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Dieter
David Scholz
Rezension
Richard Wagner: Der Ur-Holländer
in "Historischer Aufführungspraxis"
Bruno Weil – der im Allgäu
(Kloster Irrsee) und in den USA zwei renommierte Festivals für alte Musik
betreut - gilt vor allem als Spezialist der "Historischen
Aufführungspraxis". Mit dem Ensemble "Tafelmusik" hat er vielbeachtete
Mozart- und Haydn-Einspielungen vorgelegt. Seit ein paar Jahren arbeitet er
auch mit der Cappella Coloniensis zusammen, und hat seinen Aktionsradius
nach vorne verschoben ins 19. Jahrhundert, von Johann Christian Bach über
Beethoven bis hin zu Webers "Freischütz", den er vor 3 Jahren herausbrachte.
Vor einem Jahr nun hat er in Essen mit großem Erfolg Wagners "Fliegenden
Holländer" aufgeführt. Aus den drei konzertanten Aufführungen in der
Essener Philharmonie ist nun in Kooperation mit dem WDR eine CD-Produktion
entstanden.

Der "Fliegende Holländer" auf alten
Instrumenten gespielt: eine Sensation. Lange hat man da-rauf warten müssen.
Die "Historische Aufführungspraxis" hat nun auch Wagner erreicht. Es war
Zeit, denn kaum ein anderer Komponist wird heute im Grunde so falsch
aufgeführt wie Richard Wagner. Deshalb war es seit langem ein Anliegen Bruno
Weils, Wagner ohne bombastischen Wagnersound, ohne "orgiastischen (um nicht
zu sagen pornographischen Klang", wie er sich in einem Gespräch auszudrücken
pflegte, in schlanker Uraufführungsbe-setzung, und auf dem Instrumentarium
seiner zeit aufzuführen.
Bruno Weil begreift, wie er
mir erläuterte, und man hört es seiner Aufnahme an, den "Fliegenden
Holländer" ganz aus der Weberschen Tradition der Deutschen Romantischen
Oper. Und so läßt er ihn auch spielen, auf Instrumenten der Wagnerzeit, die
nach Maßgabe der Uraufführung von 1843 in Dresden besetzt wurden. Kein
Riesenorchester, sondern ein Weber-Orchester, mit Orphikleide, Piccoloflöten
und Naturblasinstrumenten.
So aufgeführt hört man
diese Musik vllig anders, mit Farben und in einer klangliche Balance, die
den Sängern, Franz-Josef Selig singt eindrucksvoll die Titelpartie, erlaubt,
nicht wie heute üblich, zu schreien, sondern kantabel zu singen, so wie
Wagner es wollte! Im Holländer-Monolog beispielsweise setzt Bruno Weil,
Wagners Anforderungen gemäß, Naturtrompeten ein und Naturhörner:
Bruno Weil kommt es in
seiner Aufnehme des Fliegenden Holländers darauf an, die seit 1896 von Felix
von Weingartner herausgegebene Mischfassung der Partitur hinter sich zu
lassen. Eine Partitur, die alles aufnahm, was Wagner für die verschiedenen
Aufführungen des Stücks jemals komponiert hatte, und so tat, als wäre das
Wagners letzter Wille. Bruno weil hat deshalb die Pariser Urfassung, die so
bisher nie erklang, rekonstruieren lassen, es gab ja kein Orchestermaterial,
und konsequent umgesetzt. Das ganze Stück quasi als durchkomponierten
Einakter, noch in Schottland, und nicht in Norwegen angesiedelt. Daland
heißt noch Donald, Erik heißt noch Georg und Senta darf ihre Ballade noch in
der ursprünglichen Tonart singen, einen Ton höher als heute üblich, also in
a-moll. Nur für die stimmlich überforderte Wilhelmine Schröder-Devrient
hatte Wagner bei der Uraufführung die Ballade nach g-moll transponiert.
Astrid Weber singt ohne
jede Anstrengung die Urfassung der Senta-Ballade in Bruno Weils Schule
machender Einspielung des "Fliegenden Holländers", die mehr als alle anderen
bisherigen Aufnahmen der Oper den Vorstellungen des jungen Richard Wagner
gerecht wird. Und man kann sich nur wünschen,
daß auch
andere Dirigenten dem Beispiel Bruno Weils, der übrigens als nächstes den
"Lohengrin" angehen möchte, folgen und sich daran machen, die heutige,
durch Riesenbesetzung, durch Phonstärke und Schreigesang gekennzeichnete
Wagner-Tradition aufzubrechen und auf die Aufführungsbedingungen und
Anweisungen Wagners und seiner Zeit zurückzugehen. Es wird womöglich ein
neuer Wagner dabei herauskommen.
NDR Kultur "Klassisch unterwegs" am 14.2.2005: |