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Dieter
David Scholz
Rezension
Dummheiten eines Journalisten
Axel Brüggemann:
Wagners Welt
Oder Wie Deutschland zur Oper würde.
Bärenreiter, 2006, 190 Seiten, 19,95 Euro

„Wagners Welt oder Wie Deutschland zur
Oper wurde“. Was für ein Titel, anmaßend und paradox, vielversprechend und
unverständlich auf den ersten Blick. Aber nicht nur auf den ersten. Um es
gleich vorweg zu sagen: Axel Brüggemann gehört zu jenen Journalisten, die
über Wagner schreiben und im Grunde nur Dummheiten, Halbwahrheiten und
Gerüchte ver-markten. Und mit flotten Sprüchen, Feuilleton-Vokabular und
Zeitgeist-Jargon nur so um sich schmeißen. Die respektlose Schreibe ist
alles, der Inhalt Nebensache. Auf den Effekt kommt es an.
Brüggemann hat vieles
aufgeschnappt, aber wenig, so scheint´s, gelesen. Seine dürftige
Bibliographie ist denn auch eine Auflistung obsoleter Wagnerliteratur.
Brüggemann präsentiert einen leicht lesbaren, aber schwer verdaulichen Brei
so ziemlich aller Vorurteile und Miss-verständnisse in Sachen Wagner. Sowohl
was Wagners jüdische Abstammung angeht, diese ist von der Wagnerforschung
längst widerlegt, als auch seinen in sich brüchigen und wider-sprüchlichen
Antisemitismus, den man keinesfalls, wie Brüggemann, auf einen Nenner
bringen kann. Ebenso wenig Wagners vermeintliche Vorläuferschaft Hitlers.
Wagner gar zum „Vor-denker des Nationalsozialismus“ abzustempeln, ist naiv.
Der israelische Historiker Jakob Katz hat zu derlei von Hitlers
Wagner-Usurpation aus rückblickende Interpretation Wagners schon vor mehr
als zehn Jahren das Nötige gesagt: Die Deutung Wagners "aufgrund der
Gesinnung und der Taten von Nachfahren, die sich mit Wagner identifizierten,
ist ein unerlaubtes Verfahren." Dem ist nichts hinzuzufügen.
Brüggemann wärmt aber nicht
nur Vorurteile auf, er dreht in seinem Buch altbekannte bio-graphische,
werk- und wirkungsgeschichtliche Tatsachen – die andere Autoren weit besser
formuliert haben - durch den Fleischwolf seiner journalistischen
Wortspielereien und gibt frem-des Gedankengut, dessen Urheber er
wohlweislich verschweigt, als eigene Erkenntnisse aus. Das Ergebnis ist ein
- mit Verlaub gesagt - Konzentrat aller wagnerkritischen Thesen von Adorno
bis zu dem inzwischen vergessenen Wagnerhassers Hartmut Zelinsky, wie sie
seit Jahrzehnten immer wieder aufgewärmt werden. Aber schon der kluge
Theodor W. Adornos mahnte, zu beachten, daß jegliche Dimension Wagners
Ambivalenzen zum Wesen habe: "Ihn erkennen heißt, die Ambivalenzen
bestimmen und entziffern, nicht, dort Eindeutigkeit her-stellen, wo die
Sache zunächst sie verweigert." Ob Brüggemann wohl je Adorno gelesen hat?
Wie auch immer: Brüggemann schreibt
nicht selten die Unwahrheit. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Wenn er
behauptet, die „Subventionen des Königs für seinen Diener“ (Wagner war alles
andere als ein Königsdiener) hätten „einen umgerechneten Wert von über vier
Millionen Euro“ betragen, stimmt dies einfach nicht. Insgesamt erhielt
Wagner in den 19 Jahren der Freundschaft von Ludwig 562 914 Mark. Gehälter,
Mieten, Geldwert der Sachgeschenke und 75000 Mark für den Bau des Hauses
Wahnfried inbegriffen. Ein fürstlicher Betrag, aber er machte nicht einmal
den siebten Teil eines Jahresetats der königlichen Zivilliste aus. Allein
für die Einrichtung des Schlafzimmers in Schloß Herrenchiemsee gab Ludwig
II. 652 800 Mark aus, mehr also, als ihn Wagner in 19 Jahren kostete. Und
wenn Brüggemann behauptet, Wagner habe im venezianischen Palazzo Vendramin,
in dem er starb, eine „Blaue Grotte“ eingerichtet, „eine Reminiszenz an ...
