Aktuelles

Biographie

Tätigkeitsprofil

Veröffentlichungen

Photos

Privates

Kulinaria

Kontakt

Links

Home

Dieter David Scholz

Rezension

Simon Rattle: Abenteuer der Musik
Von Nicholas Kenyon

Aus dem Englischen übersetzt von Maurus Pacher
ISBN 3-89487-437-6. Henschel Verlag 2002, 336 S.; 25,- €

Rezension im SWR, Sendung: 20.09.2002

Im Juni 1999 wurde Sir Simon Rattle zum Nachfolger Claudio Abbados beim Berliner Philharmonischen Orchester gewählt. Am 7. September dieses Jahres hat er mit Mahlers Fünfter die neue Spielzeit der Berliner Philharmoniker eröffnet und sein Amt als Philharmonikerchef im Triumph angetreten. Er ist der sechste Chef des traditionsreichen Renommierorchesters der Hauptstadt nach Hans von Bülow, Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan und Claudio Abbado. Pünktlich ist nun auch das Buch zum „Event“ erschienen, ein 336 Seiten starker Band des Henschel Verlages über den siebenundvierzigjährigen Star-Dirigenten.


Er ist ein geborener Showmaker, der siebenundvierzigjährige Dirigent mit dem Wuschelkopf, der einst das City of Birmingham Symphony Orchestra zu Rum und Ehren führte, weshalb er von der Queen denn auch geadelt wurde. Er hat Charme und Charisma, ist nicht auf den Mund gefallen, ein geborener Talkmaster, er hat immer ein Witzchen parat, ist um keine Pointe verlegen, auch in den heikelsten Momenten nicht, ist ein Clown am Pult, impulsiv und „easy“ im Umgang und mit reichlich britischem Humor gesegnet. Klaus Umbach nannte ihn im Spiegel gar "einen „Lacherfolg“ Sir Simon kennt keine Berührungsängste vor musikalischen Grenzüberschreitungen und philharmonischen Tabus. Ob Jazzmusik, Klassik, Historische Aufführungspraxis oder philharmonischer Sound, Romantik oder Weltmusik, für Sir Simon alles kein Problem. Er ist in der Avantgarde ebenso zuhause wie bei Wagner und bei Schönberg, bei Mozart wie bei Mahler. Und setzt sich auch schon mal selbst ans Klavier. Der Musiker Simon Rattle verdient zweifelsohne, ernst genommen zu werden. Aber über diesen Musiker, darüber wie er und warum er auf seine Weise Musik macht, liest man erstaunlicherweise wenig. Die meisten Publikationen, zumal die journalistischen, beschäftigen sich mit dem Talkmaster-Genie Simon Rattle, mit dem smarten britischen Entertainer, nicht aber mit dem „Arbeitstier“ von einem Dirigenten. Rattle hat immerhin in den 18 Jahren beim City of Birmingham Symphony Orchestra nicht weniger als 934 Konzerte gegeben.

Auch das Buch des britischen Musikjournalisten und Chefs von BBC, Radio 3, nd der "BBC Proms", Nicholas Kenyon macht da keine Ausnahme. Es versucht gar nicht erst, das Phänomen des zur Weltelite aufgestiegenen Dirigenten aus der britischen Provinz genauer unter die Lupe zu nehmen. Stattdessen wird schon auf den ersten Seiten die Werbetrommel gerührt und dick aufgetragen: Rattle habe „Quecksilber im Leib“, er sei „eine musikalische Urgewalt“, die nun ein „Weltpodium“ habe. Von einer anstehenden „künstlerischen Eneuerung der Berliner Philharmoniker“ ist die Rede, und von einer Konstellation, „die für die Zukunft der Musik von größter Bedeutung“ sei, „riskant, aufregend und vielleicht auch ein bisschen gefährlich“. Und so geht es fort, von Superlativ zu Superlativ, durch zehn, wenn man die Nachschriften einbezieht, zwölf Kapitel. Aber über den eigentlichen Sir Simon, den hinter der der medienwirksam aufgedonnerten Fassade, erfährt man herzlich wenig in diesen 336 Seiten.

