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Dieter
David Scholz
Rezension

Geburtsstunde des
Regietheaters

Gustav Mahler und die
Oper.
Bd. 2 der Schriftenreihe der Gustav Mahler Vereinigung
Hamburg
Hrsg. Von Constantin Floros. Arche Verlag. 2005, 143 S.. 15,00 Euro.
Es war im Juli 1883, als der
23-jährige Gustav Mahler eine Pilgerreise nach Bayreuth unternahm und tief
bewegt dem Parsifal beiwohnte. Als er, keines Wortes mächtig, aus dem
Festspielhaus hinausgetreten sei, schrieb er an seinen Studienfreund Fritz
Löhr...
„da wußte ich, das mir
das Größte, Schmerzlichste aufgegangen war, und daß ich es unentweiht mit
mir durch mein Leben tragen werde.“
Die Wagner-Leidenschaft ließ
Gustav Mahler ein Leben lang nicht mehr los. Der Musikwissen-schaftler
Constantin Floros hat schon in seinem 1998 erschienenen, vielbeachteten und
wichtigen Mahler-Buch auf die noch immer wenig bekannte Tatsache
hingewiesen, daß Gustav Mahler „ein eingefleischter Wagnerianer“, nicht nur
ein Mozartianer war. Die grenzenlose Verehrung der Werke Mozarts und Wagners
sei zur „Richtschnur seines Handelns und Wirkens an den Opernbühnen“
geworden, an denen er engagiert war. Konnte Mahler eine Aufführung nach
seinen Niveau-Vorstel-lungen nicht realisieren, zog er es vor, sie zu
boykottieren, ob in Olmütz, in Wien, in Kassel , Buda-pest, Hamburg,
Leipzig oder in Prag. Mahler begriff sich, wie einem anderen Brief an Fritz
Löhr zu entnehmen ist, als ein selbstbewußter „Streiter für das
Heiligtum“. In seinem Idealismus zeigte er allerdings nicht nur enorme
Leidensbereitschaft, sondern auch kompromißlosen, ja despotischen
Durchsetzungswillen einer geradezu missionarischen Kunstauffassung.
Diesem Thema, "den
vielfältigen Aspekten dieser seiner weniger bekannten kreativen Arbeit“ als
Opernregisseur, -direktor und -dirigent, das Floros in seinem Buch „Gustav
Mahler. Visionär und Despot“ auf nur knapp acht Seiten streifte, hat er nun
einen Band der Schriftenreihe der Gustav Mahler Vereinigung Hamburgs
gewidmet, den er als Präsident der Vereinigung herausgegeben hat. Es sind
fünf Essays, die nicht mehr, aber auch nicht weniger als Schlaglichter
werfen auf Gustav Mahlers Entwicklung, seine Produktivität und sein
ambivalentes Verhältnis zum Musiktheater, beispielhaft dargestellt anhand
dreier Karrierestationen Mahlers: Leipzig, Hamburg und Wien.
Besonders aufschlußreich ist
der Essay von Sabine Siemon, denn er demonstriert am Beispiel von Mahlers
Zeit als erster Kapellmeister des Hamburger Stadttheaters, wie es damals
noch hieß, die enorme Produktivität nicht nur Gustav Mahlers, sondern auch
die Leistungsfähigkeit der damaligen Theater. Gustav Mahler setzte sich
dort, in den Jahren 1891-1897, für einen sehr breiten Spielplan ein, in dem
er auf Mozart und Beethoven setzte, aber auch Smetanas wenig gespielte Opern
Dali-bor, Der Kuß und Zwei Witwen aufführte, daneben Opern von Bellini und
Verdi. Im Zentrum stand für Mahler schon in Hamburg das Werk Richard
Wagners. Jede Spielzeit seiner Hamburger Amtszeit wurde im Mai mit einem
Wagnerzyklus beendet, in dem zehn Musikdramen zur Aufführung kamen: Rienzi,
Holländer, Tannhäuser, Lohengrin, Tristan, Meistersinger und der komplette
Ring, mit Gustav Mahler am Pult.
