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Dieter
David Scholz
Interview

Die Geschichte Neubayreuths muß
neu geschrieben werden
Dieter
David Scholz im Gespräch mit Brigitte Hamann:
Frau Hamann, Sie haben
eine Biographie geschrieben über Winifred Wagner und zugleich eine
historische Abhandlung über Adolf Hitlers Auftritt und Einfluß in
Bayreuth, ein Buch über die
gegenseitige Umarmung zweier Ungleicher, die sich brauchten. Winifred
Wagner hat die Bayreuther Festspiele vor dem Bankrott gerettet, indem sie
Hitler als groß-zügigen Beschützer und finanzkräftiger Förderer
gewann, dafür hat sie ihm propagandistisch als Steigbügelhalterin zu großbürgerlichem
Renommee verholfen. Das haben Sie erstmals mit wissenschaftlicher
Differenziertheit und Unvoreingenommenheit nach langjährigen
Quellenstudien in einer historischen Biographie dargestellt. Das Buch knüpft
gewissermaßen an ihr Buch über „Hitler in Wien“ an, indem es den
Aufstieg Hitlers in Deutschland darstellt, und zwar im Spiegel Bayreuths
und der Bayreuther betrachtet, es ist aber auch die erste hieb- und
stichfeste Winifred Wagner-Biographie. Eine Biographie über die
vielgescholtene Mutter Wolfgang Wagners, die noch 1975 in einem Interview
Hans-Jürgen Syberbergs bekannte: „Wenn der Hitler zum Beispiel heute
hier zur Tür hereinkäme, ich wäre genauso fröhlich und glücklich, ihn
hier zu sehen und zu haben wie immer“. Sie haben Winifred nicht
einseitig verurteilt, sondern in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit
dargestellt. Warum?
Na ja, weil sie
widersprüchlich ist, weil jeder Mensch widersprüchlich ist, wie ich
meiner Überzeugung als Historikerin folgend glaube. Und weil es zu kurz
greift, wenn man sie, wie man es ja lange getan hat, pauschal verdammt.
Das Erstaunliche bei ihr ist ja, dass sie einer-seits die bekannten
antisemitischen Parolen aus Loyalität zu ihrem Mann immer nachgebetet
hat, andererseits sich selbstlos für viele politisch und rassisch
Verfolgte eingesetzt hat, insbesondere auch für viele Schwule. Und sie
hat sich ohne jedes Kalkül bitte schön, auch ohne jedes Eigeninteresse für
sie bei Hitler eingesetzt. Ich habe alle Fälle überprüft und es sind
immer neue aufgetaucht in den Archiven. Sie hat sich für jeden persönlich
stark gemacht. Damit hat sie in Kauf genommen, sich den Ärger Hitlers
einzuhandeln, und letztlich den Verlust der Gunst Hitlers, der sie ja ab
1940 gemieden hat, und das war das Schlimmste, was ihr pas-sieren konnte.
War die widersprüchliche
Winifred Wagner, die einerseits KZ-Insassen befreite, andererseits sich
bis an ihr Lebensende als fanatische, überzeugte Nationalsozialistin
bekannte, war sie ein typischer Mensch dieser Zeit? Oder hat sie die
furchtbare Wirklichkeit des Nationalsozialismus nur selektiv wahrgenommen?
Ich
glaube nicht, dass Winifred die Realität selektiv wahrnahm. Sie hat die
Dinge sehr klar gesehen wie sie waren. Aber sie hat an Hitler geglaubt und
ihn idealisiert, ja in Schutz ge-nom-men gegen seine eigenen Grausamkeiten.
Sie glaubte daran, dass der Führer vergiftet gewesen sei, weshalb er für
die schrecklichen Untaten nicht verantwortlich gewesen sein konnte. Das
ist die alte Legende vom Leibarzt Morell, der ihn vergiftet habe und von Göring,
der Geschäfte gemacht habe mit den Russen. Winifred hat ja alle Nazi-Größen um Hitler verachtet. Nur Hitler
verehrte, ja liebte sie.
Frau
Hamann, Sie haben in Ihrem Buch nicht nur dargestellt, wie Hitler Winifred
finan-ziell unter die Arme griff und ihr den Rücken freihielt für künstlerische
Moderni-sierungen, gegen den Willen vieler Parteioberen der
Nationalsozialisten übrigens. Sie haben Ihr einseitiges erotisches
Liebesverhältnis zu Hitler dargestellt als ein unerfülltes, absurdes.
Sie haben aber auch die Schwäche ihres homosexuellen Gatten Siegfried
Wagner nicht verschwiegen, der in ständiger Angst vor seinen älteren
Schwestern und vor Skandalen der energischen Winifred unterlegen und
ergeben war. Besonders interessant ist die Tatsache, und die haben Sie
nun als Erste der Öffentlichkeit geoffenbart, dass Wieland Wagner, der Entrümpler
und Erneuerer Nachkriegs-bayreuths, der sich nach 1945 selbst als
Saubermann stilisierte, eine nicht unerhebliche Nazi-Vergangenheit
aufweist. Nicht ohne Grund nannte Tietjen ihn - sie zitieren das - „den
übelsten der Hitler-Günstlinge“. Er war in der Tat Hitlers Protegé,
arbeitete im KZ-Außenlager Bayreuth und hatte eine sehr enge persönliche
Beziehung zu Hitler. Nach 1945 schwieg er für den Rest seines Lebens über
all dies.
