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Dieter
David Scholz
Interview

„Ich lasse mich nicht verführen!“
Edita Gruberova im Gespräch mit
Dieter David Scholz
Seit
sie ihre Erfolgspartien, "Königin der Nacht" und "Zer-binetta",
"Fiakermilli" und "Adele" hinter sich gelassen und ihr
Soubretten-Image endgültig mit Mozart- und Verdi-Partien abgestreift hat,
entwickelte sie sich zu einer eisernen Lady des Belcanto. Mit den großen Donizetti- und Bellini-Partien hat sie auf der Bühne und auf CD das
Klischee der "Zwitschermaschine Gruberova" Lügen gestraft. Auch
ihren jüngsten Erfolg feierte sie als Anna Bolena in der
Neui-nszenierung der gleichnamigen Donizetti-Oper an der Bayerischen
Staatsoper. Edita Gruberova, die "Königin der Koloratur",
wurde zur "Prima donna des Belcanto".
Frau
Gruberova, das Soubrettenfach haben Sie längst gegen das des
Koloratursoprans eingetauscht. Gilda, Donna Anna, Traviata
haben Sie gesungen. Ihre Tendenz zum dramatischen Koloratursopran
ist aber so unverkennbar wie Ihre Neigung zu lyrischen Partien.
Also
eine Anna Bolena oder ein Roberto Devereux kann man ohne ein gewisses
Quantum an Dramatik nicht singen. Ich bin ganz sicher kein lyrischer
Sopran, obwohl man natürlich
in einer Partie wie Linda di Chamounix oder Regimentstochter nicht umhin
kommt, eine Menge von lyrischen Passagen zu bewältigen. Aber im Großen
und Ganzen bin ich ein dramatischer Koloratursopran.
Sie
singen heute mit Vorliebe gerade jene Belcantopartien, mit denen die
Callas und die Sutherland einst Furore machten.
Den Vergleich mit diesen beiden sehr konträren Kolleginnen müssen
Sie sich seither immer wieder gefallen lassen. Die Callas hatte natürlich
eine ganz andere Stimme, schon vom Timbre, von der Lage, vom Charakter und
vom Ausdruck her. Joan Sutherland steht Ihnen näher. Hatten Sie konkrete
Vorbilder für Ihren Belcantogesang?
Also
Vorbilder im eigentlichen Sinne habe ich keine, aber natürlich habe ich
mir in meinen Anfängerjahren die Callas sehr oft angehört. Nicht um
ihre Art zu singen zu imitieren, wie das heutzutage bei manchen
Kolleginnen geschieht, bei denen man ganz klar sagen kann, wenn man sie
hört, aha, das war ein Callas-Ton. Nein, mich interessierte die Callas
eher aus dem Grunde, zu erkennen, wie sie mit einem Wort umgegangen ist,
wie sie den Ausdruck in die Worte gebracht hat, wie sie durch die
musikalische Phrase ihren Ausdruck gefunden hat. Das hat mich fasziniert!
Stimmlich war das nicht immer in Ordnung, dadurch hat sie sich ja auch
wahrscheinlich ihre Stimme frühzeitig ruiniert, wie wir heute alle
wissen. Die Callas war ein Phänomen und eine geniale Sängerin, man denke
nur an ihre Tosca oder ihre Lady Macbeth. Ihr Fach war meiner Meinung nach
Verdi und Puccini, der Verismo, aber sicherlich nicht der Belcanto, obwohl
sie durch ihre Interpretationen natürlich Marksteine gesetzt hat in
der Wiederentdeckung des Belcanto. Etwas ganz Konträres war die Joan
Sutherland. Sie ist mehr - glaube ich sagen zu dürfen - aus dem Vokalen
her gekommen, anstatt die Essenz des Ausdrucks aus einem Wort zu
entwickeln.
Das habe ich an ihr immer vermißt. Deshalb neige ich eher zu der
Ausdruckspalette
einer Callas. Bei ihr habe ich gelernt, wie man ein Wort im Zusammenhang
der Musik behandelt. Natürlich sind wir ganz verschiedene Stimmtypen. Die
Callas, das war eine Medea, als Person, als Charakter, als Stimme. Ich bin
eine reine Belcanto-Stimme, mit einem Schuß Dramatik, aber sehr bedacht
auf technisch korrekte und einwandfreie Führung meiner Stimme, um
ihr nicht zu schaden, um sie nicht zu über-anspruchen. Das ist eben
der entscheidende Unterschied zwischen mir und der Callas, daß sie den
Ausdruck um jeden Preis gewollt hat. Ich studiere zuerst einmal die
klare musikalische Linie und versuche sie gesanglich hundertprozentig
auf technischer Stütze aufzubauen. Und dann erst schaue ich, daß ich
durch die Koloratur, durch das Artifizielle in ihr, das bedingt ist
durch Stil, meinen Ausdruck
finde. In den Koloraturen kann ihn mit meinen Mitteln zum Ausdruck
bringen.