König Ludwig II.“ und Schloß Linderhof, so ist diese Assoziation von
Tropfsteinhöhle barer Unsinn und belegt nur, was er von Joachim Köhler
abgeschrieben hat, der seinerseits einer ironischen Bemerkung Cosimas über
eine „blaue Stube“, ein mit blauem Stoff ausgeschlagenes Zimmer, eine völlig
falsche Bedeutung un-terlegte.
Polemisieren setzt
Sachkenntnis voraus. An der fehlt es Axel Brüggemann entschieden. Um nur ein
paar Beispiele zu geben: Brüggemann schreibt, Cosima sei Wagner „eine
schwes-terliche Brünnhilde“ gewesen, die „bereit war, für Wagners Nachruhm
die Welt in Flammen zu legen“. Man sieht, daß Brüggemann die Figur der
Brünnhilde nicht kennt. Brünnhilde hat nicht die Welt in Flammen gelegt,
sondern nur ihren toten Geliebten auf Holzscheiten verbrannt, von denen die
Flammen auf die Nibelungenhalle übergriffen. Die Welt blieb dabei
unbeschadet. Und die Götterburg Walhall hat Gott Wotan in Flammen gelegt,
damit die Menschen künftig selbstbestimmt und frei handeln können.
Brüggemann behauptet, Wagner habe im „Parsifal“ „sein Liebesideal
zugespitzt, die reine, körperlose Liebe des Geistes“. Wagners Liebesideal
war, wie er immer wieder formulierte und auf dem Theater vorführte, durchaus
sehr körperlich. Nicht zufällig bekannte er Cosima am 20. August 1871, es
sei „der Ge-schlechtstrieb, mit welchem alle Produktivität zusammenhängt.“
Mit dem Parsifal braute Wag-ner geradezu bekennendermaßen ein Gegengift
gegen den mächtigsten Trieb, dessen er bis zuletzt nicht Herr wurde. Genützt
hat es im Falle Wagner wenig, wie seine späten erotischen Eskapaden zeigten.
Nichts gegen Wortjongleure
und mit „spitzer Feder“ Geschriebenes, auch nichts gegen Provo-kation und
Wagnerkritik, wenn sie geistreich und sachkundig daherkommt. Die
Antiwag-nerschriften beispielsweise Friedrich Nitzsches und die respektlosen
Polemiken George Bern-hard Shaws gehören zum Brilliantesten, was je über
Wagner geschrieben wurde. Aber davon ist Axel Brüggemann weit entfernt.
Seine verquasten Ausführungen entlarven ihn als prä-potenten Schwätzer,
großmäuligen Vereinfacher und bedenkenlosen Nachplapperer. Ganz davon zu
schweigen, daß er auch noch billige Latrinen-Psychologie betreibt. Wagner
drehe auf der Opernbühne „die eigene Familiengeschichte wie eine Soap-Opera
… ins Absurde“. Von „komplizierten Vater-Mutter-.Kind-Beziehungen“ ist da
die Rede, vom „Déjà-vu der eigenen Kindheit“ in Wagners zweiter Ehe, vom
Beweis Wagners, ein besserer Vater sein zu wollen als Stiefvater Geyer einer
gewesen sei, der, so liest man allen Ernstes, Wagners Schwestern mißbraucht
habe, so wie Liszt seine eigene Tochter Cosima. Nachweise für diese
ungeheuerlichen Unterstellungen bleibt Brüggemann schuldig. Sein nicht
genannter Kronzeuge ist auch in diesem Falle Joachim Köhler, einer der
Brunnenvergifter der neueren Wag-nerliteratur.
