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Dieter
David Scholz
Rezension

Zwischen Luxus und Staatssicherheit
Ruth Berghaus
Ein Porträt von Corinne Holtz
Europäische Verlagsanstalt
400 S., 2005, 5, 25,00 EUR

Die 1996 verstorbene Ruth
Berghaus war eine der interessantesten, aber auch umstrittensten
Regis-seurinnen der DDR, im Schauspiel wie im Musiktheater. Sie war
verheiratet mit dem Komponisten Paul Dessau, war einige Jahre Intendantin
des Berliner Ensembles und eine der eigenwilligsten Opernregisseurinnen
nicht nur an der Berliner Staatsoper. Sie inszenierte schon zu DDR-Zeiten im
Westen. Ihre Frankfurter Inszenierungen des Rings und des Parsifals haben
für internationales Auf-sehen gesorgt. Ruth Berghaus gab sich nah außen als
linientreue Kommunistin, und wurde doch vom Ministerium für Staatssicherheit
genauestens observiert. Darüber ist bisher wenig bekannt gewor-den. Und Ruth
Berghaus selbst war extrem verschwiegen. Die schweizerische Journalistin
Corinne Holtz hat jetzt Licht ins Dunkel um Ruth Berghaus gebracht mit einer
ersten, sehr gründlich recherchierten Biographie.