Na ja, er war der
Obernazi von Bayreuth in den 40er Jahren, das muß man klipp und klar so
sagen, und er war es bis Ende April 1945. Dann tat er so, als wäre er es
nie gewesen. Er hat sich dann ja an den Bodensee zurückgezogen, in die
französisch besetzte Zone, da kannte man ihn nicht und er hat sich dort bewußt der Entnazifizierung entzogen, was ihm auch gelang. Seine Mutter
Winifred hat dann alle Schuld auf sich geladen, um ihren Söhnen den Weg
freizumachen für einen Neuanfang. Und Wieland hat nach außen hin sich
deutlich sichtbar von seiner Mutter distanziert, indem er zum Beispiel
quer durch den Garten zwischen dem zerbombten Wahnfried-Haus, in dem er
lebte und dem Siegfried Wagner-Haus, in dem seine Mutter lebte, eine hohe
Mauer errichten ließ. Er hat sich öffentlich immer vom
nationalsozialistischen Wagnerkult seiner Mutter distanziert. Ich sage
Ihnen: Es wird sich unser Bild von den bekannten Nazis und Antinazis noch
gewaltig verändern, wenn eine ganze Reihe von Archiven einsehbar sein
werden.
Mit dieser
ungeschminkten Darstellung Wielands, die für manchen Wielandverehrer
einer Denkmalsschändung gleichkommen wird, vor allem auch für die Angehörigen
seiner Familie, haben sie ein Tabu gebrochen. Das dürfte für böses Blut
sorgen. Haben Sie eigentlich bei Ihren Recherchen Probleme mit dem
heutigen Bayreuth bekommen?
Bis jetzt habe ich noch
keine Probleme bekommen. Aber die Probleme werden schon kom-men!
Wie hat der
Festspielchef Wolfgang Wagner sich verhalten? Hat er sie blockiert oder
unterstützt?
Ich muß sagen, er hat
mich eigentlich sehr unterstützt, er hat ja sogar die Idee gehabt,
dass ich mich als Historikerin mit seiner Mutter beschäftigen solle,
indem er mich vor einigen Jahren zu einem Vortrag einlud, den ich aber
nicht gehalten habe, weil ich damals noch nicht genügend über seine
Mutter wusste. Aber ich beschäftigte mich mehr und mehr mit ihr und
stellte fest, dass sich an ihrem Beispiel die Darstellung des Weges
Hitlers, den ich in meinem letzten Buch darstellte, fortsetzen ließe. Ich
habe dann vier Jahre lang in den Archiven gesessen, vor allem im Richard
Wagner-Archiv in Bayreuth, und da hat mit Wolfgang Wagner ganz
entscheidend geholfen. Er hat mir nicht nur viel Material zur Verfügung
gestellt, er hat sich auch mehrfach persönlich dafür eingesetzt, dass
mir Dinge zur Verfügung gestellt wurden, an die ich sonst nicht
herangekommen wäre. Beispielsweise sind die Tagebücher der ehemaligen
Archivarin Gertrud Strobel von der Stadt Bayreuth gesperrt worden.
Wolfgang hat dafür gesorgt, dass ich sie dennoch lesen durfte. Es ist
wirklich unfair, dass immer auf Wolfgang Wagner herumgehackt wird. Ich
habe ihn als den offensten und unkompliziertesten aus der Wagnerfamilie
kennengelernt. Schlimm sind die Enkel Winifreds. Sie verhindern wirkliche
Aufklärungsarbeit in Bayreuth. Warum sollte ich mit den Wölfen heulen,
wenn meine Erfahrungen andere sind? Ich habe zu Gottfrid Wagner gesagt:
Sie schlagen immer auf den Falschen ein, indem Sie Ihren Vater so
attackieren! Und auch Nike Wagner wollte natürlich von Wielands
Nazivergangenheit nichts wissen und beschwor mich, ich dürfe das nicht
veröffentlichen, bis ich ihr die Parteinummer ihres Vaters nannte. Dann
habe ich nichts mehr von ihr gehört. Wissen Sie, die Winifred-Enkel
mauern! An den Briefwechsel Winifreds und Wielands bin ich nicht
herangekommen, auch an den Nachlaß Wielands natürlich nicht, das ist ja
klar. Beides liegt bei den Enkeln. Ich habe alles versucht. Aber die
werden die aufschlußreichen Dokumente wohl niemals der Öffentlichkeit übergeben.
Wäre die Geschichte der
Bayreuther Festspiele anders verlaufen, wenn Winifred sie nicht geleitet hätte?
