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Dieter David Scholz
Premierenbericht Zwischen Nato-Oliv und Druiden-Ritus „Norma“ am Opernhaus Halle“ - Premiere 18.01.2008
In dieser Oper geht es ja um den Konflikt zwischen Galliern und Römern. Was hat uns denn dieser Stoff überhaupt noch zu sagen heute? Hat er uns denn überhaupt noch etwas zu sagen? Na ja, man darf nicht vergessen, dass das auch ein politischer Stoff ist, denn dieser Aufstand der Gallier gegen die römische Besatzungsmacht, der wurde ja schon zur Zeit des Rissorgi-mento in Italien sehr gegenwärtig, um nicht zu sagen tagespolitisch gesehen. Es geht ja doch in dieser Oper um Themen, die auch heute aktuell sind, um Fremdherrschaft und Besatzungs-macht, Gewaltherrschaft und Befreiungskampf. Und genau das hat Regisseur Helmut Polixa auch in den Mittelpunkt seiner Inszenierung gestellt. Frank Philipp Schlößmann hat dazu zwei eindrucksvolle Räume entworfen, eine Art Vorhalle eines Tempels, der von stählernen Panzerperren, die aus der Erde ragen, den Blick freigibt auf einen Wolkenhimmel und eine Art gefängnishaften Innenraum mit vielen Treppen und Verwinkelungen. Das alles hat einen leicht faschistischen Anstrich. Die Gallier treten ganz in Schwarz (Brillen, Hüte, Mäntel) auf, die Römer in Gestalt von Pollione und Flavio in Nato-Oliv. Insofern zeigt diese Inszenierung im Grunde ein Stück von heute, um nicht zu sagen einen modernen Konflikt. Und es hätte gar nicht der etwas einfältig kommentierenden und schlecht übersetzenden Übertitel bedurft, um diese Aktualität zu verdeutlichen. Aber nun gilt diese Oper ja als die romantische Oper schlechthin. Kommt denn die Romantik dieser Oper in einer solchen politischen Lesart nicht zu kurz? Nein ganz und gar nicht. Es gibt ja neben der politischen Eben noch eine sehr romantische, nämlich die Liebesgeschichte zwischen der gallischen Seherin, der Druidenpriesterin Norma und dem römischen Prokonsul Pollione. Eine sehr pikante Geschichte, denn diese Druiden-Oberpriesterin bricht ihre Gelübde und liebt den Staatsfeind Nummer Eins, hat mit ihm sogar zwei Kinder und verliert diesen Mann ausgerechnet an ihre Novizzin Adalgisa, die ebenfalls ihre Gelübde bricht. Das kann natürlich nur tragisch enden. Da wallen die Leidenschaften mächtig auf, und nach geradezu medeahaften Rachegelüsten Normas - zeitweise will sie ihre Kinder töten - nach Verzweiflung, Resignation und Selbstüberwindung gipfelt diese Liebes-tragödie in einer Art Liebestod, der verständlicherweise Richard Wagner lebenslang be-geistert hat: Norma outet sich vor Ihrem Volk als Verbrecherin und nimmt willentlich die Todesstrafe entgegen. Pollione hat inzwischen erkannt, was für eine große, übergroße Frau er verlassen hat. Seine Liebe zu ihr entbrennt aufs neue. Er kehrt im Tode zu ihr zurück. Norma und Pollione besteigen gemeinsam den Scheiterhaufen. Also romantischer kann eine Liebes-tragödie nicht sein! Aber wie bringt man solche Romantik des neunzehnten Jahrhunderts in Einklang mit einer so gegenwärtigen politischen Konzeption, wie sie Helmut Polixa für die Oper Halle entwickelt hat. Das geht natürlich nur mit zwei überragenden, glaubwürdigen Darstellerinnen, die der Kunst des alles versühnenden Belcanto mächtig sein müssen. Diese beiden Ausnahmesängerinnen hat man in Halle: Romelia Lichtenstein singt eine fulminante Norma. Sie ist koloraturensicher und spart nicht an dramatischem Ausdruck. Sie ist ein wirkungssicheres Theaterpferd. Auch die Adalgisa der Ulrike Schneider hat großes sängerisches Format. Gegen solche Titaninnen anzusingen hat es der Tenor César Augusto Gutiérrez schwer. Er tut sein Bestes. Aber die Figur des Pollione ist ohnehin eine etwas blasse Figur und im Grunde genommen nur der An-laß, der Auslöser für ein doppeltes Frauenschicksal, Und das setzt Helmut Polixa konven-tionell, aber effektvoll in Szene. Mit magischen Beleuchtungseffekten, opernhaften Tableaus, mit Aufmärschen an der Rampe, mit Candle-light-Druidenritus und großen, wirkungsvollen Auftritten vor allem eben Normas, die derart erhöht wird, daß Pollione, ob nun in Nato-Oliv oder im hellen Sommeranzug nur wie ein mächtig strampelnder, kleiner verliebter südlän-discher Macho erscheint, der gegen eine solche Überfrau eh keine Chance hat. In Halle gab es ja noch nie eine „Norma“. Wie kam dieses Stück in dieser Inszenierung beim Publikum an? Es war ein großer Publikumserfolg! Die Leute waren begeistert und haben mit Beifall und Bravi nicht gespart. Daß dieser Abend ein derart mitreißendes Belkantofest werden konnte, ist allerdings auch dem fabelhaften Dirigenten Pavel Baleff zu verdanken, der einen sehr dramatischen, straffen und energisch-unverzärtelten Bellini dirigiert hat. Auch der Chor der Oper Halle verdient Lob. Eine tolle Aufführung. Es lohnt sich, auch von weither anzureisen.
Frühkritik in MDR, Figaro am Morgen, 19.01.2008, 08.10 Uhr
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