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Dieter
David Scholz
Rezension
Brigitte
Hamann: „Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth“, 688 S., 26,90
€, Piper Verlag 2002

Die Geschichte Neubayreuths muß
neu geschrieben werden
Brigitte Hamann hat
eine Biographie über Winifred Wagner und zugleich eine historische
Abhandlung über Adolf Hitlers Usurpation Bayreuths geschrieben, ein Buch
über die gegenseitige Umarmung zweier Ungleicher, die sich brauchten.
Winifred Wagner hat die Bayreuther Festspiele vor dem Bankrott gerettet,
indem sie Hitler als großzügigen Beschützer und finanzkräftigen Förderer
gewann, dafür hat sie ihm propagandistisch gedient als Steigbügelhalterin
groß-bürgerlichen Renommées. Viele haben darüber geschrieben, aber
Brigitte Hamann hat den Sachverhalt erstmals mit wissenschaftlicher
Differenziertheit und Unvoreingenom-menheit nach langjährigen
Quellenstudien in einer histori-schen Biographie dargestellt. Das
wegweisende Buch knüpft an das Buch der Autorin über „Hitler in Wien“
an, indem es den Aufstieg Hitlers (nach seinem Exodus aus Österreich) in
Deutschland darstellt, aber den Sachverhalt im Spiegel Bayreuths, als
Reflex der Bayreuther betrachtet. Das Buch ist die erste hieb- und
stichfeste Winifred Wagner-Biographie. Eine historische Lebensbe-schreibung
der vielgescholtenen Mutter Wolfgang Wagners, die noch 1975 in einem
Interview Hans-Jürgen Syberbergs bekannte: „Wenn der Hitler zum
Beispiel heute hier zur Tür he-reinkäme, ich wäre genauso fröhlich und
glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben wie immer“. Entgegen weitverbreiteter Gepflogenheiten pauschaler Wagnerliteratur verurteilt
Brigitte Hamann Winifred nicht einseitig, sondern stellt Winifred in ihrer
ganzen Widersprüchlichkeit dar, in ihrem unbelehrbaren, ja fanatischen
Nationalsozialismus, ihrem parolenhaften Anti-semitismus, aber auch in
ihrer spontanen, selbstlosen Hilfsbereitschaft gegenüber Juden und
anderen Ausgegrenzten, ja Bedrohten des Systems, politisch und rassisch
Verfolgten, insbesondere auch vielen Homosexuellen. Winifred hat durch
ihren persönlichen Einsatz viele KZ-Insassen und von der Deportation
Bedrohte gerettet und hat dadurch schließlich
die Gunst Hitlers verspielt, der sie denn auch ab 1940 mied. Brigitte
Hamann registriert dies mit großer Sensibilität und dialektischer Sehschärfe,
ohne Winifred im Geringsten zu entschuldigen oder als Opfer, gar als „Märtyrerin“
(wie Nike Wagner gehässigerweise behauptet) zu verklären.
Als Hitler die Macht
ergriff, 1933, 50 Jahre nach Wagners Tod, standen die Bayreuther
Fest-spiele vor dem Ruin. Winifred gelang es, Hitlers Hilfe zu
mobilisieren. Sie hat dadurch zwei-fellos die Festspiele gerettet und sie
hat die Festspiele mithilfe Heinz Tietjens modernisiert auf einem sehr
hohen Niveau. Tietjen war den Nazis durchaus nicht geheuer, weil er als
Linker und als modernistischer Judenfreund galt. Die mutig-energische
Winifred erreichte es im-merhin, dass die Partei ihr - als einer der
wenigen Theaterleiter - in keiner Weise in die künstlerischen Belange
hineinredete.
Brigitte Hamann stellt
die Fakten sachlich dar, weiß um die Verdienste Winifreds, aber auch um
ihre Machtnatur. Sie analysiert die Gespaltenheit Winifreds, die
einerseits die Realität ihrer Zeit klar gesehen hat, aber aus
einseitig-absurder Liebe an Hitler glaubte, ihn idealisierte, ja in Schutz
nahm gegen seine eigenen Grausamkeiten, die Winifred seinen Untergebenen -
die ihn angeblich vergiftet hätten - anlastete.
