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Dieter
David Scholz
Rezension
Samiels „Freischütz“-Monolog mit Musik von Weber
Bruno Weils musikalisch fulminanter
„Freischütz“
ohne Dialoge

Es ist eine Wonne, zu hören, mit
welchem Furor Bruno Weil jenseits aller verkrusteten
Auf-führungskonventionen Webers „Freischütz“-Musik angeht. Faszinierend, mit
welcher Prä-zision, Reaktionsschnelligkeit und Delikatesse die Cappella
Coloniensis seiner lebendigen und ganz und gar unwagnerischen Lesart folgt.
Die hochexplosive Dramatik dieser Musik hat man selten so anspringend
gehört. Die Aufnahme ist ein Paradebeispiel an Exaktheit, Klarheit und
pointierter klanglicher Zuspitzung. Ohne jeden süßlichen pathetischen
Tonfall des späten neunzehnten Jahrhunderts und seiner Weber-Verklärung aus
der Perspektive des Wagner-schen Musikdramas kommt dieser „Freischütz“
daher. Fabelhaft, mit welchem Raffinnement in Tempo, Phrasierung und
Artikulation Bruno Weil und sein brilliantes Orchester aufwarten. Immer
wieder blitzen Kostbarkeiten instrumentaler Soli auf. Die Bläser sind
geradezu über-wältigend in Klang und Spielkultur. Die Celli von betörender
Klangsinnlichkeit. Ein Lob auch der Aufnahmetechnik! Tatsächlich hört man
diesen „Freischütz“ mit anderen Ohren. Man hört, was vor ihm war und nicht
was nach ihm kam, Mozart, Beethoven und Schubert und nicht Wagner et cetera.
Man hört ihn frischer, vitaler, unverbrauchter denn je. Schon das Spiel auf
alten Instrumenten schafft größere Durchhörbarkeit, enormen Zugewinn an
Farbigkeit und Klarheit, die sich wohltuend gegen massives Weberpathos
spätromantischer Schule abhebt. Bruno Weils Plädoyer für die Interpretation
des „Freischütz“ aus dem Geist des deutschen Singspiels überzeugt besonders
in den mitreißend kammermusikalisch-musikantisch gespielten tänzerischen und
volkstümlichen Musiknummern des Stücks, aber auch in den
lyrisch-romantischen und den dramatischen Zuspitzungen, deren Kühnheit
selten so sinnfällig wurde wie in dieser kontrastreich-differenzierten
Lesart. Selbst der Jägerchor gewinnt in seinem un-pathetisch-rustikalen,
rhythmisch pointierten Zugriff erträgliche Natürlichkeit. Und das gilt auch
für das Brautjungfernlied jenseits aller Konventionen. Das gesamte
Sängerensemble unter-streicht Weils Intentionen. Allen voran Michael
Prégardien, der sich mit dem Max zwar an die Grenzen seiner stimmlichen
Möglichkeiten heranwagt, sie allerdings in kluger sängerischer Ökonomie nie
überschreitet. Die Kantabilität, die Wortverständlichkeit, die an
Schubert-gesang geschulte Phrasierungs- und Artikulationsintelligenz, aber
auch Ausdruckssensibilität seiner Max-Interpretation jenseits bloßer
Kraftmeierei tenoralen Heldentums begeistern, ja berühren immer wieder. Wann
hat man beispielsweise mit solcher Innigkeit die Phrase „freute sich Agathes
Liebesblick“ je gehört? Überhaupt ist seine Gestaltung der Arie „Durch die
Wälder, durch die Auen“ ein Paradebeispiel an sängerischer Subtilität und
Nuancenreichtum. Aber auch Petra Maria Schnitzers warm timbrierte Agathe
wird den Anforderungen ihrer Partie mehr als nur gerecht. Das elegische
Grundgefühl der Partie wird in der gelbsilbernen Färbung ihres hohen Soprans
geradezu aufblühender Klang. Ihr Legato ist perfekt, ihre Höhe makellos,
ihre Wortverständlichkeit ebenso vorbildlich wie die aller übrigen Sänger
dieser Aufnahme. Schon das darf ja heute als Sensation bezeichnet werden.
Eine schöne Über-raschung ist das gewitzte, sopranistisch superbe und
natürlich menschliche Ännchen von Johanna Stojkovic, die mit ihrer hohen,
aber nicht kalten und sehr flexiblen Stimme Ausdruck und Virtuosität aufs
Selbstverständlichste zu verbinden weiß. Georg Zeppenfelds Kaspar strotzt
vor baritonaler Viriliät, ohne dabei die Gesangskultur auch nur für einen
Moment aus den Augen zu verlieren. Sonore samtige Bassautorität bringt
Andreas Hörl als Eremit ein. Auch die übrigen Sänger können sich hören
lassen. Insgesamt eine rundum gelungene Besetzung, wie man sie selten hört.