Brüggemann spannt einen
großen Bogen von Wagners Leben und Werk über Hitlers Wagner-Vereinnahmung
bis hin zum heutigen Bayreuth. Die Werkstatt Bayreuth wird ihm zur
Werk-statt Bundesrepubllik. Er streift dabei die Inszenierungsgeschichte bis
hin zum heutigen Bay-reuth. Selbst Siegfrieds Drachen-Dildo im örtlichen
Sexshop gilt Brüggemanns Interesse. Alles wird mit allem vermischt. Auf
Bildzeitungs-Niveau. Schlagworte jagen sich. Wagners Gedankenwelt wird zum
„Dachkammer-Kosmos“, Wagner „zappt“ durch Denkmodelle, so liest man, von der
„Factory Bayreuth“ ist die Rede und vom „Riesen-Zoff“. „Wer hat Angst vor
Richard Wagner“ fragt eine Kapitelüberschrift. Und es geht natürlich um „Psycho-dramatik“
und „Postmoderne“. Ein Rundumschlag, in dem auch „Kundry Merkel“ nicht
fehlen darf, angeblich eine eingefleischte Wagnerianerin. Brüggemann macht
sie zur Kronzeugin einer angeblich neuen Wagnermythisierung. Am Ende seines
Buches bemüht er auch noch den amtierenden Papst, seine Heiligkeit, Benedikt
den Sechzehnten, Wagner Religiösität zu bescheinigen. Das letzte Kapitel des
Buches ist denn auch allen Ernstes „Wagner im Himmel“ überschrieben.
Ach ja, auch der Titel des
Brüggemannschen Buches stammt nicht von Axel Brüggemann, sondern aus einem
berühmten Aufsatz Carl von Ossietzkys in der „Weltbühne“. Die Deutschen der
Weimarer Republik seien, so schrieb darin Ossietzky, vor der Wirklichkeit in
die Welt der Wagneropern geflüchtet. Für Brüggemann gilt das auch heute
noch: Wagner lasse „noch immer das Unterbewusstsein einer Nation erklingen,
an deren Gründung er massgeblich beteiligt war“, so liest man. Brüggemann
hat ganz sicher keine einzige der vielen deutschlandkritischen Ausfälle und
Streitschriften Wagners gelesen, sonst hätte er derlei nicht behaupten
können. Am 16. Oktober 1873 entfuhr Wagner der Ausspruch: „Für dich
Germania keinen Richard!“ Cosima hat ihn notiert. An Emil Heckel schrieb er
am 4. Februar 1876: „Die Welt, und namentlich auch »Germania«, wird mir
immer widerwärtiger!“ Aber schon in einem Brief vom 13. September 1860 hatte
Wagner an Franz Liszt bekannt: „Mit eigentlichem Grauen denke ich jetzt nur
an Deutschland ...Und wenn ich »deutsch« bin, so trage ich sicher mein
Deutschland in mir.“. Sieben Jahre davor, 1835 – er war gerade 22 Jahre alt
- hatte er seinem Leipziger Freund Theodor Apel bekannt: „hinweg aus
Deutschland gehöre ich!“ Es ist der rote Faden, der sich durch sein ganzes
Leben zieht. Schon Nietzsche wußte, daß Wagner „nirgendswo weniger
hingehört als nach Deutschland“, und „ein deutsches Missverständnis“ ist, ja
ein „Gegengift gegen alles Deutsche“ Zu behaupten, wie Axel Brüggemann,
Wagner sei an der Gründung der deutschen Nation beteiligt gewesen, ist mit
Verlaub gesagt, ebensolcher Blödsinn wie die Behauptung, Wagner sei ein
„Urmythos der Nation“, der „wie ein Gespenst durch das Land“ spuke. Die
letzten Worte des Buches von Axel Brüggemann lauten, daß Richard Wagner
„noch immer der bekannteste unbekannte Deutsche“ sei. Man kann diesen
Schlußsatz nach der Lektüre der 188 Seiten nur als Selbst-bekenntnis des
Autors verstehen. Brüggemann sollte sich einmal ernsthaft mit Wagner
beschäftigen!
Buchbesprechung für SWR 2,
Musik aktuell, 28.07.2006:

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