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Dieter
David Scholz
Rezension


Klaus Geitel: Zum
Staunen geboren.
Stationen eines Musikkkritikers.
Henschel Verlag, 256 S., 24,90 Euro
In die Wiege gelegt wurde
dem 1924 geborenen Karlshorster Klaus Geitel sein späterer Beruf nicht
gerade. Klaus übernahm - gemeinsam mit seinem Bruder - erst die
elterliche Schnaps-, dann die Fahnenfabrik. Mit Zwölf infizierte ihn die
Opernleidenschaft. Die Infektion hielt lebens-lang. Und sie wurde in den
Fünfzigerjahren, nach abgebrochenem Studium und Bohèmeleben in Paris, eher zufällig zu seinem Beruf, wie Klaus Geitel ausplaudert:.
"Immer während der
Festwochen gab ich in meiner Wohnung eine Party für die Künstler, die zu
Gast waren in Berlin. Und unter anderem waren auch Hanz Heinz Stuckenschmidt,
der Kritiker, und Heinz Joachim von der Welt bei mir zu Gast. Und Joachim
interviewte bei mir Hans Werner Henze und erzählte ihm als Erstes: Eine gute
Nachricht für Sie Herr Henze, Horst Kögler scheidet bei uns aus, der Sie
immer so arg verrissen hat. Und Henze sah mich an und sagte: das könntest Du
doch eigentlich machen. Und Joachim, weil er so viel Champagner bei mir
getrunken hat, sagte: bitte sehr, machen Sie´s doch, kommen sie nach
Hamburg, stellen Sie sich vor und die Sache ist geritzt."
Klaus Geitel wurde Kritiker
der „Welt“ später auch der „Berliner Morgenpost“, kurz Großkritiker beim
Springekonzern. Eine Berliner Institution
bis heute, wenn auch eine um-strittene, denn was man von Klaus Geitel liest,
entspricht nicht immer ganz dem, was man selbst gehört und gesehen hat. In
seinen nun erschienenen Erinnerungen liefert der alte Herr die Begründung
nach: Er begreife sich weniger als Kritiker, sondern, so liest man, eher als
Kulturvermittler. Er will Laune machen und Lust auf Kultur. Und er sei, so
schreibt er ganz ungeniert, zum Staunen geboren: "Staunen will gelernt
sein." Klaus Geitels Hauptmaxime
steht auf Seite 184: "Ich lobe gern!"
"Das liegt eigentlich
daran, weil ich noch izu der Generation gehöre, die zu loben verstand. Für
mich ist die Hauptarbeit de Kritikers, zu loben. Über das bißchen, was
mißrät, kann man ja hinweghören."
Ein anfechtenswerter Punkt,
der alle Kritik grundsätzlich in Frage stellt. Was soll Kritik, wenn sie nur
lobt? Kein Wunder, daß Klaus Geitel alle und
jeden kennt. Und alle lieben ihn, sitzen gern mit ihm auf dem Sofa und
laden ihn gerne ein. Und er ließ und läßt sich auch gern ein-laden, ob von
Herbert von Karajan, der Begum oder Götz Friedrich, dem einstigen
Inten-danten der Deutschen Oper Berlin, zu dessen Hauspoet er avancierte.. „Das Leben" so liest man, "schien
mir immer wieder einen roten Teppich unter die Füße gerollt zu haben.“
Freude schöner Götterfunken! Klaus Geitel ist kein musikwissenschaftlich
fundierter Beckmesser oder Hanslick wie beispielsweise Hans Heinz
Stuckenschmidt oder Joachim Kaiser. "Besser-wisserei sei aller Laster
Anfang", so Geitel. Daran is etwas Wahres. Und schließlich "mache die Nase den Kritiker".
Klaus Geitel ist, was der
Berliner eine
Plaudertasche nennt. Und er kann so dahin schreiben, keine Frage!
Über seine journalistischen Grundsätze kann man allerdings unterschiedlicher
Meinung sein. Jedenfalls ist er ein Fossil unter den Großkritikern. In seinen Erinnerungen hat er das
Panorama eines im Grunde auf der Suche nach sich selbst zum rastlosen
Weltenbummler und Berühmtheiten-Sammler mutierten Fahnenfabrikanten
entworfen. Was daran Dichtung und Wahrheit ist? Wer weiß es? Wen interessiert es?
Die very important people der inter-nationalen Kulturszene werden zu
Dutzenden aufgelistet. Alle natürlich im lässig privaten Umgang mit dem
Kritiker. Bloßes Naimdropping. Man erfährt nichts Neues oder Interes-santes. Über die besondere Wertschätzung einiger weniger Sänger kann man
sich nur wun-dern, etwa im Falle von Karen Armstrong, der Gattin Götz
Friedrichs. Unbedeutendes wird
kaum von Bedeutendem unterschieden in diesem Buch. Auch wenn sich alles um
den Autor dreht: Eine wirkliche
Autobiographie legt Klaus Geitel nicht vor. Das Dritte Reich, in dem die
väterliche Fahnenfabrik florierte, ist fast Nebensache, die lakonisch, ja
zynisch abgetan wird. Ballettaufführungen, Champagnergelage, Anekdoten
über Gott und die Welt stehen im Zentrum. Dabei halten sich
Binsenweisheiten und Amüsantes die Waage. Über Privates wird vornehm
geschwiegen, leider. Warum beispielsweise das Buch einem Philipino namens
Rodney gewidmet ist, und warum Klaus Geitel ihn vor 28 Jahren adoptierte
und über Jahrzehnte mit ihm zusammenlebte, darüber kann man nur Vermutungen
anstellen. Wer etwas über den Menschen Klaus Geitel erfahren will, wer
persönliche, ja bekenntnishafte Erinne-rungen an ein Kritikleben im letzten
halben Jahrhundert wartet, der wird enttäuscht sein von diesem Buch.
Aber wer Thomas Bernhards knorzig-kauzige Typenlehre der menschlichen
Originale zu schätzen weiß, der kommt auf seine Kosten in diesem Buch, von
einem der eigenwilligsten Altmeister unter den Musikkritikern geschrieben,
der noch immer, mit Einundachtzig, nicht genug hat von seinem Beruf.
"Es fällt mir n´ bißchen
schwer, mich heutzutage noch in Aufführungen zu bewegen, die mir nicht
genehm sind oder von denen ich mir nicht viel erwarte. Aber ich hoffe immer,
daß es noch besser ist, als es dann am Ende herauskommt. Und es langweilt
dann ein bißchen mit der Zeit. Mitunter haue ich auch jetzt schon in der
Pause ab." (O-Ton Klaus Geitel)
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