Der äußerst präzise und bewegliche WDR Rundfunkchor zeigt sich von seiner
besten Seite.
Und doch trübt diesen
„Freischütz“ ein Wermutsropfen aufs Empfindlichste. Das Problem jeder „Freischütz“-Aufführung
sind zugegebenermaßen die Dialoge. Schon rein sprachlich reichen sie nicht
an das Niveau der Musik heran. Und so, wie manche Sänger die Texte
Friedrich Kinds sprechen, möchte man sie eigentlich gerade nicht hören. Doch
was auf der Bühne oft unvermeidlich peinlich gerät, kann in einer
CD-Produktion vermieden werden. Daß man mit Schauspielern und guten Strichen
eine psychologisch und dramatisch glaubwürdige Dialogfassung herstellen
kann, haben beispielseise Erich Kleiber und Jochim Herz bewiesen. Bruno
Weils Lösung, die Dialoge ganz zu streichen und stattdessen einen Erzähler
mit der Stimme Samiels einzusetzen, der dem Zuhörer die Handlung auf der
Bühne psychologisch kommentierend erzählt wie ein allwissender Dramaturg,
überzeugt mich nicht. Markus John spricht diesen „Geist, der niemals weicht“
zwar mit dämonisch raunendem Organ sehr differenziert. Aber die Texte von
Steffen Kopetzki sind trotz oder gerade wegen ihrer Gelehrt-heit und ihrer
poetischen Bemühtheit (Blankverse) nicht dazu angetan, den dramatischen Fluß
und die Spannung zwischen den Musiknummern zu fördern und zu erhalten. Man
hat den Eindruck, der allwissende Erzähler Samiel alias Mephistopheles,
rezitiert einen endlosen Monolog über Webers „Freischütz“ beim Anhören der
Musiknummern desselben. Samiel erklärt allen Mithörern den „Freischütz“. Das
aber hat mit lebendigem Drama, mit Singspiel, mit Theater nicht mehr viel zu
tun, eher mit belehrendem Hörspiel. Der Reiz und die Chance einer „Freischütz“-CD-Produktion
liegt doch gerade darin, das Werk unter Ausschaltung aller problematischen
Faktoren einer jeden Live-Aufführung zur optimalen Entfaltung bringen zu
können. Daß dies gelingen kann, beweist die Aufnahme ja eindrucksvoll in der
Wolfsschluchtszene. Den „Freischütz“ seiner wesentlichen, die Handlung
vorantreibenden und die Musik legitimierenden Dialoge zu berauben um
stattdessen einen geschwätzigen Märchen-onkel drauflosreden zu lassen, kann
nicht die Lösung der gestellten Aufgabe sein. Es widerspricht der
fundamentalen Idee von Theater, der Handlung, der sichtbaren, hörbaren
Aktion und Kommunikation zwischen handelnden Menschen auf der Bühne. Solche
Kommu-nikation vollzieht sich nun mal im Dialog. Beim „Fidelio“ oder bei der
„Zauberflöte“ würde man sich ja vor solchen intellektuellen Kopfgeburten
eines Hör- nicht aber leibhaftigen Theaters auch hüten. Schade, dass Bruno
Weil, ein so überaus vitaler Musiker und kom-petenter Weber-Dirigent, sich
diesen Dramaturgen-Floh ins Ohr setzen ließ. Zumal er im Begleittext des
Booklets dem Furtwängler-Wort von der „Naivität“ des Singspiels „Freischütz“
das Wort redet.
Aabgedruckt in: Opernwelt
Der „Freischütz“:
Christian Gerhaher (Ottokar), Friedemann Röhlig
(Kuno), Petra-Maria Schnitzer (Agathe), Johanna Stejkovic (Ännchen), Georg
Zeppenfeld (Kaspar), Christoph Prégardien (Max), Andreas Hörl (Ein Eremit),
Christian Gerhaher (Kilian); Gabriele Henkel, Anke Lambertz, Christiane
Rost, Andrea Weigt (Vier Brautjungfern), Markus John (Samiel und Erzähler9.
WDR Rundfunkchor Köln, Leitung: Godfried Ritter, Cappella Colonsiensis des
WDR, Leitung: Bruno Weil. Aufnahmedatum: 2001.DHM (BMG) 05472 77536 2 (2 CD)
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