Rossinis Barbier von Sevilla ist die
letzte Inszenierung von Ruth Berghaus, die an der Berliner Staatsoper noch
im Repertoire gespielt wird. Aber es ist auch eine der komödiantischste, der
eingängigsten Inszenierungen der Berghaus.
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O-Ton 1- Ruth
Berghaus: "Ich finde, daß wir manchmal beinahe zu viel theoretisieren Man
darf nicht vergessen, daß das Theater auch noch was vom Wanderzirkus haben
sollte. Denn der war ja gar nicht so schlecht."
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Ein Bekenntnis, das
verblüfft angesichts der vielen antiillusionistischen, ganz und gar nicht
reali-stischen, ja verrätselten, metaphorischen, zeichenhaften, schwer zu
entschlüsselnden Inszenierungen der Berghaus, die Publikum, Presse und
Politiker - wo auch immer - extrem polarisierten. Vor neun Jahren ist Ruth
Berghaus gestorben. Nur noch wenige ihrer provozierenden, von vielen als
elitär empfundenen Inszenierungen sind auf den Bühnen zu sehen. Und kaum
etwas weiß man eigentlich über die eigenwillige, in kein theaterästhetisches
Schema einzuordnende, zu DDR-Zeiten so privilegierte Regisseurin, die im
Westen wie im Osten Aufsehen erregte und aneckte, bewundert und bezweifelt
wurde. Die schweizerische Journalistin Corinne Holtz hat jetzt ein akribisch
und gewissenhaften recherchiertes Buch vorgelegt, eine erstes sachliches
Porträt der umstrittenen Regis-seurin, das die schillernde Zwiespältigkeit
der Person Ruth Berghaus wie der Rezeption ihrer Kunst beleuchtet.
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O-Ton 2- Corinne
Holtz: "Mich hat interessiert, was hinter den Ressentiments steckt, die in
Bezug auf Leben, aber auch aufs Werk von Ruth Berghaus hartnäckig bestehen
bis heute, mich hat interessiert, woher kommt diese Handschrift, und das war
auch der Grund, warum ich mich auf diese langjährige und auch quälende
Recherchenarbeit eingelassen habe. "
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Quälend waren wohl vor
allem die Recherchen in den Aktenbergen der Staatssicherheit, die Corinne
Holtz zum ersten Mal in Bezug auf Ruth Berghaus und ihr Umfeld einsah und
auswertete, denn Ruth Berghaus, deren Stasi-Akte – warum auch immer - sehr
dünn ist, wie die Autorin betont, hatte zur Staatsmacht ein zwiespältiges
Verhältnis.
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O-Ton 3 – Corinne Holtz: "Ich glaube, daß das
Verhältnis von ihr ein höchst ambivalentes war und die DDR ein höchst
ambivalentes Verhältnis zu R.B. hatte, der man attestiert hat, sie sei eine
gute Kommunistin... gleichzeitig wird aber das auch zur Kernfrage erklärt:
ist sie wirklich eine gute Kom-munistin?"
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Diese Frage stellte sich allerdings in Bezug auf alle
Privilegierten in der ehemaligen DDR. Und alle hatten ein ambivalentes
Verhältnis zur Staatsmacht, von der sie lebten und der sie dienten. Ruth
Berg-haus gehörte als Paul-Dessau Gattin, Brecht-Schülerin, Intendantin des
Berliner Ensembles und Staatsopern-Regisseurin zum künstlerischen
Reisekader. Sie ließ auch im Westen nie einen Zweifel an ihrer staatstreuen
Haltung aufkommen.
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O-Ton 4 – Rzth Berghaus: "Diese Haltung gehört
zu unseren Traditionen, die Teil der Tradition der kommunistischen
Weltbewegungen sind, die sich überall und grundsätzlich dem großen
Friedens-kampf anschließen."
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Ruth Berghaus war – auch wenn sie der
permanenten Willkür ihrer Regierung ausgeliefert war, einerseits Privilegien
genoss, andererseits immer wieder Repressionen erdulden mußte - eine
pro-minente Vorzeige-Künstlerin ihres Landes, auch wenn sie künstlerisch
uneindeutig war. Im Gegen-satz etwa zu Harry Kupfer, der, wie Corinne Holtz
meint, der staatsoffiziell führende DDR-Regisseur gewesen und als Gegenpol
zu Ruth Berghaus aufgebaut worden sei.
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O-Ton 5 – Corinne
Holtz: In den Stasi-Akten sehe ich den Versuch, Ihr Werk, aber auch ihre
Person zu vereindeutigen. Diese Undurchschaubarkeit, die ein Teil ihrer
Selbstinszenierungen natürlich waren, diese Undurchschaubarkeit zu
durchbrechen."
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Auch das gehörte zum Alltag
der Stasi-Methoden. Nur wenig hat Ruth Berghaus von sich preis-gegeben. Fast
nichts von ihrem Privatleben ist überliefert, die Berghaus war eine der
verschlos-sensten Persönlichkeiten des Kulturbetriebs. Jedes Interview, das
man führte, mußte von ihr redigiert (dies trifft allerdings auch auf Harry
Kupfer und Joachim Herz zu) werden, sie mißtraute allem und jedem. Aus
gutem Grund.
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O-Ton 6 – Corinne
Holtz: "Ich denke, daß das Mißtrauen gegenüber wem auch immer in einer
Diktatur eine Überlebensstrategie war."
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Corinne Holtz hat in ihrer
Darstellung biographischen Fakten gesammelt, soweit auffindbar, hat mühsam
die Dresdner Kindheit in ärmlichen Verhältnissen und die Schulzeit
rekonstruiert. Zu den besonderen Pikanterien des Buches gehört die
unumwundene Darstellung der Tatsache der von Ruth Berghaus stets
verschwiegene NSDAP-Zugehörigkeit. Dieses Kapitel der Nazi-Vergangenheit so
mancher in der späteren DDR als "gute Kommunisten" oder gar "Antifaschisten"
Gefeierten bedürfte auch im Hinblick auf andere Kulturschaffende der DDR
noch einer eingehenden Analyse). Corinne Holtz hat aber auch und vor allem
die Etappen der Berghaus-Karriere dargestellt, die tänzerische Ausbildung
bei Gret Palucca, die Zeit am Berliner Ensemble, an der Berliner Staatsoper
und danach. Im Buch von Corinne Holtz nimmt die Darstellung der
künstlerischen Arbeitsmethoden der Berghaus breiten Raum ein: Partituranalse,
Improvisation, Choreographie und Körpertheater, metaphorischer Überhöhung
und bildnerischer Zeichensprache.
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O-Ton 7 – Corinne Holtz: "Ich würde sagen, die
Metaphorik ihres Theaters ist visionär, die ist weit entfernt von
politischer, platter Propaganda, und was für mich bleibt, ist großartiges
Theater. "
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Über die künstlerische
Bewertung bzw. Bedeutung der Regisseurin Ruth Berghaus kann man sicher auch
anderer Meinung sein als Corinne Holtz, die sich als bedingungslose
Bewunderin der Berghaus zu erkennen gibt. Dies ist denn auch die einzige
Parteilichkeit, der man sie bezichtigen darf, aber auch muß. Abgesehen
davon, daß ihre zum Teil fragwürdigen Analysen der künstlerischen Leistung
von Ruth Berghaus (wer nur einige der oft häßlichen und völlig
unverständlichen Berghaus- Insze-nierungen gesehen hat, weiß, wovon ich
rede) in ein fragwürdiges frauenkämpferisches Modell von Biographik
eingebettet werden. Doch die Gründlichkeit ihrer Recherchen und die großer
Sach-lichkeit ihrer Darstellung und Offenlegung all ihrer Quellen und
eingesehenen Akten, Materialien und Dokumente ist kaum anzuzweifeln. Sie hat
kein Blatt vor den Mund genommen und kennt keine Tabus. Und auf heikle
Fragen, etwa bezüglich der gewaltigen Gagen- und Einkommensforderungen der
Berghaus und ihrem Luxusleben, das nicht nur von vielen DDR-Bürgern als
Widerspruch zu ihren kommunistischen Lippenbekenntnissen empfunden wurde,
weiß die Autorin passende Antworten, über die freilich Bürger der ehemaligen
DDR, die nicht die Privilegien der Berghaus genossen, "not amused" gewesen
sein dürften:
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O-Ton 7 – Corinne
Holtz: "Hans Werner Henze, der italienische Komponist, der auch mit Paul
Dessau und Ruth Berghaus befreundet war, der hat auf solche Vorwürfe einen
Satz parat: Lieber ein Kommunist im Rolls Royce, als ein Faschist im Tank."
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Corine Holtz wartet in
ihrem Buch mit einer Menge pikanter, ja enthüllender Details aus dem Umfeld
der Berghaus im Kulturleben der DDR auf. Günter Rimkus und Manfred Wekwerth
werden als Stasi-Spitzel enttarnt. Auch die zu DDR-Zeiten erstaunlichen
Einkommensverhältnisse von Peter Schreier und Theo Adam werden genannt. Das
Enthüllendste ist sicher der Nachweis, daß die Berghaus von 10
hauptamtlichen Stasi-Offizieren und etwa zwanzig inoffiziellen Mitarbeitern
über Jahrzehnte bespitzelt wurde. Vor allem von Sigrid Neef, ihrer
langjährigen Dramaturgin, die auf sie angesetzt wurde. Doch auch sie wird
von Corinne Holtz nicht wirklich denunziert.
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O-Ton 8 – Corinne
Holtz: "Ich wollte einerseits ihre Rolle als Dramaturgin würdigen, und
anderer-seits auch ihre informelle Mitarbeit, soweit sie dokumentiert ist,
aufzeigen, nicht bewerten, auch nicht diffamieren. Leider wollte Sigrid Neef
kein Gespräch mit mir führen.
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Was für sich spricht.
Corinne Holtz hat in Sachen Ruth Berghaus dokumentarische Pionierarbeit
geleistet. An diesem Buch kommt keiner vorbei, der sich künftig mit Ruth
Berghaus beschäftigt.

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