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Dieter David Scholz

Rezension

WIDER DEN FALSCHEN MYTHOS

Werkstatt Musiktheater. Walter Felsenstein. In Bildern von Clemens Kohl.

Henschel Verlag 2005. (2006), 224 s., 39,90 Euro.

 

Walter Felsenstein gilt als Inkarnation der Komischen Oper Berlin schlechthin, sein Name ist Legende. 1975 ist der Wiener Regisseur, der als Vater der Ostberliner Komischen Oper gilt, gestorben. Er wurde schon zu Lebzeiten von der DDR verklärt, idolisiert und der staatlichen Kunstdoktrin und –Propaganda einverleibt. Aber noch heute beruft sich die Komische Oper Berlin, in der längst keine einzige der berühmten Felsenstein-Inszenierungen mehr zu sehen ist, auf den Regisseur, der dem Haus einst hohe Qualität und  internationale Aufmerksamkeit sicherte. Jetzt ist ein opulenter Band mit Felsenstein-Photos erschienen, die ein ehemaliger Chorsänger der Komischen Oper während vieler Proben aufgenommen hat. Über diese späte Wiederbegegnung mit Walter Felsenstein ein Beitrag von Dieter David Scholz, der sich mit dem Berliner Felsenstein-Spezialisten Boris Kehrmann unterhalten hat.

 *

Musik: Oppertunistenkanzonette - aus Ritter Blaubart (Felsenstein)

Dreihundertneunundsechzig Mal wurde Walter Felsensteins legendäre Inszenierung von Jacques Offenbachs „Ritter Blaubart“, die 1963 Premiere hatte, in der Komischen Oper gezeigt. Die letzten Aufführungen des Stücks gab es 1992. Seither ist in dem Haus, das Felsenstein 1947 eröffnete und bis zu seinem Tod 1975 leitete, keine seiner Inszenierungen mehr zu sehen. Sein Name steht nur noch für eine grosse Vergangenheit. Auch wenn sich die heutige Komische Oper noch immer auf Felsenstein beruft: Sowohl Harry Kupfer, der als Intendant des Hauses die Inszenierung vom Ritter Baubart, die bis zuletzt ein grosser Publikumsmagnet und ein Aushänge-schild war,  absetzte,  als auch sein Nachfolger Andreas Homoki, haben aus der Komischen Oper den Geist Felsensteins gründlich ausgetrieben.

 Der opulente Bildband mit den Photographien des 1983 verstorbenen Clemes Kohl über die Werkstatt des Regisseurs Felsenstein erinnert an die akribische, probenintensive  Theaterarbeit des Felsensteins und an die glanzvolle Vergangenheit der Komischen Oper. Eine Hommage an den grossen Regisseur sollte daraus entstehen. Aber, wie Boris Kehrmann, Berliner Autor und Publizist, der gewissenhaft wie kein anderer an der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Fel-senstein-Hinterlassenschaften arbeitet, einwendet:

O-Ton Kehrmann: "Das ist sicherlich erst einmal eine Hommage an Klemens Kohl, der lange Zeit Chorbariton im Chor der Komischen Oper war und Hobbyphotograph war, während der Proben ständig photo-graphiert hat, die Arbeit von Walter Felsenstein dokumentieren wollte, auf diese Art und Weise  tausende von Photos hergestellt hat, die er schon zu Lebzeiten veröffentli-chen wollte, und die auch schon zu Lebzeiten veröffentlicht hat, 1971, in einem Buch „Felsenstein auf der Probe“, das war noch zu  Felsensteins Lebzeiten."

Nun also hat die Publizistin Aksinia Raphael das inzwischen längst vergriffene Buch wieder auf dem Markt gebracht, in weit edlerer Aufmachung und ergänzt um viele, zum Teil unveröffentlichte Photos.

O-Ton Kehrmann: "Diese Photos dokumentieren  vor allem das letzte Lebensjahrzehnt von Walter Felsenstein, von der Eröffnung der neuen, der umgebauten Komischen Oper 1966 bis zum Tode Walter Fel­sensteins 1975. Da sind die wesentlichen Inszenierungen von Walter Fel-senstein eigentlich schon gelaufen. Also es gibt Dokumentationen von Blaubart und Othello in die-sem Buch, aber das ist gewissermassen eine Geschichtsklitterung, wenn die in diesem Buch so erscheinen, als seien das normale Inszenierungen, weil diese Inszenierungen waren schon alt und die wurden aufgezeichnet vom Fernsehen und Clemens Kohl dokumentiert  also eigentlich nicht die Entstehungsgeschichte dieser Inszenierung, sondern er dokumentiert  die Entstehungs-geschichte von Fernsehfilmen, die nach bestehenden Inszenierungen erschienen sind."