Georg Borchard wendet sich
der Leipziger Zeit Gustav Mahlers zu, die 1886 begann, als er Zweiter
Kapellmeister am dortigen Stadttheater geworden war. In der Pleißestadt
vollendete Mahler Carl Maria von Webers nur in Skizzen angelegter Plan einer
Komischen Oper "Die drei Pintos", schrieb seine Erste Sinfonie und verliebte
sich in Maria von Weber, die Ehefrau des Enkels Carl Maria von Webers. Sie
wurde zu seiner Muse und leidenschaftlichen Geliebten. Der "Wirbelwind des
Lebens" hatte ihn erfaßt, wie er seinem Freund Fritz Löhr schrieb, und eine
– in Anspielung auf Goethes Gedicht - "Trilogie der Leidenschaft" hielt ihn
in Atem. Es war eine Zeit der erotischen wie künstle-rischen Selbstfindung,
die erst mit Mahlers Engagement als königlich-ungarischer Hofoperndirektor
in Budapest 1888 zuende ging. Dort war es schließlich auch, wo er 1889 die
Uraufführung seiner ersten Symphonie dirigierte, die den Beinamen "Titan"
erhielt, frei nach dem Roman Jean Pauls. Doch Georg Borchard stellt klar:
"Große Teile des Romans
Titan spielen in der deutschen Stadt Pestiz, die mehrfach auch die
Lindenstadt genannt wird. Dort wohnt Liane, das Mädchen, dessen Liebe der
jugendliche Held Albano zu erringen hofft. Jean Paul verwendete Lindenstadt
im Titan nachweislich als Synonym für die Stadt Leipzig. Titan wäre demnach
Mahlers heimliches Schlüsselwort und Symbol für Leipzig gewesen – und damit
vor allem für seine erste große Liebe, für das `Doppelglück der Töne wie der
Liebe` und die durch Marion von Weber inspirierte Vollendung seiner Ersten
Symphonie."
1897 bat Gusav Mahler um die
Entlassung in Hamburg. Er wurde am achten Oktober des Jahres zum
artistischen Direktor der Wiener Hofoper ernannt. Franz Willnauer zeichnet
den Weg von Hamburg, damals eine der renommiertesten Opernbühnen des
deutschen Reiches, ins sezessionsfiebernde Wien nach. Er porträtiert in
seinen beiden Essays vor allem Alfred Roller, den favorisierten
Bühnenbildner Mahlers und seine wegwesende Opernreform, die auf Adolph Appia
fußend, darin bestand, daß er das illusionistische Bühnenbild durch
neuartige, imaginäre Bühnenraumgestaltung mit Licht und Farbe ersetzte.
Willnauer beschreibt konkret, detailliert und anschaulich die vielen
Modellaufführungen, die Mahler und Roller gemeinsam verantworteten. Mozart
und Wagner stehen im Mittelpunkt der Darstellung. So hoch-interessant das
ist: man erfährt weit mehr über Alfred Roller, als über Gustav Mahler.
Immer-hin, so wird deutlich, war die konsequente Zusammenarbeit des
„Inszenierungsteams“ Gustav Mahler - Alfred Roller so etwas wie die
Geburtsstunde des modernen „Regietheaters“. Leider erfährt man kaum etwas
über Mahlers musikalischen Umgang mit Oper, über seinen Umgang mit
Partituren, Besetzungsfragen, Stil und Interpretation. Aber eben das hätte
einen doch besonders interessiert! Constantin Floros deutet im ersten der
fünf Kapitel des von ihm herausgegebenen Bandes über Gustav Mahler und die
Oper zumindest an: „Werktreue“ war Mahlers Sache nicht. Die
Bedenkenlosigkeit, mit der Gustav Mahler sich tiefgreifende Eingriffe in
die Werke seiner Kollegen gestattete, standen in krassem Widerspruch zur
Akribie, mit der er Notentreue der Sänger und szenische Befolgung der
Partiturangaben verfolgte und unerbittlich durchsetzte, wobei ihm Stil
wichtiger war als Realismus auf der Bühne. Gustav Mahler setzte sich
eigenmächtig über Komponistenwillen und Partituren hinweg, ob im Falle der
Hugenotten von Meyerbeer, deren letzten Akt er in Budapest kurzerhand
wegließ, oder im Falle des Don Giovanni und seiner Schlußszene, die er in
Wien strich.
Opernwelt, SWR
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