Dieter David Scholz

Buchbesprechung


Besserwisserei, Ideologie und Klugheit

Das Musiktheater des Joachim Herz in seinen Texten

 

Nur wenige Wochen nach seinem  Tod ist jetzt im Kölner Dohr-Verlag ein erster dicker Band mit Schriften des Regisseurs Joachim Herz erschienen. Zwei weitere sollen Folgen. Joachim Herz hat an dieser „Ausgabe letzter Hand“ noch mitgearbeitet. „Von der Barock-oper zum Musikdrama“ ist dieser erste Band überschreiben.

  

Die „Ring“-Inszenierung von Joachim Herz am Leipziger Opernhaus (1973-1976) hat, noch vor der „Jahrhundertinszenierung“ von Patrice Chéreau in Bayreuth herausgekommen, Thea-tergeschichte geschrieben. Denn Joachim Herz hat als erster den „Ring“ als antikapitalistische Parabel des bürgerlichen Zeitalters inszeniert.

"Wir haben dort in intensivster gemeinsamer Denkarbeit eine Konzeption entwickelt und haben das realisiert, was Richard Wagner vorgeschwebt hat und was Leute wie Bernhard Shaw und Thomas Mann schon längst, schon vor Jahrzehnten entdeckt hatten."  (Joachim Herz)

Einen Großteil des Buches beanspruchen denn auch die Ausführungen zu Wagners Musik-dramen, vor allem zum „Ring“ im ersten Band der Herz-Schriften. Alles, was er zum dazu geschrieben hat, konzeptionelle Vorarbeiten zu eigenen Inszenierung, Erfahrungsberichte, Kommentare, Briefe und Beiträge zu Symposien. Herz war stets sehr mitteilungs- wie streit-bedürfig, wollte in seinem Sinne „richtig“ verstanden werden und mischte sich vielerorts ein, ja provozierte mit seinen Besserwissereien. Er war berühmt und berüchtigt dafür, Kritiker und Kollegen, Theaterleiter und Wissenschaftler brieflich zurechtzuweisen und zu belehren. Wohl, weil er sich – es hat etwas von Verfolgungswahn - sein Leben lang vom Westen ignoriert fühlte: "Denn es ist ja ein Hobby geradezu der Westmedien,  uns totzuschweigen."

Vor allem aber betrachtete sich Joachim Herz, wie er etwas verbittert in seinem letzten MDR-Figaro-Gespräch kurz vor seinem Tod bekannte, konzeptionell ausgebeutet, nicht nur im Falle des „Rings“.

"Unsere Idee, Senta träumt den Holländer, wurde auch auf der Bay­reu­ther Bühne zum besten gegeben, bis zu Kleinigkeiten, Hans Sachs versöhnt sich mit Beckmesser, gab´s auch in Bayreuth zu sehen, nach Leipzig."

Joachim Herz, man mag seine Bühnenästhetik und seinen Geschmack mögen oder nicht, war einer jener heute seltenen Regisseure, die ein Stück bis ins kleinste Detail kannten und sich zum Anwalt des Stücks und nicht eigener Befindlichkeiten oder Manien machten. Seine Texte zu Mozarts Opern, zu Beethoven, Weber, Meyerbeer, Spontini, Cherubini, Rossini und Offenbach bezeugen es - selbst noch in ihren Irrtümern. Nichts desto trotz gehört der Fel-senstein-Assistent Joachim Herz, dessen Hauptwirkungsorte Berlin, Dresden und Leipzig waren, zu den wichtigsten Regisseuren Deutsch­lands. Schon deshalb sind die von seiner Frau, Kristel Pappel, in mühsamer Arbeit zusammengesuchten, um Anmerkungen ergänzten und von ihm selbst autorisierten Texte aus sechs Jahrzehnten Doku­mente von theaterge-schichtlicher Bedeutung. Michael Heinemann hat sie, wissenschaftlichen Bedürfnissen entsprechend, herausgegeben.

 

Manche DDR-Theaterereignisse wird man nach Lesen der Herz-Texte anders werten als bisher, besser verstehen, aber auch in ihrer Bedeutung relativieren müssen. Beispielsweise das Kapitel „Barockoper“ in der DDR. Joachim Herz hat viel dazu geschrieben. Vor allem Händel hatte es ihm in seiner Leipziger Operndirektorenzeit angetan.  

"Der Händel, das war ja unser großer Konflikt mit der Stadt Halle. Wir gingen nun ganz neue Wege, die offenbar mit dem sozialistischen Realis­mus ein paar Probleme hatten.  Und wir waren auf dem Irrwege, nach Meinung der hiesigen Professoren und Experten. Aber in 13 Ländern Europas waren wir nicht auf dem Irrwege, sondern auf dem richtigen Wege!"

Eine etwas oberlehrerhafte Rechtfertigungshaltung, gepaart mit einer geradezu Wagne­rischen Portion Sendungs- und Selbstbewußtsein, durchzieht eigentlich alle Schriften von Joachim Herz. Auch den Dresdner Vortrag „Barockoper heute“ aus dem Jahre 2007. Eine flammende Rede gegen das sogenannte „Regietheater“, dessen groteskeste Auswüchse er bei Sebastian Baumgarten erkennt, den er denn auch offen und heftig attackiert. Ein lesens- und bedenkenswertes Bekenntnis zur sogenannten „Werktreue“. Für angehende Regisseure sollte es Pflichtlektüre sein. Und Historiker werden sich freuen über diese und alle übrigen nun endlich gebündelt verfügbaren Herz-Schriften, die beispielhaft sind für seine Generation.  Sie sind nicht frei von politisch-ideologischer Befangenheit und schwanken - vor und nach der „Wende“ geschrieben - zwischen Verklärung und Verharmlosung der DDR und künstleri-schen Arbeitens hin- und her. Aber wichtig sind sie allemal!

 

Oper mit Herz. Das Musiktheater des Joachim Herz, herausgegeben von Michael Heinemann und Kristel Pappel. Von der Barockoper zum Musikdrama. 360 S., Notenbeispiele, Register, Hard-cover. ISBN 978-3-936655-92-6. EURO 34,80

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