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Dieter David Scholz
Rezension
Der Gralskelch im Polareis Richard Wagners Parsifal in Valencia Man kennt Werner Herzog als Filmemacher. 1982 drehte er Fitzcarraldo mit Klaus Kinski – ein Film über einen, der besessen ist von der Idee, im perua-nischen Dschungel ein Opernhaus zu errichten. Aber Werner Herzog findet gelegentlich auch vom Film zur Oper. In Bayreuth inszenierte er 1987 Wag-ners „Lohengrin“. Am Wochenende gab es eine neue Wagner-Premiere in der Regie von Werner Herzog: „Parsifal“ an der Oper von Valencia, unter der musikalischen Leitung von Lorin Maazel. Valencia steht zur Zeit ganz im Bann des Heiligen Grals. Man feiert die 1750ste Jahresfeier der ersten Ankunft des heiligen Grals in Spanien. In Valencia befindet sich ja eine der kost-barsten Reliquien der Christenheit, der als Hl. Gral bezeichnete Kelch des Letzten Abend-mahls, in dem Joseph von Arimathia den Legenden nach das Blut des gekreuzigten Heilands aufgefangen hat. Dieser Gralskelch steht in der Kathedrale von Valencia. Und ist alljährlich das Ziel von Millionen pilgernder Christen. In diesem Jahr, wie gesagt, ist Jubiläum. Der Anlass für einen ersten internationalen Kongress zum Hl. Gral, und zwar vom 7.-9. No-vember. Und das ist auch der Anlass für die Neuinszenierung des Wagnerschen Parsifal in Valencia. Wagners Parsifal ist im Wagnerbegeisterten Valencia seit langem ein Thema. Auch der örtlichen Literatur übrigens. Der aus Valencia stammende Wagnerianer Eduardo López-Cha-varri hat schon 1913, als Wagners Parsifal freigegeben wurde, einen wichtigen Aufsatz geschrieben über Legende und Wirklichkeit des Hl. Grals in Valencia. Nach dem Ring, den man am dortigen Opernhaus, dem Palau de las Arts gegenwärtig herausbringt, hat es die Intendantin des Opernhauses, Helga Schmidt, sie war vorher 14 Jahre Intendantin an Covent Garden, in ihrem Ehrgeiz, neben Barcelona und Madrid Valencia zur dritten, wo nicht ersten Opernstadt Spaniens aufzubauen, hat sie es geschafft, den nicht leicht zu gewinnenden Filmemacher Werner Herzog dazu zu bewegen, in diesem riesigen, futuristischen Opernhaus, das ja in einer ganzen Landschaft futuristischer Bauten des Archi-tekten Santiago Calatrava in einem zum üppigen Park umgestalteten trockengelegten Fluss-bett liegt, Wagners Parsifal zu inszenieren. Es dürfte ein Kunststück an Überredung gewesen sein. Entsprechend groß ist der Ansturm auf diese Inszenierung. Wer glaubt, Werner Herzog inszeniere den Parsifal filmisch, der irrt allerdings. Herzog gibt sich bis auf die letzte Pointe der Schlussszene im Grunde sehr opernhaft. Maurizio Balò hat ihm perfekte, plastische Bühnen-bilder gebaut. Die Regie ist eher statuarisch. Die Personen werden sängerfreundlich arran-giert, zumeist an der Rampe, sie bewegen sich konventionell, Die Kostüme von Franz Blum-auer spannen eine Bogen vom Hohepriesterlichen übers derb Folkloristische was Parsifal und Kundry angeht, bis hin zu sehr distinguierter, eher damenhafter als verführerischer Abend-garderobe der Blumenmädchen. Dennoch ist die Inszenierung faszinierend. In den Grals-szenen übrigens lässt Werner Herzog eine vergrößerte Kopie des originalen Gralskelchs von Valencia herein tragen, sehr zur Freude des örtlichen Publikums. Aber Herzog lässt so blas-phemisch viel Qualm bzw. Theater-Weihrauch hinter dem Kelch gen Himmel aufsteigen, dass manchem frommen Zuschauern womöglich die Freude vergehen könnte. Violeta Urmana ist der Star des Abends in Werner Herzogs Parsifal-Inszenierung. Sie singt – wie alle Mitwirkenden – nicht nur außerordentlich