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Dieter David Scholz

Rezension

Plädoyer wider ein verkanntes Stück

Sensationelle „Daphne“ von Erich Kleiber erstmals auf CD

Wer hätte gedacht, daß Straussens späte „Daphne“ so sehr nach „Elektra“, „Salome“ und „Frau ohne Schatten“ klingen würde? Daß die Musik dieser 1938 uraufgeführten - wider den Zeitgeist, aber doch ihm nicht widersprechenden - Antikenoper musikalisch moderner und besser ist als ihr Ruf, demonstriert Erich Kleiber in seiner 1948 in Buenos Aires live mit-geschnittenen Aufführung beispielhaft. So scharf analysiert, so glasklar und transparent, so nervig und forwärtsdrängend, so dramatisch aufwallend und zugleich poetisch hat man das Werk wohl noch nicht gehört! Alles, was man in mittelmäßigen Aufführungen als musikalischen Baiser, Schaumgebäck oder Mehlspeis empfindet, vermeidet Kleiber konsequent. Er macht die harmonischen Kühnheiten, aber auch die melodischen, und leitmotivischen Bezüge und Strukturen der Bukolischen Tragödie hörbar. Parfum, auf das gefühlige Dirigenten gerade dieses Stück reduzieren, bleibt bei Kleiber außen vor. Es ist eine strenge, ernste, konse-quente Lesart, die das Stück durchaus als modern erscheinen läßt, ohne das strahlende, Aufblühende, Beseeligende der Musik auch nur einen Augenblick zu verleugnen. Straussens Daphne in gerader Linie vom Tristan über den Wozzeck aus betrachtet?  Daß dies kein absurder Widerspruch ist, beweist Kleiber mit dieser Aufnahme. Trotz mangelhafter Tonqualität dieser unter ungünstigen Bedingungen mitgeschnittenene Aufführung muß man die Produktion fulminant nennen, nicht zuletzt wegen der hochkarätigen sängerischen Besetzung, die einen Superlativ an den anderen reiht: Der Wagnerbaß Ludwig Weber singt einen würde-vollen Penaios, Lydia Kindermann als Gaea fasziniert mit ihrem noblen, warmen und tiefen Mezzosopran von großem Format. Rose Bampton - eine der unumstößlichen Sopran-Größen der damaligen Met - ist eine warme, helltimbrierte, schlank singende, stimmlich sehr beweglich und flexible und doch großkalibrige Daphne, die keinen Wunsch offen läßt. Sie vereint dra-matisches Kaliber mit lyrisch angehauchtem Soubrettenton. Anton Dermota singt einen kraft-vollen, markanten, fast mozartischen Leukippos. Set Svanholm schließlich ist ein Apollo im Helden-Format. Er singt ihn wie Parsifal: knabenhaft, schlicht, makellos strömend, strahlend im Klang, mühelos in den Höhen und sicher in der rezitativischen Diktion. Auch ihm ist, wie allen Sängern der Aufnahme, großes Bemühen um Textverständlichkeit eigen. Eine Voraus-setzung geradezu, diese Oper zu singen. Heute allerdings leider keine Selbstverständlichkeit mehr! Kurzum: diese Daphne dürfte beinahe unübertrefflich sein und der unüberbietbare Maßstab einer jeden Daphne-Interpretation. Schade nur, daß das historische Klangbild so zu wünschen übrig läßt. Bei den heutigen Möglichkeiten der digitalen Klangrestaurierung hätte die Aufnahme verdient, optimiert zu werden.

Dieter David Scholz

Strauss: Daphne

Ludwig Weber (Peneios), Lydia Kindermann (Gaea), Rose Bampton (Daphne), Anton dermota (Leukippos), Set Svanholm (Apollo), Angel Mattiello (Erster Schäfer), Humberto di Toto (Zweiter Schäfer), Tulio Gagliardo (Dritter Schäfer), Hector Barbieri (Vierter Schäfer), Mafalda Rinaldi (Erste Magd), Norma Palmieri (Zweite magd).

Chor und Orchester des Teatro Colón, Erich Kleiber

Preiser 90371 (2 CD); AD 1948 (live)