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Dieter
David Scholz
Rezension
DVD
Die beste Fledermaus
als Film frei nach Johann Strauss

Johannes Heesters
Regie: Geza von Bolvary 1944/46
Wer kennt sie nicht, die
Fledermaus von Johann Strauss Sohn? Jedes Stadttheater, jedes Opernhaus
spielt sie seit Uraufführungszeiten in schöner Regelmäßigkeit. Es ist noch
immer eine der besten Operetten, basierend auf einer fabelhaften Komödie der
Offenbach-Libret-tisten Meilhac und Halévy. Aber wer kennt die Film-Version,
die Geza von Bolvary im Som-mer 1944 im Auftrag der UFA im noch
unzerstörten Prag drehte, mit einem - trotz Kriegs-zeiten - unglaublich
hohen Budget von 3,5 Millionen Reichsmark? Nach dem zweiten Welt-krieg
geriet der zwar vollständig gedrehte, aber noch nicht fertiggestellte Film
als Beutegut in sowjetische Hände, wurde unter abenteuerlichen Umständen
vollendet und schließlich am 16. August 1946 als sogenannter
„Überläuferfilm“ in Ost-Berlin uraufgeführt, ironischerweise als erstes
Prunkstück der neugegründeten DEFA. Bis 2003 wurde der Film gelegentlich im
deutschen Fernsehen ausgestrahlt, allerdings in schauerlichen Farben. Dank
aufwendiger digitaler Restaurierung unter Zuhilfenahme zweier erhaltener
Kopien des Films ist nun eine DVD-Version in den Handel gekommen, die
verblüfft. Der erste Operettenfarbfilm, der zehnte deutsche Farbfilm
überhaupt, ein Demonstrationsobjekt für das gereifte Agfacolor-Verfahren
jener Zeit - ist nun in makelloser Bildqualität mit erstklassigen Farben,
scharfen Kontrasten und brillianter Auflösung zu sehen, der Mono-Ton ist
immerhin zufriedenstellend. Vor allem aber: Der Plot - das Drehbuch stammt
von Ernst Marischka, der im Nachkriegsfilm mit Romy-Schneider-Filmen Furore
machte - und die Besetzung sind herausragend. Es ist ganz sicher die beste
der bis 1944 schon sechsten Fledermaus-Verfilmungen. Willi Dohm spielt den
Theaterdirektor Falke, der nach einem Maskenball von seinem Freund
Eisenstein volltrunken und im Ballkostüm einer Fledermaus auf eine Parkbank
gelegt wurde und am nächsten Morgen zum Gespött der Passanten und
schließlich eingesperrt wird.

Geza von Bovary hat
ausgehend von dieser Vorgeschichte, die - anders als in der Operette -
detailliert gezeigt wird, die Revange des blamierten Theaterdirektors Falke
inszeniert, als ge-witztes Sprechstück mit Gesangseinlagen. Ein flottes
Leinwandlustspiel selbst für weniger Operettenbegeisterte. Die Höhepunkte
sind Ballszenen im Palais de Prinzen Orlovsky, mit ganz besonderen Einlagen:
Johann Strauss Junior dirigiert Ausschnitte aus seiner neusten Operette "Die
Fledermaus".

Theaterdirektor Falke hat Johann
Strauss eigens beauftragt, nach seinen Vorgaben diese Ope-rette zu
komponieren. Das Publikum staunt nicht wenig über die Handlung.
Gefängnisdirektor Frank: "Die Handlung ist natürlich ein Blödsinn, so
etwas kommt eben nur im Theater vor".
Von wegen! Falke zieht wie
ein deus ex machina die Strippen, stachelt Paare an, sich zu betrügen, zu
verkleiden und sich andere Anmen zu geben. Und spiegelt es ihnen in
Operetteneinlagen ironisch gebrochen vor. Falke wird zum Drahtzieher eines
abgefeimten Verwirrspiels um Verwandlung, Verwechslung und Eifersucht. Eine
hintersinnige Komödie über die Differenz von Schein und Sein, die am Ende
fast blutig endet. Der Triumph des Doktor Falke: Eisenstein kocht vor
Eifersucht. "Die Rache der Fledermaus".
Natürlich geht alles gut
aus, am Ende siegt der Champagner. Der junge Johannes Heesters gibt
übrigens den Einsenstein, eine der Paradepartien des unwiderstehlichen
Frauenschwarms, von dem schon Rudi Schuricke 1935 sagte: "Der ist ein
Frauentyp, der wird alles wegdonnern."