Bleibt
denn beim Singen anspruchsvoller Koloraturpartien noch Raum für Regie?
Welche Rolle spielen für Sie Regisseure?
Also
ich bin nach allem, was ich bis jetzt hinter mir habe, zu dem Ergebnis
gekommen, daß es sehr schwierig ist, Belcanto zu inszenieren. Das
Stichwort bei allen Belcanto-Produktionen heißt meiner Erfahrung nach
Atmosphäre. Die Atmosphäre macht schon das Bühnenbild, bestimmt die
Kostüme und das ist auch in der Belcanto-Oper das Primäre, finde ich.
Die Regie ist dann meist - wie zum Beispiel bei der Linda di Chamounix in
Zürich, wo wunderbare Bühnenbilder da waren, und eine ganz tolle
Atmosphäre herrschte, ganz konventionell.
Ich kann mir auch nicht vorstellen, was Leute wie Harry Kupfer oder Dieter
Dorn mit einer Belcanto-Oper im Grunde anderes machen könnten.
Aber
Sie haben ja zum Beispiel mit John Dew zusammengearbeitet, bei "I
Puritani" in Wien, der ist ja nun alles andere als ein
konventioneller Regisseur.
Richtig,
aber er hat selbst gesagt, daß er sich zurückgehalten hat. Ich habe ihn
allerdings auch darum gebeten! Was nicht heißt, daß ich Rampentheater
bevorzuge. Natürlich möchte ich diese Werke so gut wie nur irgend möglich
auf der Szene erleben. Wenn John Dew gesagt hat, daß er sich zurückgehalten
hat, nun ja. Ich weiß allerdings nicht, was an Reserven in seinem Kopf
war, hätte er sich nicht zurückgehalten. Was er in Puritani gemacht
hat, war jedenfalls nicht viel mehr, als das, was ich in all meinen
Belcanto-Produktionen
erlebte.

Gibt
es Fälle, wo Sie sich mit Regisseuren wirklich zerstritten haben? Wo Sie
sich verweigert haben?
Nein,
das ist noch nicht passiert, schon weil ich aus Gründen meiner Erziehung
und meines Charakters einfach nicht fähig bin, die Flinte ins Korn zu
werfen und abzureisen. Das habe ich vielleicht noch nicht gelernt, bis
jetzt. Vielleicht kommt das noch! Ich hatte einmal fast einen solchen
Fall erlebt, mit Juri Ljubimov in Florenz bei Rigoletto. Da waren neben
Rigoletto Stalin und Hitler und Chaplin auf der Bühne. Und dann gab es
jene ominöse Schaukel, auf der Gilda am Schluß, wenn sie tot ist,
hochgezogen werden sollte in den Himmel. Das hat mich an und für sich
nicht gestört, aber es war technisch einfach nicht machbar und eigentlich
auch lächerlich. Spätestens da habe ich dann gebockt.
Wie
kamen Sie eigentlich zum Singen?
Das
wurde mir buchstäblich in die Wiege gelegt.
