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Dieter David Scholz

Rezension

in  „Das Orchester“ Dezember 2002 – SCHOTT VERLAG

 

Dieter Borchmeyer: Richard Wagner. Ahasvers Wandlungen

Insel, Frankfurt/Main 2002, 648 S., 44,90 €

  

 

 Wagner-Quisquilien

Dieter Borchmeyer ist ohne Frage einer der belesensten Philologen, ein Gelehrter von Rang und einer der fleißigsten, freilich auch der eitelsten Wagnerautoren. Das eben ist der heikle Punkt seines neusten Wagner-Buches, das in großen Teilen Material enthält, das Borchmeyer schon in seinem vor 20 Jahren erschienenen Band über das Theater Richard Wagners der Öffentlichkeit präsentierte. Im ersten Teil stellt Borchmeyer das Gesamtwerk Wagners noch einmal ausführ-lich dar. Im zweiten Teil seines mehr als sechshundertseitigen Buches findet man Aufsätze zu wirkungsgeschichtlichen und entstehungsgeschichtlichen Querbezügen, Borchmeyer nennt sie die „Vor-, Um- und Wirkungsfelder Wagners“. Darunter sind eine Reihe neuerer und neuster Untersuchungen zu sehr speziellen Aspekten der Wagnerforschung, etwa zum Verhältnis Wag-ners zu Heine, Grillparzer und Bismarck. Das ist nicht uninteressant, zugegeben. Doch was er zu Wagners ungleicher Freundschaft zu König Ludwig II. oder zu Thomas Manns Wagner-Passion, auch zu Nietzsches Wagner-Leidenschaft und Leiden an Wagner ausbreitet, hat man so oder ähnlich schon oft gelesen.  Auch das Thema Verdi contra Wagner bedarf kaum mehr erneuter Untersuchungen. Warum eigentlich noch einmal der Versuch ein „Gesamtbild von Wagners dramatischem Werk„ zu malen? Ist Wagner nicht bereits oft genug profund dargestellt worden? Lohnenswert sind in Borchmeyers Buch allenfalls die Analysen des „verfemten Frühwerks“ Wagners, die Anmerkungen zu „Die Hochzeit“, „Die Feen“, „Das Liebesverbot“ und „Die hohe Braut“. 

Freilich, was man bei Borchmeyer liest,  ist alles sehr klug, sehr gelehrt, aber nicht unbedingt wissensnotwendig zum genaueren Verständnis Richard Wagners angesichts der nieder-schmetternden Fülle an Wagnerliteratur, die bis auf wenige Problemfelder doch fast alle Aspekte bereits ausgeleuchtet hat. Der Vorwurf so manchen Lesers,  Dieter Borchmeyer sei ein „Quisquilien-Krämer“ ist berechtigt, der hohe Preis seines Buches durch die Dürftigkeit des Inhalts aber nicht.

Natürlich hat der Autor recht, wenn er betont, daß es „kaum eine Kontinuität und einen Fort-schritt in der literarisch orientierten Wagner-Forschung“ gibt und die „ideologisch fatal einge-färbte Meinungsliteratur über Wagner zwischen Klatsch und Krampf“ anprangert. Doch des „Philologen Recht“ auf Wagner hat ja schon Peter Wapnewski 1980 in seinem Buch „Der traurige Gott“ eingefordert. Neu ist der Ansatz Borchmeyers also nicht gerade.  

Auch der Untertitel des Buches, der den „ewigen Juden“ im Visier hat, wiederholt nur eine in der Geschichte der Wagnerforschung bereits hinlänglich bekannte These. Die „Tatsache, daß Wagner die Gestalt des nicht sterben könnenden, ewig unbehausten Wanderers als Existenz-symbol seiner selbst und seines Künstlertums angesehen hat, dessen ‚Wandlungen’ auch seine Wirkungsgeschichte manifestiert“ ist schon ein ziemlich alter Hut. Bereits 1924 hat der be-deu-tende Musikwissenschaftler und Wagnerforscher Paul Bekker diesen Gedanken auf knapp 600 Seiten exemplarisch entwickelt .  

Und wenn  sich Borchmeyer  bei der Erörterung der (unberechtigterweise) immer wieder als antisemitisch  deklarierten Figur des Beckmesser in den „Meistersingern“ über das Thema Wag-ner und die Juden bzw. Wagners Antisemitismus grundlegend äußert, verkennt er schlicht und ergreifend den Stand der heutigen Wagnerforschung, ja ignoriert – ob absichtlich oder in Un-kenntnis der Forschungslage, sei dahingestellt – wichtige Literatur zum Thema. Andere Autoren haben ja längst Borchmeyers hier als neu und originell vorgetragene Thesen in die Wagner-forschung eingebracht. In der für ihn so charakteristischen Selbstherrlichkeit geht Borchmeyer entschieden zu weit, wenn er in seinem neusten Buch behauptet, er habe als erster die Tage-bücher Cosimas umfassend ausgewertet. Etwas mehr Bescheidenheit und wissenschaftliche Fairneß würde dem Herrn Professor für Neuere deutsche Literatur- und Theaterwissenschaft an der Universität Heidelberg gut anstehen.