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Dieter David Scholz

Rezension

Dem Vergessen entrissen: Fritzy Massary

 Carola Stern: Die Sache, die man Liebe nennt. Das Leben der Fritzi Massary. Rowohlt. Berlin 1998, 378 S., ... DM

 

Viel ist über sie geschrieben, getrascht und geklatscht worden. Aber noch nie ist die Ge-schichte der Allerwelts-Soubrette aus Wien, die im Spree-Athen eine beispiellose Karriere als „Kaiserin“ der Operette machte, richtig erzählt worden. Auch bei Carola Stern weiß  man nicht, was Fiktion, was Wahrheit ist. Es macht aber nichts, denn das Buch der Stern liest sich unterhaltsam, interessant und erhebt nicht den Anspruch, ein Werk historisch genauer Doku-mentation zu sein. Vielmehr schreibt die Autorin schon im Vorwort - frei nach dem titelgeben-den Motto aus einem Brief Ludwig Marcuses, in dem er der Massary das große Kompliment machte, sie sei das Zentralgestirn jener „Sache, die man Liebe nennt“ - ihr Buch sei die Ver-wirklichung eines Kindheitstraums: in „Fritzis Operettenwelt“ einzutauchen, den betörenden „exotischen Flitterglanz und farbenprächtigen Kitsch“ ihres Lebens noch einmal aufleben, ihre „Welt noch einmal leuchten“ zu lassen. Aus dem Buch ist zweifellos mehr geworden. Die Biographie der Fritzy Massary weitet sich zur Beschreibung einer Odyssee, die in galizischen Kleinstädten und böhmischen Dörfern ihren Anfang nimmt und durch ganz Europa bis nach Kalifornien führt. Ein Stück deutsche, europäische (jüdische) Geschichte zeichnet Carola Stern in groben Zügen nach, denn das Leben der 1882 in Wien als Tochter eines Kaufmanns geborene Friederike Massarik alias Fritzy Massary, die 1904 nach Berlin kam, änderte sich 1932 schlagartig, als sie aus Furcht vor den Nazis Berlin verließ. In „Eine Frau, die weiß, was sie will“ trat sie zum letzten Mal in Berlin auf, das ihr zu Füßen lag. Die Operettenkönige Leo Fall, Emmerich Kálmán, Oscar Strauss und Franz Lehàr haben für sie geschrieben.  Der ironische Zungenschlag ihrer Diktion, die Frivolität ihres nuancenreichen Ausdrucks, das kokette Lachen ihrer modulationsfähigen Operettenstimme waren einmalig.

Die Flucht der bereits 1903, als sie den Schauspieler Max Pallenberg heiratete, zum Protestantismus konvertierten Jüdin ins Exil, bedeutete das Ende ihrer Karriere. Zwar spielt die Massary noch in Wien und versucht sich erfolglos auch in London, doch dort ist nicht ihr Publikum, sie singt nicht mehr ihre Sprache. Über die Schweiz und Frankreich emigriert sie in die USA, wo sie 1969 in Beverly Hills verstarb, wo sie seit 1939 lebte. 

Carola Stern, die schon manche weibliche Biographie geschrieben hat, erzählt dieses abenteuerliche, glitzernde Leben zwischen schmierigem Wiener Carl-Theater, Danzers Orpheum, zahllosen Provinztheatern, an denen auch der Ehemann Max Pallenberg zunächst tingelte und dem Berliner Metropoltheater, zwischen glücklichem Eheleben, eifersüchtig erduldeter männlicher Untreue und später Reife und Einsicht in die Relativität aller äußerlichen Dinge und vordergründigen Affekte wie einen Roman. Die Riege der im kalifornischen Emi-grantenasyl deutscher Kulturschaffender Beschriebenen reicht von Thomas Mann und Bruno Frank über Max Reinhardt, Ludwig Marcuse, Leopold Jessner und Albert Bassermann, bis zu Franz Werfel und Lion Feuchtwanger. Man war - fast - unter sich. Aber Carola Stern ver-schweigt auch nicht die - für so viele Emigranten typische - hoffnungsvolle Erfolglosigkeit der Massary, in Hollywood eine zweite Karriere zu starten. Nicht einmal Ernst Lubitsch, Ver-trauter und Freund aus den Zwanzigerjahren, konnte helfen. In Hollywood hatte man keine Ahnung von Europa. Wer war Frity Massary? Heute, dreißig Jahre nach ihrem Tod, sechzig Jahre nach dem abrupten Ende ihrer Berliner Karriere, ist sie auch hierzulande - wie viele vor den Nazis Geflohene - weithin vergessen, zumal es nicht eben viele Tondokumente von ihr gibt. Diesem Vergessen die unnachahmliche Sängerdarstellerin zu entreißen, ist das vorrangige - und geglückte- Anliegen Carola Sterns. Wer ihre lebendige, anschauliche, aber nicht son-derlich tiefschürfende Biographie gelesen hat, wird allerdings neugierig auf detailliertere, genauere Informationen aus der Vita der Massary. Diese allerdings muß man sich andernorts besorgen.