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Dieter
David Scholz
Rezension
Rezension für SWR – November 2003:
Albrecht Bald/Jörg Skriebeleit:
Das Außenlager Bayreuth des KZ Flossenbürg
Wieland Wagner und Bodo Lafferenz im „Institut für
physikalische Forschung“
Vorwort von Brigitte Hamann.Verlag C.u.C. Rabenstein, Bayreuth. 172 S., €
14,80
Unter den vielen Neuerscheinungen
dieses Jahres zum Thema „Richard Wagner & Co“ ist ein schma-ler Band
besonders hervorzuheben, der sich mit einem bis heute tabuisierten Aspekt
der Vorgeschichte „Neubayreuths“ befaßt. Die Historikerin Brigitte Hamann
hat das Tabu bereits in ih-rem Buch über Winifred Wagner im vergangenen Jahr
als erste gebrochen und den Stein ins Rollen gebracht. Mit ihrer Studie über
„Das Außenlager Bayreuth des KZ Flossenbürg“ haben Albrecht Bald und Jörg
Skriebeleit mehr Licht in die Grauzone der Biographik des Wagner-Enkels
Wieland gebracht, dessen vielgepriesene sogenannte „Entrümpelung“ im
Nachkriegs-Bayreuth makabre Wurzeln im Dritten Reich hatte. Einzelheiten von
Dieter David Scholz:
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Mit einer Neuinszenierung des
„Parsifal“ wurden 1951 nach sechsjähriger Unterbrechung die Bay-reuther
Festspiele wiedereröffnet. Bei denkbar bescheidensten finanziellen
Voraussetzungen und gegen manchen Widerstand vieler Kulturschaffenden, die
die nationalsozialistische Wagnerei und den Schulterschluß Winifred
Wagners mit Adolf Hitler noch in lebhafter Erinnerung hatten. Doch man
demonstrierte einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit, ästhetische und
inhaltliche Neu-besinnung auf dem Grünen Hügel. Wolfgang und Wieland
Wagner, die beiden Wagnerenkel, die ihr Familienunternehmen gerettet und
wiedereröffnet hatten, schrieben das Wort „Entrümpelung“ auf die Fahnen von
„Neubayreuth“ und gingen auf Distanz zur Mutter Winifred, einer bekennenden
Na-tionalsozialistin. Vor allem Wieland Wagner, zweifellos der begnadetere
Regisseur der beiden insze-nierenden Brüder, kreierte mit seinen
Weltenscheibe, auch „Wielandsche Kochplatte“ genannt, sei-ner Lichtregie,
seiner szenischen Abstraktion und Verbannung aller Dekoration und seiner
ganz und gar unnationalistischen, archaisch-mythischen Lesart Wagners
und seiner Musikdramen einen geradezu wegweisenden „Neubayreuther Stil“,
der Theatergeschichte schrieb. Das Nachkriegs-Bayreuth mit den kühnen,
strengen Inszenierungen Wielands und dem bis heute nicht wieder er-reichten
Sängerensemble wurde zum vielgepriesenen Modell neuen, modernen,
unvorbelasteten Wagnertheaters.
Daß dieses Theater, daß
vor allem Wieland Wagner so unvorbelastet nicht waren, hat spätestens im
vergangenen Jahr die Wiener Historikerin Brigitte Hamann in ihrem
aufsehenerregenden Buch über Winifred Wagner, die Mutter Wielands,
nachgewiesen. Sie hat als Erste mutig und kompetent auf die Verstrickung des
von Hitler protegierten, zum künftigen Bayreuth-Leiter auserkorenen Sohnes
Wieland hingewiesen und die gängige Meinung Lügen gestraft, er hätte eine
„reine Weste“ gehabt. Nach Brigitte Hamanns Buch konnte die vorherrschende
Verherrlichung des als verschlossen geltenden Wieland nach der Maxime
Daphne Wagners, „Die Omi war Nazi, der Vater nie“, nicht länger
aufrechterhalten werden. Es war nach der Lektüre ihres Buches klar, daß die
Geschichte Neubayreuths neu geschrieben werden müsse. Wieland Wagner war -
so Brigitte Hamann - auch wenn er nach 1945 davon nichts mehr wissen wollte
- bis zum letzten Augenblick des Dritten Reiches ein Nazi.
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O-Ton Brigitte Hamann: "Na ja, der Obernazi von Bayreuth in den 40er
Jahren. Später wollte er davon nichts mehr wissen. ... Und es gab viele,
die auch in Bayreuth davon nach dem Krieg nichts mehr wissen wollten. ...
Wieland hat sich der Entnazifizierung entzogen ... Deswegen hat er sich an
den Bodensee abgesetzt ... er hat seine Tätigkeit im KZ-Außenlager
verheimlicht. ... Was muß er für Spannungen in sich gehabt haben. Er ist ja
auch früh gestorben. ... Es wird sich unser Bild von den bekannten Nazis
und Antinazis gewaltig verändern."
