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Dieter David Scholz
Buchrezension Die Leichtigkeitslüge
"Mundgerecht soll sie sein, weichgespült" und bloß nicht zu anspruchsvoll. Für jedermann verständlich, "am besten derart simpel beschrieben, dass sie kinderleicht wird". Die klassische Musik wird mehr und mehr verharmlost. Das Ausmaß dieser „sich selbst verblödenden Musikvereinfachung, die als Vermitt-lung verkauft wird“, sei erschreckend und geradezu epidemisch. Der Musikjournalist Holger Noltze, Professor für „Musik und Medien“ an der TU Dortmund, wo er den Studiengang „Musik-journalismus“ aufbaut, hat mit seinem Buch dagegen ange-schrieben.
„Als die Medien mit dem letzten Mozart-Jahr 2006 fertig waren, war Mozart medial gründ-lich erledigt – aber worum es im "Figaro" geht, wo das Unbegreifliche im Finale der Jupi-tersinfonie anfängt, das kam nicht vor.“ Harte Worte eines Musikjournalisten und Professors für „Musik und Medien“. Holger Noltze kann es sich leisten, einmal all das auszusprechen, was nicht nur ihm unter den Nägeln brennt. Und er tut es ungeniert. Holger Noltze zieht ent-schlossen gegen den „faulen Zauber Vermittlung“ zu Felde, der in den Zeiten der Pisastudie, der Entwertung aller bürgerlichen Werte und der Aufgabe des klassischen Bildungsideals immer mehr den Umgang mit Musik und Kultur überhaupt vergiftet. Sein Buch „wendet sich gegen die furchtbaren Vereinfacher in Medien-, Kultur- und Bildungsinstitutionen“. Gemeint sind Lehrer, Journalisten, Regisseure, Intendanten, Schallplattenkonzerne, Pressereleute und Dramaturgen, die Apostel fragwürdiger Edukationsprogramme, und Autoren sogenannter Musikvermittlung. Ganz nebenbei holt er auch noch zum Schlag gegen das "riesen-blasenwerfende Kooperationswesen" aus, es sei die Pest des Kulturbetriebs." Aber auch an Radio- und Fernsehmachern läßt er nichts Gutes. Besonders scharf schießt Noltze gegen das Formatradio. Die großen öffentlich-rechtlichen Medienunternehmen" setzten nicht mehr "auf eine Schärfung ihrs Profils, ... sondern vor allem auf Strategien der Angleichung, Ent-differenzierung, mehr vom leichten Gleichen. " Zurecht weist er darauf hin: "die 'Popu-larisierung' schaffte keine Popularität. Das Publikum verschwindet; Redakteure, die sich noch an bessere Zeiten erinnern können, werden melancholisch oder depressiv, ihre Chefs fatalistisch oder zynisch." Wie recht er hat! Auch wenn er behauptet, dass das Radio sich „nicht zum Korrektiv des kontinuierlich verblödenden Fernsehens“ gemacht habe, sondern, im Gegenteil, es mache „es nicht anders", es tue "auf seine Weise mit“. So ist es leider.
