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Dieter
David Scholz
Rezension
Manfred
Eger: Nietzsches Bayreuther Passion. Rombach Verlag, 2001, Rombach
Litterae, 598 S.

Wagner-Nietzsche:
Ein deutsches Mißverständnis
Manfred
Eger korrigiert und klärt auf
In
„Ecce Homo“ charakterisiert Friedrich Nietzsche seine Affinität zu
Richard Wagner andeutungsweise, aber zu-treffend: „Das, worin wir
verwandt sind, daß wir tiefer gelitten haben, auch aneinander, als
Menschen dieses Jahrhunderts zu leiden vermöchten, wird unsere Namen ewig
wieder zusammenbringen; und so gewiß Wagner unter Deutschen bloß ein Mißverständnis
ist, so gewiß bin ichs und werde es immer sein.“
Immer
wieder mißverstanden
worden ist vor allem das widersprüchliche Verhalten Nietzsches gegenüber
Wag-ner. Über das Stück
polemische Literatur hingegen, in dem sich Nietzsches erbitterte Haß-Liebe
zu Richard Wagner niedergeschlagen hat, in „Der Fall Wagner“,
herrschte bald Einigkeit, daß es zum Geistreich-Funkelndsten, aber auch
zum Tiefgründig-Kritischsten,
ja Polemischsten gehört, das je gegen Richard Wagner laut wurde. Und doch
enthält es manch undifferenzierte Beobachtung und manches ungerechte
Urteil. Trotzdem ist Nietzsches Wagner-Kritik, alles in allem, von eher
erleuchtender Wirkung auf die Mit- und Nachwelt Wagners gewesen: auf tumbe
Wagnerianer vor allem, aber auch auf platte Antiwagnerianer. Fatal war
allerdings Nietzsches folgenreiches Gerücht von der vermeintlich jüdischen
Abstammung Ludwig Geyers, des Stiefvaters Richard Wagners, das er in
die Welt setzte: „War Wagner überhaupt
ein Deutscher?...Sein Vater war ein Schauspieler namens Geyer. Ein Geyer
ist beinahe schon ein Adler.“ Womit auf einen weit verbreiteten jüdischen
Namen angespielt wurde. Wer jüdische Namensbücher studiert, wird
allerdings den Namen Geyer vergeblich darin suchen. Nietzsche hat später
selbst (in einem Brief an Heinrich Köselitz vom 11. August 1888)
eingestanden: „in einem Punkte bin ich sogar zweifelhaft, ob ich nicht
zu weit gegangen … in der über Wagners Herkunft“. Die Folgen seines
Leichtsinns waren fatal. Bis heute berufen sich alle, die Wagner jüdischer
Herkunft bezichtigen, auf Nietzsches unüberprüfte Behauptung, zumal sie
vom offenbar sakrosankten Adorno abgesegnet wurde.
Und
doch hat Nietzsches Wagner-Kritik als Ganzes immerhin als erste in
wirkungsvoller Weise an Tabus der Bayreuther Gralhüter
gerührt
und manchen Nagel menschlich-allzu-menschlicher, aber auch ideologischer
Unzulänglichkeiten Wagners und seiner Kunst in bis heute unübertroffener
Weise auf den Kopf getroffen. Schon Thomas Mann wies darauf hin, daß
Nietzsches Polemik gegen Wagner „der Begeisterung eher ein Stachel ist,
als daß sie zu lähmen vermöchte“.
Nimmt
man es genau, dann harren allerdings noch viele Fragen nach den genauen
bio-graphischen Motiven und Anlässen der so radikalen und zuweilen mit
wirklich bösartiger Schärfe sich artikulierenden Kritik Nietzsches an
Wagner präziser Antworten. Es ist an der Zeit, nach Wagner auch Nietzsche
einer kritischeren Betrachtung zu unterziehen, jenseits von Verharmlosung
oder Verdammung.
Von
zentraler Bedeutung ist die Frage nach dem Warum der Kehrtwendung
Nietzsches. Warum wurde aus dem Wagner-Verehrer ein Wagner-Verächter. Der
Grund ist ein schwer-wiegender Bruch im Verhältnis Wagners zu Nietzsches.
Manche Legende hat sich um diesen nachgerade berühmten
Bruch gerankt.
