|
|
Dieter David Scholz
Frühkritik
MDR Figaro am 28.01.2012:
Jasmin Solfaghari banalisiert Jacques Offen-bachs
"Pariser Leben" an der Staatsoperette Dresden
Moderator: Jacques Offenbachs „Pariser Leben“ wurde gestern abend zum ersten Mal seit
1966 wieder auf die Bühne der Staatsoperette Dresden gebracht. Unser Operettenspezialist Dieter David Scholz war in der Premiere.
Allerdings! Aber diese Tatsache macht deutlich, und das hat diese neuste
Pro-duktion leider nur bestätigt, wie schwer man sich heute mit Offenbach
tut. Seine Stücke reagierten auf Zustände seiner Zeit, sie sind sehr
anspruchsvoll und intelligent in ihrer Machart, und sie stellen auch an die
Darsteller und ans Publi-kum hohe Ansprüche. Diese Offenbachiaden waren ja
Stücke, die heiter satirisch auf gesellschaftliche Gegenwart reagierten, den
Mächtigen auf die Finger schau-ten und sie verspotteten, in Form der
Karikatur, der Parodie oder der mythologi-schen Verkleidung.
Und gerade ein Stück wie "Pariser
Leben", das kurz vor Er-öffnung der Zweiten Weltausstellung in Paris
herauskam und sich zum Ziel ge-setzt
hatte, die Pariser der Gegenwart lächerlich zu machen, vor allem die
gängigen Klischees, mit denen die Stadt Paris ihre
Identität an den Tourismus verkauft,
war topaktuell. "Pariser Leben" ist
ein Stück gesellschaftlicher Demas-kierung und Entlarvung. Es ist aber auch
eine Abrechnung mit der fortschritts-gläubigen, technisierten Welt des
aufkommenden Massentourismus und der aufkommenden Spaßgesellschaft, eine
glänzende Gesellschafts-Satire, in
der die Unterschicht Oberschicht spielt, die Oberschicht darauf hereinfällt
und sich genau so lächerlich macht wie die Unterschicht. Alle blamieren
sich. Und der Zuschauer fühlt sich ertappt. Und amüsiert sich darüber. Das
ist das Geheimnis des Erfolgs Offenbachs.
Als Regisseur tut man
gut daran, das nicht zu verken-nen.
Moderator: Hat denn die junge Regisseurin Jasmin Solfaghari überhaupt eine
Gesellschaftssatire auf die Bühne gebracht? Oder was hat sie gemacht mit dem
Stück?
Sie hat das Stück , um es gleich vorweg zu sagen, ziemlich banalisiert,
verblö-delt, verharmlost zur billigen Klamotte, in der Slapstick und Klamauk
sich ein Stelldichein geben, ohne jeden gesellschaftskritischen
Biss. Sie hat schon vorab bekannt, das Interessante an dem Stück
sei für Sie „das Flirrende“, das Charmante. Das ist, mit Verlaub
gesagt, nun wirklich nicht mehr als
eine Platitüde. Und wenn die Regisseurin erklärt, die gesellschaftlichen
Bezüge Offenbachs seien heute unverständlich, dann irrt sie! Sie sind
verständlich, nur sie kann sie offenbar nicht verständlich umsetzen auf der
Bühne. Stattdessen will sie Menschen zeigen, die den Augenblick leben und
feiern. Aber das ist leider
auch nur die seichte Ober-fläche des Stücks. Natürlich ist jedes der Stücke
Offen-bachs, auch Pariser Leben eine Feier des Lebens und des Augenblicks,
trotz tragischer Fallhöhen, politischer Unzulänglichkeiten und widriger
Lebens-umstände. Aber eben das zeigt Offenbach: die Nöte und Sorgen, auch
die Sehnsüchte der kleinen Leute und die Lebenslügen der Großen. Er zeigt es
als beißende Parodie, als aufmüpfiges Spiel mit Karikaturen.
Man tut Offenbach sehr unrecht, und
vor allem beraubt ihn seiner Wirkung, wenn man ihn reduziert auf bloßes
Spaßtheater.
Nein, es ist ein sehr schlichter, moderner, verschiebbarer Kleinbürger-Raum,
den sie zeigt, an der Hinterwand ein Fenster, in dem man mal den Eifelturm
sieht, mal einen Blick über die Dächer vom Montmartre werfen kann und mal
das Moulin Rouge sieht. Postkartenklischees von Paris. Ansonsten tritt man
überwiegend in modernen Kostümen auf. Und feiert Party. Die Geschichte des
schwedischen Touristenpaars, das von zwei Pariser Lebemännern genasführt
wird, in einem Paris von unten, das so tut als ob, diese böse Geschichte
gerinnt in der Inszenierung von Jasmin Solfaghari zur zeitlosen, aber eben
deshalb auch zahnlosen – im übrigen spießigen – Klamotte à la Charlies
Tante. Tatsächlich lässt die Regisseurin im vierten Akt dann auch Madame
Quimper-Karadec als Transvestiten auftreten. Was fällt ihr noch ein? Ach ja,
Nikolas Sarkozy ist als Maske präsent. Es lache darüber, wer kann...
Die Regisseurin rettet sich von einer Blödel-Nummer zur nächsten nach dem
Motto: Leute, ihr müsst lustig und ausgelassen sein. Und wenn Offenbachs
beinahe rossinihafte Musikmechanik anfängt, auf- und durchzudrehen, dann
werden plötzlich historische Kostüme benutzt, Kristall-Lüster
schweben herab und Can
Can-Grisetten dürfen Beine werfen und Röckchen heben. Weil´s halt Offenbach
ist. Unhinterfragt wird auf einmal "Operetten"-Konvention übernommen. Aus
Hilflosigkeit. Spätestens da offenbart sich das Humor- und Geistlose einer
sehr verlegenen Regie, die Offenbachs Genie in keiner Weise gewachsen ist.
Moderator: Darf denn die musikalische und sängerische Seite der Aufführung
wenigstens als geglückt bezeichnet werden? Also Ernst Theis hat der Musik Offenbachs zwar ordentlich Beine gemacht, aber er hat sie nicht ins Herz getroffen: Das Freche, Aufmüpfige, Beissende, scharf Karikierende, das Parodistische, Subversive war auch musikalisch abwesend. Theis hat allzu vordergründig Offenbach auf "nette" Musik reduziert. Die tieferen Wahrheiten, die Pikanterien und Raffinessen Offenbachs, die bleiben in seiner Lesart außen vor. Auch die sängerischen Leistungen des Abends waren nicht mehr als bescheiden. Wobei eine inspirierende Regie da sicher Wunder gewirkt hätte. Aber an der fehlte es eben. Von der Dialogfassung Jasmin Solfagharis ganz zu schweigen. Schade. Ich hätte der Staatsoperette Dresden gern einen großen Erfolg gewünscht. Stattdessen war es ein schwarzer Abend für Offenbach, man hat ihn (wieder einmal) nicht ernst genommen! Wenn man ihn denn ernst nähme, würde er sein unverbrauchtes, utopisches Potential entfalten, das selbst ein junges Publikum noch begeistern könnte! Und alle Zweifel an der Zukunft der Gattung "Operette" bzw. Opera bouffe würden sich in Luft auflösen. "Die Operette ist besser als ihr Ruf". Und viel besser, als man ihr in Dresden zuleibe rückt.
|