Neben Juppie Heesters kein
Star-Ensemble, aber eine Truppe erstklassiger Schauspieler: die
österreichische Filmdiva Marte Harell als bildschöne Rosalinde,

Siegfried Breuer als
charmanter Galan Prinz Orlovsky, der jeder Verführten anschließend ei-nen
Smaragdring schenkt, Dorit Kreysler als Stubenmädchen Adele mit Sexappeal
und höhe-rer Berufung, und der Beau Willy Fritsch als Gefängnisdirektor
Frank. Produziert wurde playback. "Der einzige, der richtig gesungen hat war
Hans Heesters". Wie er selbst auf bei-gefügter CD erläutert. Diese zweite
DVD der Luxusedition der Hamburger Firma Black Hill Pictures GmbH, mit einem
etwa halbstündigen Beitrag des einhundertährigen, aber noch ganz munteren
Johannes Heesters, der sich erinnert an die Produktionsbedingungen jener
Fledermaus mitten in den letzten Wochen des zweiten Weltkriegs ist
interessant und verdienstvoll. Alle Mitwirkenden außer Heesters sind
inzwischen tot.
Auch der unwiderstehliche,
nur noch wenigen bekannte Theater-Schauspieler Josef Egger als
Gefängniswärter Frosch. Alle großen Kollegen seiner Zeit, ob Hans Moser oder
Kurt Valentin haben das komische Faktotum verkörpert. Josef Egger in seiner
genialen Komödiantik schlägt sie alle. Wie er mimisch virtuos, in körperlich
geradezu artistischer, aber doch selbstver-ständlicher Versoffenheit selbst
den Haarentfärber Rosalindes für Schnaps hält und austrinkt, ist ein
schau-spielerisches Kabinettstück, das man gesehen haben muß.
Heesters erinnert sich ziemlich genau
an die geradezu gespenstischen Drehbedingungen mit Mitwirkenden, die
sprichwörtlich ums Überleben spielten, um nicht an die Front zu müssen,
umgeben von SS-Spitzeln. "Also dann können Sie verstehen, was für ein
Stimmung das manchmal war ... man wußte nicht, wem man trauen konnte. Es war
besser nichts zu sagen. Heesters erzählt freimütig von heimlichem Radiohören
der Feindsender, von subversiven nächtlichen Treffen mit Freunden, und vom
Schock des mißglückten Hitler-Attentats und der Hoffnung aufs Kriegsende.
Diese UFA-Fledermaus mit den
Erinnerungen Johannes Heesters ist eines der eindrucksvollsten Dokumente der
Film- und Operettenindustrie jener Zeit zwischen Anpassung und Mitmachen,
innerer Opposition und verhindertem Widerstand. Zum bloßen Durchhalte-Film,
zum dumpfen Unterhaltungsspektakel taugte diese Fledermaus nicht, dazu war
sie zu intelligent, zu gut gemacht, zu ironisch. Nur in wenigen Momenten, in
Dekorationsdetails vor allem, verrät sich die Ästhetik des Dritten Reichs,
am deutlichsten in der Schlußeinstellung des Films, einer
beängstigend-grandiosen Kamerafahrt von Heesters und der Harell hinauf in
die wie zu einem Parteitag mit Draperien dekorierte Galerie, die immer
größer wird und wo plötzlich 20, 30, 50, 80, schließlich 120 Geigen
spielen...
DVD-TIP in MDR-Figaro, 29.3.2005:

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