Die Musikvermittlerin Elke Heidenreich ist für Holger Noltze ein symptomatischer Fall. Ihm widmet er denn auch ein eigenes Kapitel. „Aus Elsa wird Elke“ heißt es. Elke Heidenreich ist für Noltze geradezu das Paradebeispiel von Vermittlung als Vereinfachung, ja Banalisierung nach dem Motto: „Was macht Musik mit mir“, statt zu fragen, worum geht es in der Musik, was will sie eigentlich. Noltze wirft Heidenreich „Diffamierung oder doch Reduzierung des Inhalts“ vor, „um ihr Publikum nicht mit der Bedeutungskeule der Meisterwerke vor den Kopf zu hauen“. Dabei höre sie nicht auf zu reden „von ihrer eigenen Ergriffenheit“, aber sie verweise eben „nicht auf den Gegenstand, sondern nur auf sich selbst.“. Holger Noltze nimmt es ihr persönlich übel, „dass der gute Inhalt, um dessen Vermittlung es geht, für ein par flaue Pointen verraten wird.“ Nicht nur er nimmt ihr das übel. Man hat schon früh Beethovens Rondo capriccio alla ungarese Opus 129 als „Die Wut über den verlorenen Groschen“ übertitelt. So fasslich der Titel, der Zuhörer muss gedanklich nicht nach Ungarn reisen, so wenig sagt er doch über das Stück aus. Holger Noltze beklagt denn auch: „Weder Anekdoten noch die Verengung auf das eigene Empfinden“ werde der Musik gerecht. Das könne zwar den ersten Zugang eröffnen, „aber meist endet er dann auch nach dem viel versprechenden Portal solcher Vermittlung.“ Holger Noltzes Hauptthese: Musik „ist komplex, die Behauptung, es vermittle sich auf einfache Weise von selbst“ nach dem Motto „keep it short and simple“ ist eine Lüge, ist „Höhenverlust“ als „Mischung aus Simplifikation, Respektlosigkeit und Unduldsamkeit“. Oder, wie die Intendantin eines renommierten Musik-festivals es einmal auf den Punkt brachte: "... das heißt, es soll möglichst barrierefrei, möglichst niederschwellig qualitätvolle Musik für möglichst viele Menschen angeboten werden." Diese Worte muß man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: barrierefrei und nieder-schwellig! - „Massenmedien fürchten Komplexität ... als Hindernis vor der möglichst massen-haften und breiten Erreichbarkeit des Publikums. Unter der falschen Flagge der Verständ-lichkeit wird jedem Gegenstand ... so lange seine Komplexität ausgetrieben... bis der durch das VermittlungsNadelöhr passt, und das ist zu klein“, so Holger Noltze. Einem Großteil ernstzunehmender Musik werde man damit nicht gerecht, denn komplexe Strukturen müssten auch differenziert wahrgenommen werden, um begriffen zu werden. Die „Verzwergung der künstlerischen Substanz“ ist für Noltze „Betrug am „Genuss des Entdeckens“. Er plädiert für das ganze Gegenteil. Sein Wort in Gottes Ohr. Doch welche Bildungsinstitution soll denn den Zuhörer darin schulen? Wo Noltze doch schon auf Seite 17 diagnostiziert. "Der Untergang des Abendlands ist schon im Gang" und auf Seite 27 das "Versagen des Bildungssystems" beklagt. Zurecht stellt er ja fest, dass das jüngere Publikum "nicht einmal mehr über solche brüchigen Wissens und Bildungsfundamente verfügt" wie manche älteren Herrschaften, das "Restbürgertum", das sich noch "in seinen Abonnements" trifft. Gerade Musik in ihrer Komplexität sei nach Meinung Holger Noltzes „das beste Mittel, jenen Sparren zu lockern, der tief in unserem Hirn die Freiheit des Denkens verriegelt“. Die „Re-duktion auf einfache Gesetze“ befriedige zwar den Ordnungssinn“ und erleichtere die Ver-marktung. Aber, so Noltze: „Das Leben ist nicht so“. Wenn Musik „gut gespielt und gut ge-hört wird“, jenseits der Vereinfachungs- und Verblödungsspirale, könne sie geradezu "die Schwerkraft aufheben" und die Last des drückenden Alltags überwinden helfen. Noltzes opti-mistisches Schlussplädoyer: „Es geht darum, in einer Welt, die immer komplexer wird, in der die einfachen Gesetze immer häufiger nicht mehr passen, einen furchtlosen Umgang mit Komplexität zu üben. Monteverdi, Bach Beethoven, Haydn, Mozart, Schönberg und Stra-winsky bieten sich als Trainer an. Und klingen auch noch schön. Im Ernst.“ Wo der Mann seinen Optimismus herholt, fragt man sich. Dennoch, das Buch von Holger Noltze ist eines der wichtigsten unserer Zeit!
MDR Figaro
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