Seit ich mich erinnern kann, habe ich gesungen, schon im
Vorschulalter. Mit den Tanten, die zu uns zum Stricken und Tratschen
kamen, wurde gesungen, da habe ich natürlich mitgesungen. Später in der
Schule hat die Lehrerin zu meiner Mutter gesagt, ihre Tochter muß Sängerin
werden und ich habe bei allen Schulaktivitäten gesungen, habe mich
immer freiwillig zum Singen vor der ganzen Klasse gemeldet und war
selig, wenn mir alle zugehört haben. Aber eigentlich bin ich durch einen
Pfarrer, der meine Stimme entdeckt hat, regelrecht gezwungen worden,
Opernsängerin zu werden. Wobei ich ihn einmal gefragt habe, ob man davon
überhaupt leben kann, nicht wissend, was eine Opernsängerin eigentlich
ist, da ich aus relativ einfachen Familienverhältnissen
komme. Aber von meiner Mutter habe ich die Stimme geerbt, davon bin ich
überzeugt. Natürlich hat sie nie eine Ausbildung genossen und es gab
auch keine Opern- oder Theaterbesuche in meiner Kindheit. Erst durch
Zureden eben dieses Pfarrers, bei dem ich immer in der Kirche gesungen
habe, habe ich mich entschlossen,
Opernsängerin zu werden. Heute bin ich ihm sehr dankbar dafür. Ich habe
dann die Aufnahmeprüfung am Konservatorium in Bratislava gemacht, wurde
aufgenommen, allerdings mit einem Zweier in Gesang, also nicht zur
Zufriedenheit der ganzen Professorenschar. Ich wurde einer
Lehrerin zugeteilt, die die Schwächeren zu betreuen hatte. Die hat dann
allerdings schon bei einer der ersten Stunden gesagt: aus dir wird ein
Koloratursopran, den hat Preßburg noch nicht gehört! Inzwischen ist
es nicht bei Preßburg geblieben. Nach sechs Jahren Studiums bekam ich
ein Engagement für zwei Jahre an einem winzigen Theater in der
Mittelslowakei, wo ich alles gesungen habe, My fair Lady, alle drei Damen
in Hoffmanns Erzählungen, bis hin zu Traviata. Dann habe ich vorgesungen
an der Wiener Staatsoper, wurde aufgenommen und debütierte als Königin
der Nacht.
Anders
als die meisten Ihrer Kolleginnen, sind Sie diesem Opernhaus bis heute
eng verbunden geblieben.
Ja!
Wien, wo ich seit 25 Jahren singe, ist nach wie vor mein künstlerisches
Zuhause, obwohl ich aus Wien weggezogen bin. Die Schweiz ist jetzt meine
Heimat geworden, ich baue dort gerade ein Haus. Ich singe auch sehr gern
in Zürich. Wahnsinnig gern bin ich in München, ich mag diese Stadt am
meisten von allen deutschen Städten,
ich liebe diese Staatsoper, in der ich sozusagen mein eigenes
Publikum aufgebaut habe, wir kennen uns und wir lieben uns. Die Met,
Covent Garden, die Mailänder Scala, das sind alles prächtige Häuser,
die ich immer wieder frequentiere, aber in Wien, München und Zürich
singe ich meine meisten Abende.
Sie
haben sich mittlerweile ein beträchtliches Donizetti-Repertoire
angeeignet.
Gäbe es nicht auch bei Massenet oder Meyerbeer viel für Sie zu
entdecken.
Von
Massenet habe ich ja die Manon gesungen, ich vermisse sie auch sehr. Es
ist vielleicht ein bißchen verrückt von mir, aber ich kann mir nicht
vorstellen, daß ich sie in einer anderen Inszenierung als der von
Jean-Pierre Ponnelle, die ich so geliebt habe, singen könnte. Deshalb
habe ich mehr oder weniger Abschied von ihr genommen. Auch in einer
Wiederaufnahme dieser Inszenierung, die Ponnelle ja nicht mehr selbst
auffrischen und auf Hochglanz polieren könnte, wäre ich nicht mehr
bereit, zu singen. Französische Musik konveniert mir natürlich sehr,
es ist eine Art von Musik, die meinem Stimmtypus entspricht, etwa Thomas´
Hamlet, aus dem ich allerdings nur die große Wahnsinnsszene immer wieder
singe, das Kernstück der Partie der Ophelia. Von Meyerbeer sind es immer
nur einzelne Arien, die interessieren. Meyerbeer ist uns leider heutzutage
abhanden gekommen, obwohl er ein großer Komponist und ein
Lieblingskomponist von Jenny Lind war. Er hat ja sogar Stücke für sie
geschrieben. Und das ist auch mein Stimmtypus. Die Renaissance, die
Meyerbeer verdienen würde, hat noch nicht eingesetzt.
Ihre
Kollegin Joan Sutherland hat sich ja immer wieder für das Repertoire der
Jenny Lind stark gemacht und heute vergessene Opern für sich, die Opernhäuser
und die Platte wiederentdeckt. Haben Sie Ausgrabungsambitionen?
