Dieter David Scholz

Offenbach-Verharmlosung in Erfurt

Am Theater Erfurt hatte am Fraitag , 1.10. Jacques Offenbachs Mythentravestie „Orpheus in der Unterwelt“ Premiere. Eine Koproduktion mit dem Theater Dortmund. Johannes Pell hatte die musikalischen Fäden in der Hand. Bernd Mottl war der Regisseur.

Im Programmheft der Neuproduktion liest man: Operette in vier Akten , UA Paris 1858. Das ist leider alles falsch! Erstens hat Offenbach den Orpheus nie Operette genannt, andere Stücke sehr wohl, aber da handelte es sich um zwei bis drei Personenstücke. Zweitens: die Uraufführung 1858 war eine zweiaktige Opera bouffe und drittens: die vieraktige Fassung, die kam erst 1873 auf die Bretter, die die Welt bedeuteten, und das war eine große Opéra féerie. Also großes, opernhaftes Zaubertheater. Ein Jahr später gab es auch noch eine um ein großes Neptunbild auf dem Meeresgrund erweiterte dritte Fassung (die allerdings nie ge-druckt wurde). Das sollte man auseinanderhalten, den alle Fassungen sind sehr unterschied-lich in Machart und theatralischer Wirkung. Leider wird einem in Erfurt Sand in die Augen gestreut, was bezeichnend ist für den lieblos ignoranten, schlampigen und respektlosen Umgang mit Offenbach, nicht nur in Erfurt. - Gespielt hat man  tatsächlich in Erfurt eine zweiaktige Version mit bedauerlichen Strichen. Also die Opera bouffe, was soviel wie närrische Oper meint, man könnte in diesem Falle auch sagen Opernparodie.

Es war allerdings kein ungetrübtes närrisches Vergngügen,, denn all die politischen Anspiel-ungen, die Abrechnung mit der hehren Operntradition  und den gesellschaftskritischen Biss, all das vermisste man in der Inszenierung von Bernd Mottl, die in einer sehr harmlos braven deutschen Textfassung von Peter Lund gezeigt wurde.  In der war eigentlich alle Luft raus, um es salopp zu sagen. Die Götterwelt  dieses Orpheus war ja in der Uraufführungsfassung eine Satire auf den Hofstaat Napoleons des Dritten, überlagert von einer herzerfrischenden Mythen- und Musiktravestie des Gluckschen Orpheus. Das hatte soviel unterhaltendes, subversives, satirisches Potential,  dass das Publikum sich gar nicht satt hören und sehen konnte. Das Stück lief innerhalb von vier Jahren 500 Mal. Davon kann man in Erfurt wohl nur träumen. Aber zugegeben: Erfurt ist nicht Paris. Und heute ist nicht 1858.

 

Der Erfurter "Orpheus" ist leider nicht mehr und nicht weniger als Blödeltheater in falsch verstandener Operettenhaftigkeit. Das erste Bild spielt in einer Art ironisiertem, parodiertem Alt-Griechenland., also alle in weiß gefalteten Togen, alle mit blonden Löckchenperücken, mit mythologischen Accesoires ausgestattet. Und für den zweiten  Akt, hat sich Ausstatter Friedrich Eggert eine dunkle, mit Knochen dekoriertte Höhle ausgedacht, die eher an eine Neanderthaler-Behausung als an die mythologiche Unterwelt der Antike denken läßt. In diesen beiden Bilder zeigt  Bernd Mottl einen Bilderbogen netter  regielicher Harmlosigkeiten und nekkischer Wort- und Personenspielereien über den Überdruß der Göttlichen,  den Überdruck der Teuflischen und über die Fragwürdigkeit traditioneller Ehevorstellungen, die anhand des trotteligen Musiklehrers Orpheus und seiner Gattin Eurydike demonstriert werden. Es darf gelacht werden über anzügliche Zoten aus dem ehelichen Intimbereich. Immerhin hat Cho-reograph Götz Hellriegel der banalisierten Offenbachiade choreographisch ordentlich auf die Beine geholfen und das Ganze wenigstens als beinmuskelanregende Revue gerettet.

Für die antreibende Musik sorgte Johannes Pell. Er ist ein  sehr temperamentvoller Anwalt der Musik Offenbachs. Er peitscht das Philharmonische Orchester Erfurt an zu einem aber-witzigen Delirium von Rhythmen und Tempowechseln, der alle mitreißt: Den Opernchor und die insgesamt sehr respektable, wenn auch sehr opernhaft singende Solistenriege. Einer der Mitwirkenden hatte offenbachsche Qualitäten jenseits von „Nur-schön-singen-wollen“. Er hat überhaupt  nicht gesungen. Und es war sein Debüt im Musiktheater: Jens Goebel. Der ehe-malige Kultusminister des Freistaats Thüringen debütierte in der Sprech-Partie der Öffent-lichen Meinung als alte Tante en Travestie. Mit trockenem Humor und Understatement. Das hätte Offenbach gefallen. Das mitgerissene Publikum, das einmal mehr bewies, wie unwider-stehlich Offenbach bis heute ist, hat es ihm mit viel Beifall gedankt.

Beitrag in MDR Figaro 24.10.2011