Da werden Konzertprogramme aufgelistet, anderweitig bereits veröffentlichte Interviews abgedruckt, haufenweise Kritiken nicht immer seriöser und zuverlässiger Journalisten zitiert, Meinungen addiert, das Buch liest sich wie ein Pressespiegel einer Marketingabteilung eines Schallplattenkonzerns. Es kann - bestenfalls - ein Mosaik hinlänglich bekannter Äußerungen genannt werden, die sich zu so etwas wie einem Porträt Simon Rattles keineswegs runden. Es werden lediglich Schlaglichter geworfen auf Karrierestationen Rattles, seine Plattenproduktionen, seine Tourneen, und sein kaufmännisches Genie. Immerhin hat Rattle sich zum "Über-Karajan" emporgeschwungen, indem er es - als Bedingung seiner Vertragsunterzeichnung - ereichte, dass das subventionierte „Berliner Philharmonische Orchester“ und die zwecks Plattenproduktionen so genannten, personalidentischen „Berliner Philharmoniker“ nunmehr in eine gemeinsame Stiftung verschmolzen wurden, deren Chefdirigent und Stiftungsvorstand er nun ist. Darüberhinaus auch Künstlerischer Leiter der Philharmonie.

Nicholas Kenyon hat zwar ein komplettes Verzeichnis der kommerziellen CD-Einspielungen Simon Rattles in sein Buch aufgenommen. Aber über den Menschen, den Zeitgenossen Simon Rattle, seine persönliche Biographie erfährt man fast nichts. Weder journalistische Neugier, noch biographische Leidenschaft oder gar kenntnisreiche Liebe zur Musik ist in diesem Buch zu erkennen. Alles, was man darin lesen kann, hat man so oder ähnlich schon anderswo gelesen. Daß Nicholas Kenyon nichts, aber auch gar nichts über Kindheit, musikalische Sozialisation und Ausbildung Simon Rattles schreibt, ist arg enttäuschend für den, der den Menschen Simon Rattle kennenlernen möchte. Er wird mit der Aufzählung von austauschbaren Superlativen und hohlen Publik Relations-Phrasen abgespeist. Von einer Biographie kann keine Rede sein. Eine vertane Chance.

Es tröstet wenig, wenn der Autor schon auf Seite neun zugibt, dass es sich um das Buch eines Journalisten handelt, keines Historikers. Was heißt denn das? Können nicht auch Journalisten  informative und essentielle Bücher schreiben? Vollends verblüfft das geradezu absurde Postulat des Autors, dass es nicht Absicht seines Buches sei, seine eigene Meinung einzubringen. Wessen Meinung denn, so fragt man sich, wird da so marktschreierisch zu Papier gebracht?

Last but not least hängt Kenyon seinem Buch auch noch den Essay eines Berliner Journalisten an, der Anmerkungen über „Rattle in Berlin“ macht, die in ihrer journalistischen Unbe­darftheit und inhaltlichen Subjektivität fragwürdig sind. Jörg Königsdorfs Vokabeln vom „Abenteur Klassik“ und vom „Abenteuer Rattle“ sind Leerformeln. Und was soll die Be­hauptung, dass Philharmoniker-Intendant „Ohnesorg und Rattle energisch darangehen werden, den Philharmonikern ihren von den anderen Orchestern streitig gemachten Platz zu sichern“? Welche Orchester sollen denn da, bitte schön, ernsthaft gemeint sein? Von Fehl­ein­schätzungen der um­strittenen Berliner Dirigier-Phänomene Christian Thielemann, Jakov Kreizberg und Eliahu Inbal, aber auch einer eher vernebelnden Darstellung der Berliner Musikszene ganz zu schweigen.  Wie schon bei Nicholas Kenyon: Alles, was von Königsdorf gesagt wird, ist aus zweiter Hand. Und daß Jörg Königsdorf sich nicht zu schade ist, als Schluss-Satz seines Essays, und damit des Buches, wiederum einen anderen Journalisten namens Manuel Brug zu zitieren, der seinerseits nur wieder austauschbare und nichtssagende Sprachblasen beisteuert, etwa die, Rattle solle „der klassischen Musik ein neues Image geben“, es gehe „um eine neue Form des Konzerts“, um einen „gelösten Dialog zwischen Musikern, Werk und Publikum“, das setzt dem ärgerlichen Buch das I-Tüpfelchen auf. Zur Ehre Sir Simons, gereicht es kaum. Gottlob hat der so ein Buch nicht nötig. Der wahre Simon Rattle, der bleibt – zumindest für den Buchmarkt  - noch zu entdecken.

Dieter David Scholz