Brigitte Hamann
verschweigt auch die Homosexualität von Winifreds Gatten Siegfried Wagner
nicht, der in ständiger Angst vor seinen älteren Schwestern und vor
Skandalen der kraftvollen Winifred ergeben war. Geradezu explosiv sind die
Enthüllungen der Hamann über den Winifred-Sohn Wieland. Wieland Wagner,
der Entrümpler und Erneuerer Nachkriegs-bayreuths, der sich nach 1945
selbst als Saubermann stilisierte, wies, wie man spätestens nach der Lektüre
dieses Buches nicht länger ignorieren darf, eine nicht unerhebliche
Nazi-Ver-gangenheit auf. Nicht ohne Grund nannte Tietjen ihn „den übelsten
der Hitler-Günstlinge“. Wieland, das „Genie“ Neubayreuths der
Adenauerzeit war in der Tat Hitlers Protegé gewesen, arbeitete in bis
heute nicht exakt zu ermittelnder Funktion im KZ-Außenlager Bayreuth und
hatte bis 1945 sehr enge persönliche Beziehungen zu Hitler. Nach 1945 zog
er sich in die französisch besetzte Zone an den Bodensee zurück, um dem
Entnazifi-zierungsverfahren zu entgehen, dem sich seine Mutter unängstlich
und entschlossen stellte. Er schwieg er für den Rest seines Lebens über
seine Vergangenheit. Die Wagnergemeinde, die Wagnerforschung schwieg
weitgehend mit. Wielands Mutter Winifred indes lud nach dem Krieg alle
Schuld auf sich, um ihren Söhnen den Weg freizumachen für einen
Neuanfang. Wieland distanzierte sich nach außen hin deutlich sichtbar von
seiner Mutter, schon indem er quer durch den Garten zwischen dem
zerbombten Wahnfried-Haus, in dem er lebte und dem Siegfried Wagner-Haus,
in dem seine Mutter lebte, eine hohe Mauer errichten ließ. Mit ihrer
unverfälschten Darstellung gerade der nationalsozialistisch
privilegierten Jugend Wielands, den Hitler zum künftigen Bayreuth-Chef
auserkor, weshalb er ihn im Gegensatz zu seinem Bruder Wolfgang auch von
jeglichem Kriegsdienst freistellte, hat die Hamann für manche
Wie-landverehrer sicher ein Denkmal geschändet. Für die Nachkommen seiner
Familie hat Brigitte Hamann ein Tabu gebrochen. Es waren schließlich die Winifred-Enkel die die Entstehung des Buches behinderten, im Gegensatz zum
gegenwärtigen Festspielchef Wolfgang Wagner, der Brigitte Hamanns
akribische Recherchen im Richard Wagner-Archiv zu Bayreuth offenherzig und
tatkräftig förderte, indem er ihr nicht nur viel Material zur Verfügung
stellte, sondern beispielsweise auch den Zugang zu den von der Stadt
Bayreuth gesperrten, aber außerordentlich aufschlußreichen Tagebüchern
der ehemaligen Archivarin Gertrud Strobel zugänglich machte.
Brigitte Hamann heult
nicht mit den Wölfen Gottfried Wagners. Ihm und seinem Pamphlet „Wer
nicht mit dem Wolf heult!“ (Köln 1997) wirft sie Kurzsichtigkeit und bösartig
unfaires Attackieren seines Vaters vor. Auch Nike Wagner, die Wolfgang
verteufelt und natürlich von der Nazi-Vergangenheit ihrs Vaters nichts
wissen mag, wurde erst mit Nennung der Partei-nummer Wielands zum
Verstummen gebracht. Sowohl der Briefwechsel Winifreds und Wie-lands als
auch der Nachlaß Wielands werden von den Winifred-Enkeln bis heute unter
Ver-schluß gehalten. „Es sind die Enkel, die eine Aufarbeitung der
braunen Bayreuther Geschichte verhindern, nicht Wolfgang Wagner (Brigitte
Hamann)!“
Die Hamann macht
deutlich, dass Winifred weitaus facettenreicher war, als sie aus der
Wieland-Perspektive zumeist dargestellt wurde, ohne sie mit dem Buch
rehabilitieren zu wollen. Brigitte Hamann ist keine Winifred-Verehrerin,
im Gegenteil: sie stellt nüchtern ihre abstoßenden Züge, ihre Brutalität
und Derbheit dar. Aber sie macht auch deutlich, dass Winifred nie brutal
gegenüber Schwächeren und Untergebenen war, sondern nur nach oben hin.
Mit ihrer skrupellosen Entschlossenheit und ihrem geschäftstüchtigen
Realismus hat Winifred die Bayreuther Festspiele, die in den Dreißigerjahren
in einer ernsten Existenzkrise steckten, weil die jüdischen Wagnerianer
und die konservativen Altwagnerianer wegblieben, für die Zukunft
gerettet. Sie hat aber auch die Grundlagen für „Neubayreuth“ und
letztlich sogar für die Richard Wagner-Stiftung gelegt. Nach der Lektüre
dieser Winifred- und Wieand-Recherchen Brigitte Hamanns wird man die
Geschichte Nachkriegsbayreuths neu schreiben müssen!
Dieter David Scholz
(Veröffentlicht in
„Neue Zeitschrift für Musik“ 2002)

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