Immer
wieder grabe ich bei Donizetti, schaue mir seine Werke genau an und wäge
ab, ob ja oder nein. Es ist vieles darunter, was nicht unbedingt Wert ist,
wiederentdeckt und auf die Bühne gebracht zu werden. Es ist auch schwer,
die Intendanten von Neuem zu überzeugen, deshalb bleibt es letztendlich
immer wieder bei den mehr oder weniger bekannten Stücken. Meine große
Liebe gehört allerdings Bellini. I Pirata und Norma stehen ganz oben auf
meiner Wunschliste. Aber da ich so großen Respekt vor diesen Werken habe,
möchte ich mir noch etwas Zeit lassen mit diesen Partien.

Sie
haben vor ihrer Spezialisierung auf das Belcanto-Fach sehr viel Mozart
gesungen. Bedeutet er ihnen heute noch etwas?
Ja,
sehr viel! Ich bereue sehr, daß ich, freiwillig oder unfreiwillig,
Abschied von ihm genommen habe. Die Königin der Nacht, die kann man
selbstverständlich nicht ewig singen, wenn man andere Partien singt.
Konstanze und Donna Anna habe ich gern gesungen, Fiordiligi eigentlich
nur für den Film, den ich auch mit Jean-Pierre Ponnelle gemacht habe.
Am liebsten habe ich die Konstanze gesungen. Aber bei aller Liebe zu
Mozart
und bei aller stimmlichen Notwendigkeit für jeden Sänger, ihn zu singen, kann ich in den
Mozartpartien nicht das ausleben, was mir in den
Belcantopartien möglich ist.
Welches
Verhältnis haben Sie zur Musik Ihrer Heimat, zur Musik Osteuropas?
In
meinen Liederabenden berücksichtige ich häufig Dvorak. Meine große
Liebe gilt allerdings Janácek. Nur leider hat er nicht für meine Stimme
geschrieben. Jenufa zum Beispiel ist ein Herzensstück von mir. Aber
bedauerlicherweise ist die Jenufa nichts für meine Stimme. Nicht daß ich
die Partie nicht singen könnte. Natürlich könnte ich eine Jenufa
singen. Fragt sich nur, wie und wie meine Stimme darauf reagieren würde.
Und wie oft könnte ich sie singen, und könnte ich dem entsprechen, was
ich mir selbst vorstelle? Deshalb komme ich auch nicht auf die Idee,
meine Stimme auch nur im Geringsten überzustrapaziern. Es ist
nicht die Frage, ob man die Töne hat und ob man die Partie durchhalten könnte.
Es ist einfach nicht das Fach. Und das Timbre bestimmt das Fach! Im Kopf
kann man wollen, was man will, wenn das Timbre nicht da ist, dürfen wir
die Stimme nicht vergewaltigen. Davor hüte ich mich. Das ist vielleicht
mein Geheimnis, und das möchte ich mir erhalten.
Sie
haben kürzlich Ihre erste Operettenplatte herausgebracht. Man hat den
Eindruck, daß Ihnen Operette großen Spaß macht.
Macht
sie mir auch! Ich habe ja zum Beispiel die Fledermaus in Wien mit Otto
Schenk gemacht. Das war seinerzeit ein großer Erfolg.
Ich war damals fast besessen davon, Operette zu singen. Nur: auch
bei der Operette muß ich aufpassen, denn die meisten Hauptpartien sind
immer sehr dramatisch oder jedenfalls zu tief für mich. An die will ich
mich nicht heranwagen. Es ist aber auch nicht meine eigentliche Domäne.
Und deshalb habe ich mir nur die Zuckerln ausgewählt, die tolle
Koloraturen und tolle Kadenzen ermöglichen, wo ich mein Phänomen unter
Beweis stellen kann.
Hat
nicht ihr "Geheimnis", wie Sie es nannten, auch wesentlich mit
Gesangstechnik und Fleiß, Arbeit an der Stimme und Training zu tun?
Ohne
das tägliche Üben geht das Singen natürlich nicht. Am Tag nach einer
Vorstellung läßt man die Stimme ruhen, eventuell auch am übernächsten
Tag. Aber ab dem dritten Tag nach der Vorstellung muß ich schon wieder,
und zwar wieder von Null, anfangen zu üben. Ich weiß, was ich kann, aber
beginnen muß ich bei einem Einsingen immer von Null, ganz piano, ganz
leicht. Man muß seine Stimme allmählich erwärmen, so wie jeder
Sportler, der nicht von Null auf Hundert springen kann. Der muß sich auch
warm machen und muß trainieren. Das ist beim Singen genauso. Besonders
wenn ich Urlaub mache, spüre ich das. Dann gönne ich mir mal zwei
Wochen gesangliche Abstinenz. Nach der zweiten Woche muß ich aber spätestens
wieder mit dem Singen beginnen und tue mich schon schwer. Die Stimmbänder
sind ein Muskel wie jeder
andere auch in unserem Körper, sie müssen täglich trainiert werden.