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Albrecht Bald, engagierter Bayreuther Gymnasiallehrer und Jörg Skriebeleit,
wissenschafticher Leiter des KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, beide vielfältig
forschend tätig , haben nun die Kon-sequenzen aus dem Anstoß Brigitte
Hamanns gezogen und ein bisher nicht nur vernachlässigtes, sondern geradezu
ignoriertes Thema der Neubayreuther Geschichtsschreibung aufgearbeitet:
Wieland Wagners Tätigkeit nämlich im Bayreuther Außenlager des KZs
Flossenbürg.
Nicht, daß Wieland irgend
eine wichtige, verantwortungsvolle Tätigkeit innerhalb des Machtap-parates
der Nazis innegehabt hätte. Aber er hat doch, selbstverständlich
Parteimitglied, ohne den geringsten moralischen Zweifel eine bedenkliche
Einrichtung der Nazis dankbar benutzt, um - ob-wohl er als vorherbestimmter
Bayreuth-Erbe von Hitler persönlich vom Wehrmachtsdienst frei-gestellt war
- nicht im letzten Moment noch zum Militär eingezogen zu werden und
ungefährdet im Krieg zu überwintern. Er war, worauf schon Brigitte Hamann
hingewiesen hatte, von September 1944 bis April 1945 stellvertretender
ziviler Leiter eines Bayreuther Außenlagers des fränkischen KZs Flossenbürg,
in dem Tausende von Inhaftierten ums Leben kamen.
Gemessen am Grauen dieses
KZs war das Bayreuther Außenlager zwar ein angenehmes Hotel, in dem niemand
zu Tode kam, wie überlebende Inhaftierte in der Dokumentation von Bald und
Skriebeleit berichten, aber es war doch immerhin eine Institution, in der
physikalische Experimente zur Entwicklung der Wunderwaffe V2 durchgeführt
wurden, Experimente, an denen 85 Häftlinge mitwirken mußten.
Wieland Wagners Schwager
Bodo Lafferentz, seit 1943 mit Wielands Schwester Verena ver-heiratet, hatte
sich als SS-Multifunktionär für ein Institut zur Entwicklung einer
Wunderwaffe stark gemacht. Er sorgte dafür, daß Wieland als Verbindungsmann
in Bayreuth fungierte und so weder zur Wehrmacht, noch zum Volkssturm
eingezogen wurde. Im Lager selbst - auf dem Gelände einer Baumwollspinnerei
- konnte Wieland Experimente an Bühnenbildern und Leuchtsystemen anstellen -
und dabei auf die Hilfe von Häftlingen zählen. Wieland soll sich mehrfach
für die Überstellung von Häftlingen in zivile Tätigkeitsfelder eingesetzt
haben. Er fungierte als Mittelsmann zu Lafferentz. Bevor das Lager im April
1945 aufgelöst wurde und die Häftlinge einen Todesmarsch ins KZ Flossenbürg
antraten - erschütternde Berichte Überlebender sind in der Dokumentation
nachzulesen - setzten sich Lafferentz und Wieland mitsamt kostbarer
Wagner-Handschriften nach Nußdorf am Bodensee ab - in die französische Zone,
wo man einer Entnazifizierung zunächst entging.
Nach einem gescheiterten
Fluchtversuch über den Bodensee kam es 1948 zum Spruchkammerver-fahren.
Wieland wurde aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP, in der
Reichskammer der Bildenden Künste und in der Reichstheaterkammer per
Sühnebescheid als „Mitläufer“ eingestuft. Er zahlte ein Sühnegeld von 100
Mark plus Prozesskosten. Seine Beschäftigung im Bayreuther Au-ßenlager aber
hatte er unterschlagen.
Es ist das Verdienst der Autoren Bald
und Skriebeleit, diesen weithin unbekannten oder aber verschwiegenen
Sachverhalt in aller gebotenen Klarheit und Nüchternheit aufgearbeitet und
sorg-fältig dokumentiert zu haben. Die Historikerin Brigitte Hamann hat
bereits in ihrem Buch über die Mutter Wieland Wagners von den Forschungen
der beiden Autoren profitiert und den Weg zu dieser Dokumentation geebnet.
In einem Vorwort des 172 Seiten dünnen Bändchens würdigt sie Albrecht Bald
und Jörg Skriebeleit. Zu recht!
Nach der Lektüre dieser Arbeit muß sich
die Wagner-Welt fortan der Tatsache stellen, daß aus-gerechnet jener
ästhetische Grundstein, auf dem „Neubayreuth“ und die von aller „braunen“
Deutschtümelei sich distanzierende Wagner-Renaissance der Nachkriegszeit
aufbaute, womöglich in einem KZ-Außenlager gelegt wurde.

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