 

Den Hauptteil des Bildbandes machen Probenfotos zu zehn Inszenierungen aus Felsensteins letzten Lebensjahren aus.  Schon das erste Foto ist symbolisch: Ein kleiner Mann sitz  mit ge-schlossenen Augen auf der Vorbühne eines grossen Theaters. Ein 60jähriger Regisseur ruht sich am Regietisch aus. Dahinter erheben sich riesenhaft die Neo-Rokoko-Stukkaturen des Zuschau-erraumes der Komischen Oper Berlin. Walter Felsenstein ging auf in seiner Arbeit als Regisseur.  Auf den Proben-Photographien Clemens Kohls kann man es sehen: Mal himmelt er als Ottavio Donna Anna an, mal tanzt er als rassige Chordame den „Traviata“-Bolero, mal ersticht Felsen-stein als José den sowjetischen Dolmetscher der „Carmen“, mal küßt er in einem bewegenden Schnappschuss seiner Traviata beim Schlussapplaus die Hände. Es ist der unoffizielle Walter Fel-senstein, den man in diesen Photos kennen lernen kann. Über den offiziellen hat Hans-Jochen Genzel, 1981-1998 Chefdramaturg der Komischen Oper-, in dem beigefügten Essay geschrie-ben: „Walter Felsenstein war ein bekannter und gefragter Regisseur, als er 1946 am die Ko-mische Oper kam …berühmt wurde er als Leiter und Regisseur der Komi­schen Oper“.

O-Ton Kehrmann: "Das ist falsch, das ist Teil der Felsenstein-Legende, wie man sie in der DDR gerne gepflegt hat, wo Felsenstein erst erfunden wurde, als die Komische Oper gegründet wurde. Erstens gab es die Komische Oper schon 1905 als Institut, da hat sie sechs Jahre lang existiert unter Hans Gregor. Vor allem gab es eben auch einen Walter Felsenstein vor 1947 und dies müsste man eigentlich mal erforschen.  Walter Felsenstein vor 1946 war so berühmt, dass er immerhin 1936 Spielleiter an der Staatsoper in Berlin werden sollte, er hat 1940 mit Herbert von Karajan zusammengearbeitet in Aachen und er hat 1942 mit Clemens Kraus bei den Salzburger Festspielen gearbeitet, daran sieht  man, dass Walter Felsenstein bei weitem kein Unbekannter war."

Boris Kehrmann arbeitet gewissenhaft und ohne jegliche finanzielle Förderung an an einer Kor-rektur der bis heute vorherrschenden Felsenstein-Legende. Ein immenses Forschungsprojekt, das auf Widerstand der Felsenstein-Familie stößt, die an einer Revision der Felsenstein-Legende nicht interessiert ist.  

 O-Ton Kehrmann: "Es wäre schön, wenn Menschen  dieses Buch unvoreingenommen lesen würden, sprich nicht schon die Felsenstein-Legende im Kopf hätten. Dann würden sie nämlich sehen, dass die Proben von Walter Felsenstein ein grosses Vergnügen waren, mit viel Lachen, natürlich auch eine sehr harte Arbeit, die bis an den Rand der Erschöpfung führte. Sie werden vor allem viele Bilder sehen, wo Walter Felsenstein lacht. Sie werden viele Bilder sehen, wo er ein unglaublicher Komödiant ist, wo er in der Vorstellung seines Konzepts der Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ von Prokofiev alle Rollen vorspielt, Comedia dell´Arte-Rollen vorspielt."