Manfred
Eger hat sich der heiklen Fragen dieses Legendengestrüpps aufs
Akribischste angenommen in einem fast 600seitigen Buch, das zwar auf den
Grundthesen seines bereits 1988 erschienenes Buches „Wenn ich Wagnern
den Krieg mache“ basiert. Allerdings hat er das Material des Buches
wesentlich erweitert und um wertvolle Argumentationen ergänzt. Der Umfang
ist um fast das fast doppelte angewachsen. Eger schlägt kompromisslos
Schneisen in das dürre Gestrüpp falsch überlieferter Tatsachen,
schlampig recherchierter Fakten und tradierter Vorurteile. Und er scheut
sich (im Gegensatz zu vielen Nietzscheforschern) auch nicht, den „Blick
in die Niederungen biographischer Kausalitäten“ zu werfen. Zurecht
dia-gnostiziert Eger: „Nietzsches Verhalten gegen Wagner spielt sich oft
tief im Souterrain seins Niveaus ab“. Wobei Eger im gleichen Atemzug
allen Verdächtigungen den Wind aus den Segeln nimmt: „Es spiegelt
jedoch nur eine Facette des Phänomens Nietzsche, dessen Faszination von
anderen, brillianteren Facetten bestimmt wird. Dieses Buch will sie nicht
verdunkeln. Vielleicht trägt es sogar dazu bei, das Objektiv zu reinigen
für den Blick auf das Witterungs- und Transformationsgenie, den
provokanten Kulturkritiker und den unver-gleichlichen Sprachvirtuosen
Nietzsche.“
Wer
nun glaubt, Manfred Eger als ehemaliger Leiter des Richard-Wagner-Museums
in Bayreuth sei des „Berufswagnerianismus“ verdächtig, irrt, denn
Eger nimmt Wagner nicht etwa gegenüber
Nietzsches Invektiven in Schutz, es geht ihm auch nicht um billige
Anschwärzung Nietzsches. Egers Intention ist die Korrektur eines alten
Nietzsche-Mißverständnisses der Deutschen, das ja auch ein Wagner-Mißverständnis
ist.
Manfred
Eger bemüht
sich gewissenhaft, Nietzsches Abwendung von Wagner und seiner auffällig
gehässigen Wagner-Kritik auf den (menschlich-allzumenschlichen) Grund zu
gehen. „Mußte dieser Schritt auf eine so unsachliche, so verletzende,
so hinterhältige Weise geschehen? … Und woher diese Bosheit, dieser Haß,
diese Rachsucht sogar noch gegen ei-nen Toten“ so fragt sich Eger. Er
recherchiert gründlich, wertet immenses Quellenmaterial aus und
betrachtet es als ein Gebot der Fairness und der Redlichkeit, den Finger
auf Fälschungen der Nietzsche-Literatur zu legen. Auch der prominente
Nietzsche-Forscher, Mitherausgeber und Bearbeiter der
Nietzsche-Gesamtausgabe, Mazzino Montinari kommt nicht ungeschoren davon. Er
wird des Versuchs geziehen „Unwahrheiten seines Mandanten in Wahrheiten
um-zubiegen“. Aber auch der Wagner- und Nietzscheautor Dieter Borchmeyer
wird der Un-redlichkeit gescholten. Manfred Eger wühlt
sich gleichsam indiskret und kriminalistisch durch Forschungsliteratur und
vor allem durchs biographische Unterholz der Kulturgeschichte, den persönlichen
als den eigentlichen Motiven der Kritik Nietzsches nachspürend.
Dabei
hat Manfred Eger eine Überfülle
interessanter Fakten aus verstreuter biographischer und Brief-Literatur
zusammengetragen und aneinandergereiht. Fakten, die auf Nietzsches
wi-dersprüchlich-opportunes
Verhalten gegenüber
Cosima wie auch Lou von Salomé‚ auf seine Selbstinszenierungen (die
ebenso unbescheiden waren wie die Wagners), seinen philo-sophischen Größenwahn
und sein ambivalentes Verhältnis zu Wagner manches neue Licht werfen.
Fakten auch, die deutlicher als in den meisten bisherigen Darstellungen
zuvor Nietzsches Abwendung von Wagner als ein komplexes, ja verzwicktes
Zusammenspiel ganz verschiedenartiger biographischer Motive begreifen
lassen.
Wenn
auch Nietzsches Wagner-Kritik durch Egers Untersuchung nicht in allen
Punkten widerlegt wird, so wird sie doch in ihrer Entstehungsgeschichte
verständlicher und manchem der gehässigen Urteile wird die Spitze
gebrochen, da Eger die privaten Ressentiments und Animositäten Nietzsches
gegenüber
Wagner psychologisch erklärt, als Projektionen und Abwehrmechanismen vor
Augen führt.
