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Dieter
David Scholz
Rezension
The New Grove Dictionary of Opera,
hrsg. von Stanley Sadie, 4 Bände,
Macmillan, London 1992,
DM 1580,-

Mit mehr als 5000 Seiten und
10.000 Artikeln, darunter allein 2500 nur über Sänger, 3000 über
Komponisten, 1800 über Opernwerke sowie 400 Städte- und Länderporträts, das
alles von über 1300 Mitarbeitern meist neu erarbeitet und verteilt auf vier
stattliche Bände mit 10 Kilogramm Gesamtgewicht und an die 800
Illustrationen, könnte der New Grove Dictionary of Opera zweifellos
ins Guiness Buch der Rekorde eingehen.
Wie schon
das zwanzigbändige Mutterwerk, der legendäre New Grove Dictionary of
Music & Musicians will auch der New Grove Dictionary of Opera
enzyklopädischem Anspruch genügen. Er will Opernführer, biographisches
Künstlerlexikon, Sachwörterbuch und Opern-geschichte zugleich sein. Und er
wartet mit wertvollen Werkverzeichnisen auf. Ein imposantes Unternehmen, dem
man seinen Respekt nicht versagen kann, zumal das Werk in bisher kaum oder
nur partiell erreichter Vollständigkeit detaillierte Einzelabhandlungen zu
sämtlichen Büh-nenwerken etwa Mozarts, Rossinis, Bellinis, Verdi, Wagners,
R. Straussens, Puccinis und Brittens verzeichnet. 44 Händel-Opern werden in
Einzelartikeln gewürdigt und fast die Hälfte aller etwa 70 Donizetti-Opern.
Doch so
überwältigend die quantitativen Fakten erscheinen: die Qualität der Artikel
schwankt außerordentlich. Sängerbiographien sind zum teil unvollständig oder
enthalten falsche Infor-mationen (z.B. Geburtsdaten), zu schweigen von den
ungenauen Stimmcharakterisierungen. Und natürlich sind, entgegen der
Ankündigungen, nicht alle Sänger verzeichnet, die opernge-schichtlich von
Belang sind, demgegenüber findet man eine Überfülle nicht eben bedeutend zu
nennender englischer Sänger. Die britische Akzentuierung des Mammutwerks
verrät sich nicht nur im überproportioanl aufgeblähten London-Artikel, auch
zum Beispiel ein Begriff wie Allegorie stützt sich für das 20.
Jahrhundert fast zur Hälfte auf Werke Michel Tippetts. Besonders ärgerlich
sind zahlreiche Ungenauigkeiten der Datenangaben. Als Mangel darf sicher
auch der Verzicht auf kritische Kommentare bei vielen Opern-Artikeln
bezeichnet wer-den. Bedauernswert sind zahlreiche Reduzierungen
biographischer, systematischer und geo-graphischer Stichworte auf nicht mehr
als stichwortartiges Lexikonformat, ganz zu schweigen von Unterlassungen von
durchaus Erwähnenswertem.
Um nur
einige Beispiele aus dem ersten Achtel der Artikel, die unterm Buchstaben A
ver-zeichnet sind, zu nennen (mehr wurde dem Rezensenten vom Verlag zur
Beurteilung nicht überlassen, den Rest mußte er in einer öffentlichen
Bibliothek einsehen): schon der eröffnende Artikel über die Stadt Aachen
läßt viel zu wünschen übrig. Über all das, was man Aachens authentischen
Beitrag zur (Vor-) Geschichte der Oper nennen mag, die spätmittelalterlichen
Mysterienspiele oder die Aachener Engelskonzerte etwa, die reich
ausgestatteten theatra-lisch-musikalischen Freilichtspiele der Renaissance,
aber auch die bedeutenden Händel-aufführungen des 18. Jahrhunderts, erfährt
man nichts im Opera-Grove. Der Artikel über Claudio Abbado ist
dürftig und unvollständig, den nicht eben unbedeutenden (wenn auch
umstrittenen) Dirigenten Hermann Abendroth sucht man vergeblich. Auch der
Stuttgarter Hofkapellmeister Johann Joseph Abert (1832-1915), der nach
Studien in England und Frank-reich in Meyerbeerschem Fahrwasser zahlreiche
Opern komponierte, ist nur einer sehr unzu-reichenden Erwähnung für Wert
befunden worden, kaum mehr als eine Agenturmeldung vom Umfang der
biogrphischen Notiz seines Sohnes Hermanns, des Musikwissenschaftlers. Die
Académie Royale de Musique ist erwähnt, doch die Academy of
Ancient Music, die sich ja ebenfalls um Opernmusik verdient machte, ist
ausgespart worden. Otto Ackermanns Kölner Musikdirektoren-Zeit wird um 2
Jahre verkürzt, statt 1953 wird er laut Grove erst 1955 in dieses Amt
berufen. Der Artikel über die Oper Adriana Lecouvreur (von
Francesco Cilea) beschränkt sich fast ausschließlich auf eine detaillierte
Inhaltsangabe. Wer einen kritischen Kommentar, wer Informationen über
Entstehungs- und Wirkungsgeschichte sucht, muß ander-weitig nachschlagen. Er
wird besser gleich zu Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters greifen.
Die Besiepiele ließen sich fortsetzen.
Fazit: Die
Sorgfalt und Präzision, die man dem New Grove Dictionary of Music &
Musicians attestieren durfte, ist im Grove Dictionary of Opera zu
vermissen. Es ist keines-wegs das Non plus Ultra seiner Gattung. Ich
persönlich ziehe als profunderen und kritischeren Opernführer mit
quantitativ zwar etwas bescheideneren, qualitativ aber anspruchsvolleren
Maßstäben schon jetzt Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters vor, die
hoffentlich bald komplettiert wird auch im Sinne einer Operngeschichte. Und
auf die vergleichende und einander ergänzende Lektüre diverser
biographischer, historischer und systematischer Nach-schlagewerke wird man
ohnehin kaum verzichten können. Eine integrale, umfassende Enzyklopädie, die
wissenschaftlichen Ansprüchen und praktischen Erfordernissen gerecht wird,
liegt bis heute noch nicht vor. Der New Grove Dictionary of Opera
jedenfalls wird diesem Anspruch trotz seiner quantitativen Masse nicht
gerecht.
Rezension für DAS ORCHESTER, Schott Verlag

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