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Dieter David Scholz

Rezension

Manuel Brug. Die neuen Sängerstimmen.                          
Von Cecilia Bartoli bis Bryn Terfel.

Mit ausführlichem Lexikonteil. Henschel Verlag, 2003, 319 S., 24, 90 Euro.

 

Cecilia Bartoli, die gurrende und hauchende, bellende und gurgelnde Gesangs-Virtuosa mit der hektisch flackernden Stimme hat auf ihrer neusten CD  Arien des Mozartzeitgenossen Antonio Salieri aufgenommen. Die CD ist rechtzeitig zu ihrer entsprechenden Europa-Tournee heraus-gekommen. Wieder wird sie einen Erfolg verbuchen können, der wochenlang die Klassik-Charts anführen und sich wieder einmal hunderttausend-, wenn nicht millionenfach wird verkaufen lassen. Cecilia Bartoli ist eine der gewinnträchtigsten Sängerinnen der Schallplattenindustrie. 

Zurecht charakterisiert Manuel Brug, Musikredakteur der Tageszeitung "DIE WELT"  in seinem Buch über die neuen Sängerstimmen Cecilia Bartoli als Ikone der heutigen Vermarktung junger Sänger. Er nennt die "1966 geborene Römerin mit den Kulleraugen, dem Kussmund und der königlichen Kehle" – nicht ohne Ironie - die "populärste Klassikkünstlerin" unserer Tage. Und er macht sie gewissermaßen zum Maßstab jener Generation von Sängern, um die es – wie im Titel versprochen - in seinem Buch gehen soll. Jürgen Kesting, eine Autorität unter den über Gesangskunst Schreibenden, wirbt auf dem Klappentext für Manuel Brugs Buch: es sei "die überfällige Fortsetzung" seines eigenen Buches. Wer Kesting beim Wort nimmt, wird ziemlich enttäuscht von dem, was er in Brugs Buch tatsächlich vorfindet.  

Es sind nicht die Zwanzig-, Dreißig- und Vierzigjährigen, die im Vordergrund stehen, sondern vor allem die Generation der Fünfzig- bis Sechzigjährigen, wie die Hochdramatischen Sopranistinnen Debora Polaski und Gabriele Schnaut, der Wagnertenor Poul Elming, der Heldentenor Thomas Moser, der Bariton Robert Hale, die Mezzosopranistinnen Marjana Lipovsek oder Hanna Schwarz. Es sind allesamt ältere, arrivierte Damen und Herren unter den Opernsängern unserer Tage. Von "neuen Sängerstimmen" keine Rede. Und wenn Manuel Brug Hanna Schwarz auf Seite 126 in die Riege der "echten Altistinnen" einreiht, zeigt er, daß er von Stimmfächern keine Ahnung hat, denn Hanna Schwarz war nie Altistin, immer nur Mezzo-sopranistin, zumal mit schwachausgebildeter Tiefe, was auf der Bühne ihre Intelligenz und Erscheinung wettmachte. Die polnische Altistin Eva Podles dagegen kommt bei Brug entschieden zu kurz. Sie ist nun wirklich eine echte Altistin, eine Koloraturaltistin zudem und deshalb eine singuläre Rossini-Interpretin. Doch darüber weiß Brug nichts zu sagen. Wie ihm überhaupt profundes Wissen von Geschichte und Kunst des Singens, aber selbst der nötige Überblick über die Vielfalt heutiger Sängerpersönlichkeiten zu fehlen scheinen. Zu schweigen von seiner terminologischen Unsicher-heit, von vielen angreifbaren, zuweilen geradezu abstrus generalisierenden Pauschalurteilen. In Ermangelung eines historischen Standpunkts rettet er sich schon auf Seite 19 in die nostalgische Heraufbeschwörung der heute 64-jährigen Wieland Wagner-Protagonistin Anja Silja und der vor drei Jahren im Alter von neunzig Jahren gestorbenen Musiktheatertragödin Martha Mödl als Kronzeugen idealen Singens, als "fernes Ideal und Mahnung".

