamburger Liederabends der Mödl aus dem Jahre 1964
(Gebhardt 0001). Liedgesang war nicht eigentlich die Sache der Mödl, wie sie
selbst eingesteht. Sie gab auch nur wenige Liederabende im Laufe ihrer
langen Sängerlaufbahn. Ihr angestammtes Terrain war nun einmal die
Opernbühne. Dramatisch ist naturgemäß auch ihre Liedgestaltung, bei der die
Grenzen ihrer gesangstechnischen Möglichkeiten hörbar werden, obgleich der
Ernst und die akribische Textbehandlung ihrer Auseinandersetzung mit Hugo
Wolf und Franz Schubert beeindrucken. Ganz bei sich ist die Mödl dagegen,
wenn sie die Wesendonck-Lieder in Klavierfassung singt. Vor allem aber in
der beigefügten Orchesterfassung in einer Einspielung aus dem Jahre 1955 (am
Pult eines nicht näher genannten Orchesters Joseph Keilberth), wo sie zur
großen vokalen Geste der bühnenerfahrenen Heroine ausholt mit wunderbaren
Melo-diebögen und vorbildlicher Wortverständlichkeit, subtiler Phrasierung
und nuancen- wie gefühlsreichem Ausdruck. Das war ja immer ihre Stärke.
Martha Mödl. So war mein Weg.
Gespräche mit Thomas Voigt.
Parthas Verlag Berlin, 1998, 220 S. DM 48,00
R. Wagner: Der Ring des Nibelungen. Martha Mödl,
Gustav Neidlinger, Hans Hotter, Josef Greindl, Gerhard Stolze, Hermann Uhde,
Paul Kuën, Regina Resnik, Wolfgang Windgassen u.a., Chor und Orchester der
Bayreuther Festspiele. Wilhelm Pitz.Joseph Keilberth. (Bayreuth 1953).
Golden Melodram 13 CDs. (Golden Melodram 1.0014)
R. Wagner: Tristan und Isolde. Martha Mödl,
Ramon Vinay, Ira Malaniuk, Ludwig Weber, Hans Hotter, Hermann Uhde, Gerhard
Unger, Gerhard Stolze, Werner Faulhaber. Chor und Orchester der Bayreuther
Festspiele. Herbert von Karajan. (Bayreuth 1952). 3 CDs, Myto 962.149
Martha Mödl. Liederabende Vol. I. Musikhalle
Hamburg 22-2.1964. (Schubert, R. Wagner, Hugo Wolf). Klavier: Rainer von
Zastrow. 1 CD. Gebhardt JGCD 0001.
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