 

Marsch, aus: Die Liebe zu den drei Orangen

 O-Ton Walter Felsenstein: "Sie wissen ja, dass ich ursprünglich Schauspieler war, aber ich wurde ja eigentlich durch Zufallserfolge zum Regisseur gezwungen, denn ich verachtete diesen Beruf. Ich hatte persönlich schauspielerisch schlechte Regisseure, und um dann Rollen zu spielen, musste ich mich von meinem Theaterintendanten zwingen lassen, das Stück selbst zu inszenieren, das hatte Erfolg. " 

Walter Felsenstein war einer der erfolgreichsten Regisseure seiner Zeit. Und eben nicht erst zu DDR-Zeiten. Im Gegenteil. Die erfolgreichste Zeit Walter Felsensteins war die vor 1947, dem Gründungsjahr der Komischen Oper in Ost-Berlin. Das gängige Bild von Walter Felsenstein entspricht aber nach wie vor dem staatsoffiziellen der DDR.  

O-Ton Kehrmann: "Man hat versucht, den Felsenstein, den Wiener  Theatermacher, den krea-tiven Schauspieler und Regisseur reinzuzwängen in die DDR-Ästhetik mitsamt ihrer Phraseologie. Und das gehört sicher auch zur Felsenstein-Legende." 

Und kaum Jemand wagt, diese Legende einmal kritisch zu hinterfragen.  Warum eigentlich?

O-Ton Kehrmann: "Walter Felsenstein war ein grosser Mann, umgeben von vielen nicht so grossen Leuten. Diese nicht so grossen Leute machen sich interessant, glauben, von diesem Nim-bus, den Walter Felsenstein hatte, profitieren zu können,. Also jeder versucht zu sagen, ich habe mit Walter Felsenstein zusammengearbeitet. Und da  nur wenige jetzt noch lebende Leute das sagen können, über die Zeit vor der Komischen Oper, deswegen wird eben die Komische Oper absolut gesetzt und als ein Mythos stilisiert."

Einer der zentralen Begriffe, der zu diesem Mythos gehört und auch in dem Essay von Hans-Jochen Genzel verwendet und wieder einmal verklärt wird, ist der des „realistischen Musiktheaters“ als Gegensatz zu Brechts Begriff vom „dialektisch-epischen Theater“. Ist dieser Begriff „realistisches Musiktheater“ überhaupt sinnvoll?

O-Ton Kehrmann: "Nein, der ist nicht sinnvoll. Es gab die Staatsdoktrin des „sozialistischen Realismus“. Walter Felsenstein hat sich dem immer verweigert. Es gibt ein Interview von 1966 wo der Spiegel ihn versucht hat, darauf festzulegen, und er hat gesagt, er weiss nicht, was das eigentlich sein soll."  

Dennoch wird bis heute der Begriff  immer noch verwendet.

O-Ton Kehrmann 8: "Aber dabei wird bewusst ausgeblendet, dass Inszenierungen  wie Hoff-manns Erzählungen, wie Ritter Blaubart, wie Das schlaue Füchslein, wo eine märchenhafte, eine surreale Atmosphäre entstanden ist, nicht realistisch sind. Felsenstein war kein Realist. Er hat Inszenierungen gemacht, die sind von einer theatralischen Kraft, die sich mit dem Begriff des Realismus überhaupt nicht decken lassen."

Das immerhin dokumentieren die Photos von Clemens Kohl eindrucksvoll, allen Lippenbekennt-nissen Hans-Jochen Genzels zum Trotz. Auch wenn der einleitende Essay und die Bildlegenden etliche Fehler enthalten, kann dieser Band vielleicht einer sachlicheren Aufarbeitung des vor-herrschenden, immer noch von DDR-Ideologie geprägten, falschen  Felsenstein-Bildes Vorschub leisten. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Denn es ist an der Zeit, endlich mit der alten Felsen-stein-Legende aufzuräumen und eine gründliche, sachliche und kritische Auswertung der Doku-mente des Berliner Felsenstein-Archivs und (gottlob) aller  anderen vorhandenen Zeitdokumente anzugehen. Walter Felsensteins Anfänge in Wien, seine Karriere im Dritten Deich, sein politischer Opportunismus zu DDR-Zeiten, all das harrt einer gründlichen Aufarbeitung. Boris Kehrmann arbeitet daran. Und schon jetzt versprechen seine Forschungen Ergebnisse, die das gängige Bild von Walter Felsenstein erschüttern und unter den Felsenstein-Verehrern sicher nicht nur Freude auslösen werden. Der wahre Walter Felsenstein ist noch zu entdecken. Man wartet gespannt auf das Buch von Boris Kehrmann.  

 

Beitrag für SWR 2, Musik aktuell

Redaktion Dr. Paul Fiebig