wortverständlich, sondern auch – ihrem äußeren Mummenschanz zum Trotz – makellos schön. Dieser Parsifal ist überhaupt eine musikalisch erstklassige Aufführung, auch wenn Noch-Musikdirektor Lorin Maazel (er wird nach dieser Saison Valencia verlassen) sich enorm viel Zeit läßt. Er setzt ganz auf Breite und Langsamkeit. Und da bricht er alle Rekorde. Zwei Stunden dauert allein der erste Akt. Doch er zieht alle Register seiner raffinierten Klangmagie und bietet trotz mangelnder Innenspannung und einiger äußerlicher Effethaschereien einen im Sound brillianten, in vielen Details geradezu betörenden Parsifal auf. Das Orchester spielt und klingt fabelhaft! Es ist ein handverlesenes Spitzenorchester. Dessen Musiker verdienen, wie man erfährt, so viel wie die Berliner Philharmoniker. Erste Liga eben! Aber auch die Sänger sind erste Wahl: Stephen Millings Gurnemanz agiert mit schwarz samtenem Bass, Evgeni Nikitin ist ein Amfortas von heldenbaritonalem Großformat, auch Sergej Leiferkus kann Einen als Klingsor das Fürchten lernen. Christopher Ventris, zur Zeit einer der gefragtesten Wag-ner-Tenöre singt einen strahlenden Parsifal. Werner Herzog hat sich bei seinem Parsifal durch seinen letzten Antarktis-Dokumentarfilm „Encounters at the End of the world“ inspirieren lassen zu seiner ungewöhnlichen, aber ein-leuchtenden szenischen Deutung. Er lässt den ersten und den letzten Akt in eisiger Landschaft spielen, gewissermaßen in einer seelischen Polarstation. Ein sinniges Bild für das Prinzip Entsagung und Askese. Polarlichter scheinen auf. Und zu den Gralsszenen senkt sich vom Schnürboden herab eine gigantische Radio-Teleskopschüssel und illuminiert die Szene mit dem Feuer ihres reflektierenden Lichts. Der mittlere Akt spielt in einer felsigen Höhle mit kreisförmigem Ausblick. Korallenbäume fahren zu den Blumenmädchenszenen herein. Rotes Licht verwandelt die Bühne in ein vulkanisch anmutendes Kraftwerk der Triebe. Auch das ein einleuchtendes Bild für das andere Prinzip: Eros und Sinnlichkeit. Für den zentralen Konflikt des Stücks, den Kampf zwischen Sexualität und Entsagung, zeigt Werner Herzog allerdings kaum Interesse. Er interessiert sich mehr für die Erlösungssehnsucht jenseits der Erotik, als die Sehnsucht einer in Eiseskälte gefangenen Hightec-Zivilisation. Herzog veranschaulicht die-se Sehnsucht als die Suche nach dem Sinn im Außerirdischen. Am Ende, also in der letzten Szene des Bühnenweihfestspiels, wenn Parsifal mit dem wieder gewonnenen Hl. Speer zur Erlösung der maroden Gralsritterschaft antritt, verschwindet denn auch das bühnenfüllende Gralsteleskop und gibt den Blick frei auf das im Hintergrund sicht-bare Opernhaus von Valencia, das Palau de las Arts. Das hebt schließlich wunderbar leuch-tend und sich drehend, elegant vom Boden ab und verschwindet – unbemerkt von der Grals-ritterschaft- als UFO in den Weiten des Weltalls, während die priesterlich gewandeten Ritter ratlos und unerlöst zwischen den Eisblöcken stehen und alle Fragen offen bleiben. Ein filmisch perfekt computeranimierten Coup de Théatre, mit dem Werner Herzog das Publikum ver-blüfft und seiner Inszenierung eine unerwartete, eine ironische Schlusspointe aufsetzt. Man darf sie aber auch als augenzwinkernde Hommage an dieses einzigartige Opernhaus und seinen genialen Architekten, Santiago Calatrava verstehen. - Alles in allem ein Parsifal der Superklasse, der einmal mehr demonstriert, dass Valencia inzwischen zu einer der ersten Adressen in Sachen Oper geworden ist, und zwar weltweit! Beiträge in SWR, NDR
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