Martha Mödl hat bis kurz vor ihrem Tod auf der Bühne gestanden, mehr als ein halbes Jahr-hundert hindurch. Heute ist die Halbwertszeit eines aktiven Sängerlebens wesentlich kürzer. Man denke nur an die Sopranistin Cheryl Studer, an den Tenor Peter Hofmann oder den Bariton Dmitri Hvorostovsky, der seinen Zenit auch bereits überschritten hat. Weshalb denn auch immer neue junge – und zunehmend nach erotisch attraktiven, ­covertauglichen Kriterien aufgebaute - Sänger von den Plattenfirmen oder Agenturen ins Rennen geschickt werden. Gerade von ihnen würde man gern mehr erfahren in einem Buch über neuen Sänger.  

Daß der Großteil der in Brugs Buch erwähnten Sänger - einschließlich Countertenöre und Liedsänger -  im Eiltempo abgehandelt wird, erklärt sich aus der Eitelkeit des Autors, möglichst viele Namen zu erwähnen. Daß er manchen der Erwähnten überhaupt nicht gerecht wird dabei, viele in dem ihm eigenen schnodderig-frechen Jargon regelrecht "abwatscht" und und einige darüber vergißt, ja sträflich ignoriert, stellt den seriösen  Anspruch des Buches  in Frage. Und warum, bitteschön, behandelt Brug so viele Sängernamen, wenn sie denn so "grottenschlecht" sind, wie er behauptet. Ganz davon abgesehen, daß seine Geschmacksurteile höchst subjektiv und fragwürdig sind. Jürgen Kesting, dessen Meinung man auch nicht immer teilen mag, nennt immerhin in seinen Büchern klipp und klar seine Geschmacks- und Urteilskriterien. Manuel Brug – seinerseits einer der gnadenlosesten Kritiker und Rezensenten - denkt nicht daran, die Maßstäbe seiner Urteilsfindung offenzulegen. Kein Wunder, die Lücken und Mängel seines Wissens über "Gesang" zeigen sich auf nahezu jeder Seite.   

Manuel Brug ist ein krasser Fall von Selbstüberschätzung. Er gleitet in vielen selbstgefällig-gehäßigen verbalen Invektiven ins persönlich Verunglimpfende ab, etwa wenn er Ruggero Raimondi einen "vergrätzten Falstaff" nennt oder Renato Bruson "kaum der Erwähnung wert" hält. Auf welchem menschenverachtendem Niveau sich Brug tatsächlich bewegt, offenbart er am deutlichsten, wenn er Andrea Bocelli und Thomas Quasthoff in einem Kapitel abhandelt, das er "Behinderung oder Freakshow" überschreibt. Solch zynische Entgleisungen, aber auch die durchgängige Flapsigkeit seines Stils entlarven ihn als bloßen "Klatschkolumnisten" (E. Pluta im FONO FORUM). Gerade er sollte sich hüten, allenthalben in seinem Buch den "Qualitätsverfall" zu beklagen.      

Beklagenswert ist vielmehr seine Gehässigkeit gegenüber den Sängern und seine fachliche Uninformiertheit. Auch die Zuverlässigkeit der biographischen Daten und Fakten sowohl im Haupttext wie im angehängten neunzigseitigen Sängerlexikon läßt sehr zu wünschen übrig. Wer auch immer für dieses Buch recherchiert hat, war schlampig. Und wer den Titel "Die neuen Sängerstimmen" erfand, hat sich des Etikettenschwindels schuldig gemacht. Gar nicht zu reden von Unmengen an Druck und Schreibfehlern. Darüberhinaus vermißt man viele hochkarätige Sänger in diesem Buch, manche künstlerisch schwächere werden überbewertet und für junge Nachwuchssänger, die noch nicht auf dem Plattenmarkt präsent sind, für neue, vielver-sprechende Stimmen jenseits des "Mainstreams" und des etablierten Musikgeschäfts ist in Brugs Buch kein Platz. Stattdessen wird schon auf dem Umschlagphoto der allseits bekannte Plattenstar Bryn Terfel bemüht. Auch er ist, im Gegensatz zu dem, was der Untertitel des Buches suggeriert, schon lange  kein "neuer" Sänger mehr. Der 1965 geborene walisische Bassbariton ist seit Anfang der Neunzigerjahre im „Big Business“ des internationalen Musik-lebens ganz oben.  

Gesendet im Februar 2004, SWR,  "Musik aktuell":