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Dieter
David Scholz
Rezension
Veit Veltzke: Der Mythos des Erlösers
Richard Wagners Traumwelten und die Deutsche
Gesellschaft 1871-1918
Arnoldsche, Stuttgart 2002, 224 S., 34,80 €

Veit Veltzkes Publikation, die als Begleitbuch zu
einer Ausstellung in der Schriftenreihe des Preußenmuseums
Nordrhein-Westfalen erschien, ist eines der sachlichsten Bücher, das in den
letzten Jahren über Richard Wagner, seine Wirkung und den Mißbrauch, den
seine Nachwelt mit ihm trieb, erschienen ist. Vorurteilslos, sachlich und
differenziert stellt Veltzke die Wagner-usurpation zwischen Reichsgründung
und Ende des Ersten Weltkrieges dar. Ging es ihm in der Ausstellung darum,
den „emotionalen Bann, der von Wagners Werk auf Zeitgenossen und Nachfahren
ausging“ an Objekten der bildenden Kunst erfahrbar zu machen, so zieht er in
dem opulent bebilderten Katalog theoretisch die Summe aus historischen
Analysen, die einmal nicht in die Kerbe der postnationalsozialistischen
Rückschau aus der Perspektive Hitlers schlagen. Die Präzision und Luzidität,
mit der Veltzke in den acht Kapiteln des Buches den Weg aufzeigt, den
Wagners Erlösungs- und Untergangsvisionen, seine pessimistischen
Welt-entsagungsgedanken, sein Heroismus und seine Mythologie, aber auch die
heiklen, vor allem die antisemitischen Bestandteile seiner Schriften der
Bewegung des völkischen Nationalismus einverleibt wurden, besticht durch
dezidierte Knappheit und Klarheit der Darstellung. Um-fassende Kenntnis der
deutschen Geschichte, aber auch das Wissen um den aktuellen Stand der
Wagnerforschung zeichnen das Buch ebenso aus wie hervorragend reproduzierte
Abbil-dungen ausgewählter, zum teil kurioser Wagneriana, darunter Gemälde,
Graphiken, Photo-graphien, Buchillustrationen, Möbel, Plastiken und Cymelien
des Wagnerkitschs und der (pa-rodistischen) Wagnerliteratur. Veltzke wertet
die Einverleibung des Wagnerschen Œuvres durch die bürgerliche Sehnsucht
nach einer deutschen Nationalkultur als so folgenreichen wie irrigen
„Versuch der Reichsregierung“, ihn „als Sänger des Reiches“ zu
legitimieren, wobei er zurecht konstatiert, daß er „das verbreitete
Mißverständnis seiner Kunst als musischer Ver-klärung des Reiches „ selbst nahegelegt hätte als Folge „seiner zeitweisen Selbsttäuschung über den
Charakter des neuen deutschen Staates als Manifestation eines metaphysischen
deutschen Geistes’, als dessen Schöpfung er sein eigenes Werk begriff“.
Doch Veltzke distan-ziert sich deutlich von aller moralisierenden wie zu kurz
greifenden Ahnherrentheorie, die eine direkte Linie von Wagner zu Hitler
zieht, begreift Wagner eher als „Ein deutsches Mißver-ständnis“ und
konstatiert: „Sein Werkverständnis zielte auf eine emanzipatorische
kunst-religiöse Utopie, die auf Überwindung bestehender Ordnungen und
innere Läuterung sowie Schopenhauersche Weltentsagung ausgerichtet
war“. Veltzke betont am Schluß nachdrücklich und sehr zurecht: von Hitlers
Wagnervereinnahmung ist „Wagners ‚Religion des Mitleidens’ und seine
pazifistische Einstellung ... weit entfernt. Aber sein Modell eines
Untergangsmythos mit erlösender Widergeburt wirkte weiter, ohne daß sein
humanitärer Ansatz mitrezipiert wurde.“
Abgedruckt in: „Das Orchester
(Schott), 5 (Mai) 2003

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