Wenn man sie zwei Wochen ruhen läßt, dann sind sie erschlafft, dann müssen
sie wieder ganz langsam und behutsam trainiert werden.
Andererseits
beobachtet man bei manchen Ihrer Kolleginnen, daß sie sich mehr
zumuten,
als ihre Stimmbänder verkraften. Wieviele Vorstellungen singen Sie
pro Jahr?
Ich
zähle die Vorstellungen genau. Es gab Jahre, wo ich auf 80 Vorstellungen
gekommen bin. Heute hüte ich mich, so viel zu singen. Mit zunehmendem
Alter braucht man einfach
immer mehr die Pausen zwischen den Auftritten. Der Körper verlangt das
und dagegen darf man nicht mit Gewalt angehen.
Heute singe ich vielleicht fünfzig, höchstens sechzig
Vorstellungen.
Nicht gerechnet die Plattenaufnahmen und die Erarbeitung der Partien. Auch
das kostete Kraft und Energie. Man kann ja nicht alles nur mit Summen einüben!
Es geht nicht nur darum, die Töne in den Kopf zu kriegen, sie müssen in
den Körper, müssen in Fleisch und Blut übergehen. Eben deshalb braucht
man seine Ruhepausen. Ich bin eisern darauf bedacht, diese einzuhalten.
Also
als ich ganz jung war, habe ich die Erfahrung gemacht, daß sich keiner um mich
gekümmert hat, ich habe keinen guten
Agenten gehabt, es war kein Regisseur da, der mich geführt hat, kein
Dirigent, der mir gesagt hat, du singst dieses oder jenes. Ich war damit
recht unglücklich, nicht ahnend, daß mir das eigentlich gut tat. Das hat
mir sicher viel erspart. Und diese erfolglosen Jahre kommen mir später
zugute. Sieben Jahre habe ich an der Wiener Staatsoper neben
der Königin der Nacht nur sporadisch da und dort viele kleine Rollen
gesungen. Alle Dienerinnen und Pagen. Ich war damit todunglücklich.
Ich dachte damals, ich könnte auch schon die Traviata singen, und besser
als manche Kollegin, die sie damals sang. Dieser Ehrgeiz ist in jungen
Jahren sehr gefährlich. Aus heutiger Sicht kann ich nur sagen: ich bin glücklich,
daß es so war. Ich habe mir viel Verschleiß erspart und viel Kraft, viel
Energie, viel Stimme aufgespart! Ich rate allen jungen Sängern, nicht
kopfüber durch die Wand zu wollen und alles zu singen, was von Einem
verlangt wird. Von jungen lyrischen Sopranen wird ja heute verlangt, daß
sie Leonora im Troubadour singen und von jungen Mezzos höre ich, daß
von ihnen die Azucena gefordert wird. Und das von namhaften Dirigenten, da
greife ich mich manchmal an den Kopf. Dieser Gefahr trotzen können, ist
das Wichtigste in unserem Beruf!
Sie
haben das Stichwort Dirigent fallen lassen. Gibt es Dirigenten, die für
Sie prägend waren?
Nein,
eigentlich habe ich den Dirigenten immer alles entgegengebracht. Das
Entscheidende habe ich ohnehin bei meiner Lehrerin gelernt, bei Kammersängerin
Bösch in Wien: die wunderbare Technik, das richtige Umgehen mit der
Stimme und das Erkennen, was kann meine Stimme und was darf sie nicht. Mit
dieser Haltung bin ich immer zu den Dirigenten gegangen und habe
Attacken abwehren können, als sie mich zum Beispiel gefragt haben, ob
ich die Kaiserin in "Frau ohne Schatten" singen würde, die
Leonora in Macht des Schicksals und solche Sachen. Das waren Gefahren, auf
die ich nie reingefallen bin. Eigentlich wußte ich immer, was ich
singen darf. Natürlich möchten manche Dirigenten Einfluß nehmen.
Aber ich lasse mir nichts sagen, auch nicht den Zeitpunkt, wann ich Norma
singe, der kommt von mir! Ich
lasse mich nicht verführen.
(Abgedruckt in: „Opernwelt“ Januar 1996, S. 17-19)

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