Na ja, wer hätte sie
sonst leiten können? Siegfried war zu schwach, er war organisatorisch
nicht in der Lage gewesen, den enormen Aufgaben des Unternehmens gerecht
zu werden, deshalb schob er ja in heiklen Dingen immer seine Frau vor.
Aber hätte er länger gelebt und die Leitung der Festspiele fortgeführt,
wären die Festspiele Pleite gegangen. 1933 standen die Bayreuther
Festspiele vor dem Ruin, Winifred konnte schon Mitte des Jahres die Gehälter
nicht mehr bezahlen. Es gelang ihr, Hitlers Hilfe zu mobilisieren. Sie hat
tatsächlich dadurch die Festspiele gerettet, und sie hat die Festspiele
mithilfe Tietjens, der den Nazis gar nicht geheuer war, weil er als Linker
und als modernistischer Judenfreund galt, modernisiert auf einem sehr
hohen Niveau. Sie erreichte
es auch, dass die Partei ihr - als einer der wenigen Theaterleiter - in
keiner Weise in die künstlerischen Belange hineinredete.
Welchen Anteil hat
Winifred an der Positionsveränderung der Bayreuther Festspiele nach 1945
und schließlich der Errichtung der Richard Wagner-Stiftung?
Winifred darf nicht
unterschätzt werden. Schon dadurch, dass sie öffentlich alle Schuld auf
sich genommen hat, dass sie ihre Söhne entlastete und den Verzicht auf
alle leitenden An-sprüche im Festspielunternehmen erklärte, hat sie
Wieland und Wolfgang aus dem Schussfeld gezogen und die Basis errichtet,
auf der die beiden die Festspiele wieder aufbauen konnten. Daß Wielands
nationalsozialistische Vergangenheit in Bayreuth nicht an die große
Glocke ge-hängt wurde, liegt nur daran, dass auch nach 1945 einige Leute
großes Interesse daran hatten, dass die Festspiele von den Söhnen Winifreds wieder eröffnet werden sollten.
War Winifred also besser
als ihr Ruf?
Schauen Sie, besser
oder schlechter, das ist für mich als Historikerin uninteressant Sie war
allerdings vielschichtiger, als ich ursprünglich gedacht
habe. Zumal in ihrer spontanen, un-berechnenden Hilfsbereitschaft gegenüber
vielen Opfern des Regimes. Ich wusste das ja auch nicht, bevor ich an die
Quellen heranging. Aber ich darf das doch nicht unterschlagen. Sie war auf
jeden Fall facettenreicher, als sie aus der Wieland-Perspektive immer
dargestellt wurde. Diese ganze Verurteilung seitens der Wieland-Familie
darf man nicht ernstnehmen. Aber ich will Winifred nicht rehabilitieren.
Nicht dass Sie mich falsch verstehen. Ich muß an dieser Stelle deutlich
betonen, dass ich keine Winifred-Verehrerin bin, im Gegenteil. Diese Frau
hat in ihrer Brutalität und Derbheit abstoßende Züge. Aber sie war
brutal nie gegenüber Schwä-cheren und Untergebenen! Nur nach oben hin war
sie eine eiserne Lady. Und mit ihrer Entschlossenheit und ihrem Realismus
hat sie die Bayreuther Festspiele, die in den Dreißigerjahren in einer
ernsten Existenzkrise steckten, weil die jüdischen Wagnerianer und auch
die konservativen Altwagnerianer wegblieben, letztlich für die Zukunft
gerettet. Außerdem war sie eine extreme, widersprüchliche Persönlichkeit
und zeigte deshalb die Probleme ihrer Zeit in sehr zugespitzter Weise. Und
das ist für mich als Historikerin natürlich interessant.
Wird man die Geschichte
Nachkriegsbayreuths nach ihrer Aufarbeitung des Kapitels „Bayreuth im
Dritten Reich“ neu schreiben müssen?
Es
werden sicher einige Bücher über die Ära Wielands, was das Politische
angeht, umge-schrieben werden müssen.
Womöglich auch, was
das Künstlerische angeht, denn Wielands extreme Abwehr alles
althergebrachten Naturalismus´, jeder national angehauchten Deutschtümelei
des Wagnerstils, aber auch seine Unnahbarkeit, seine Verschlossenheit im
persönlichen Umgang als Regisseur, von der fast alle seine
Darstellerinnen im Neubayreuth der ersten Stunde berichten, lassen sich ja
jetzt verstehen.
Stellen
Sie sich vor, was dieser Mensch an inneren Spannungen ertragen musste bei
seiner Vergangenheit, die er nach 1945 in sich verschlossen und verborgen
hat vor der Welt. Er ist ja auch nicht alt geworden und sehr früh an
Krebs gestorben.
Frau
Hamann, haben Sie Interesse daran, das Kapitel „Neubayreuth“ neu
aufzurollen?
Nein,
für mich - als Historikerin, die sich eigentlich zuallererst mit Österreich
befasst - ist jetzt das Thema Hitler und auch das Thema Wagner
abgeschlossen. Ich mag nicht mehr. Das sollen andere machen.
(Veröffentlicht
in „Opernwelt“ September 2002)

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