Fazit
Egers: Nicht Wagner, sondern Nietzsche sei in Wahrheit ein
„Musikantenproblem“, was heißen soll, daß Nietzsches radikale Abkehr
von Wagner weder aus philosophischen und weltanschaulichen Gründen
zu erklären sei, auch nicht mit Wagners vermeintlichem Verrat an
Nietzsches Idealen, seinem vermeintlichem Kniefall vor der christlichen
Religion, noch wegen der legendären „tödlichen Beleidigung“, jener
perfiden Unterstellung Wagners (im Briefwechsel mit Nietzsches Arzt Dr.
Eiser), der Grund des gesundheitlichen Desasters Nietzsches liege in
unsittlichen Neigungen wie häufigem Onanieren, und dergleichen mehr. Der
entscheidende Auslöser der Feindschaft Nietzsches sei begründet,
daß Wagner Nietzsches musikalische Begabung nicht anerkannt und verlacht
habe. - Freilich, manche der von Eger herangezogenen Briefpassagen
Nietzsches sind wohl nichts weiter als kompensatorische Quisquilien einer
zuweilen in überbordenden
privaten Äußerungen sich Luft machenden be-dauernswerten, kranken und
vereinsamten Gelehrtenexistenz. Aber Nietzsches Selbst-herrlichkeit und
Selbstüberschätzung als Komponist liegt nach Egers Untersuchung auf der
Hand.
Zustimmen
wird man Eger auch darin, daß einer der wesentlichen Gründe des
Bruchs in der Tatsache zu sehen ist, daß Wagner Nietzsche als geistige
Individualitit nicht gleichwertig neben sich habe dulden wollen, schon gar
nicht als eine der tragenden Säulen Bayreuths, wozu sich der seit
Tribschener Tagen Wagner eng verbundene und sich für
ihn einsetzende Professor Nietzsche berufen glaubte. Der biographische Spürsinn
Egers überrascht immer wieder, wenn er beispielsweise Nietzsches gar
nicht so philosemitische frühen Äußerungen über Juden in die Nähe der
nationalsozialistischen Hetzschrift „Der Stürmer“ zu rücken vermag.
Auch wie er Nietzsches Feuerwerk der Selbstmythologisierung immer wieder
entlarvt.
Eger
rückt zurecht, ergänzt, korrigiert das gängige Nietzschebild. Sein Buch
ist allen Nietz-scheanern, aber auch allen, die sich sachlich mit Nietzsche
beschäftigen nur wärmstens zu empfehlen. Es ist das Gegengift gegen alle
unkritische Nietzsche-Verherrlichung. Und auch ein Muß für alle an
Wagner Interessierten. Zumal es den Diffamierungs-Jargon Nietzsches vor
dem Hintergrund späterer geschichtlicher Ereignisse in ein neues Licht
stellt.
Zurecht
warnt Manfred Eger den Leser, gut daran zu tun, beide, Nietzsche wie
Wagner nicht immer allzu wörtlich zu nehmen, da beide größenwahnsinnige
Schauspieler, Zauberer und Inszenatoren ihrer Selbst seien, denen man nur
allzu leicht auf den Leim gehen könne.
Was
Eger an biographischen, psychologischen und entstehungsgeschichtlichen
Motiven der in die Literaturgeschichte eingegangenen Abrechnung Nietzsches
mit Wagner ermittelt und in einen psychologisch-biographischen
Zusammenhang zu bringen vermocht hat, was er über
Nietzsches geradezu groteske Selbsteinschätzung als Komponist und seine
fragwürdige
Kompetenz in Sachen Musik zusammengetragen hat, schärft zweifellos den
Blick dafür, den „Fall Wagner“ als Kehrseite eines „Falles
Nietzsche“ künftig
differenzierter, womöglich ge-rechter zu verstehen. Es ist ohne Frage
eines der wichtigsten Bücher der letzten Jahre über Nietzsche wie über
Wagner. Ob es allerdings die in Umlauf befindlichen Vorurteile und
Missverständnisse beseitigen wird, sei dahingestellt. Wer gibt schon gern
schöne Gerüchte und nützliche Vorurteile auf, wenn sie ideologischen
Interessen dienen und wenn die Wahrheit so ernüchternd ist. Das ist ja
leider auch im Falle Wagners bis heute so.
Dieter
David Scholz
(Veröffentlicht
in „Opernwelt“ Dezember 2002)

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