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Dieter David Scholz

 

Hintergrund Kultur

DLF 5.11.2007, 18.40 Uhr

Erbfolgestreit auf dem grünen Hügel -
Die Bayreuther Festspiele in der Krise

 


Am 13. August 1876 hob sich der Vorhang zu den ersten Bayreuther Festspielen und zur ersten kompletten Aufführung des „Rings des Nibelungen“. Wagner hatte sich einen Traum erfüllt. Ein eigenes Theater zur ausschließlichen und mustergültigen Aufführung seiner Werke. Noch heute existieren die Bayreuther Festspiele. Sie haben mehrere Kriege überstanden, sie werden  immer noch geführt von einem Mitglied der Familie Wagner und gelten als eines der  renommiertesten und ältesten Festivals der Welt.  Freilich, die Glanzzeiten Bay­reuths sind lange vorbei. Künst­lerische, finanzielle und personelle Probleme überschatten das Unter-nehmen heute. Vor allem die Nach­folgefrage Bayreuths steht im Raum. Wolfgang Wagner, seit 1966 der Chef der Festspiele, ist mit 88 Jahren kaum mehr in der Lage, die gewaltigen Aufgaben seines Unternehmens zu bewältigen. Er ist gesundheitlich stark ange­schlagen. Die Bewerberinnen aus der eigenen Familie für seine Nachfolge sitzen in den Starlöchern. Doch die Nachfolgeregelung ist ein schwieriges Unterfangen, dessen Prozedere genau geregelt ist durch die Satzung der Richard Wagner Stiftung Bayreuth aus dem Jahre 1973. Am kom­menden Dienstag tritt der Stiftungsrat der Richard Wagner Stiftung zusammen. Ob er sich mit der momentan viel diskutierten Nahfolgefrage beschäftigen wird, ist ungewiß.

 

Gewiß ist, dass seit dem Tode Richard Wagners die Nachfolgeregelungen äußerst proble­ma­tisch  waren. Ein Rückblick: Am 13. Februar 1883 starb Richard Wagner. Cosima, die Witwe, hatte schon wenige Tage nach Wagners Tod die Leitung der Festspiele über­nommen. Obwohl Wagner sie nicht als Nachfolgerin auserkoren hatte. Er wusste warum.  Cosima verfälschte denn auch die Festspielidee ihres Mannes zugunsten ihres antisemitischen, natio­nalistischen Sendungsbewusstseins. Immerhin: Unter ihrer Leitung wurden die Bayreuther Festspiele  zu einem erfolgreichen Unternehmen. Es zog genau jene modischen Publikumsmassen, die Neureichen und den europäischen Hochadel an, die Wagner eigentlich ausschließen wollte. Die Bayreuther Festspiele waren zu einem gesell-schaftlichen, ja nationalen Ereignis ge­worden. Die prophetischen Worte Friedrich Nietzsches hatten sich erfüllt: "Die Deutschen ha­ben sich einen Wagner zurecht gemacht, den sie verehren können". Mit Cosima begann recht eigentlich die verfälschende Wagner-Idolisie­rung. Richard erschien ihr...

Zitatorin  „... als gewaltige Rettung des germanischen Geistes...“,

... wie man Cosimas Tage­büchern entnehmen kann. Wagner wurde von Cosima und ihren Autoren der Bayreuther Blätter zum Religions­gründer einer völki­schen, antisemitischen Ideologie stilisiert. Damit machten sie sich zu den geistigen Wegbahnern des National-sozialismus. Bayreuth wurde zum Zentrum einer chauvinistischen, nationalistischen Ideologie. Und das, obwohl im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts jährlich mehr Amerikaner, Briten und Franzosen zu den Festspielen kamen. Das Geschäft mit den Bayreuther Festspielen blühte, auch die Wagner-Dynastie blühte auf. Das Familien­vermögen vervierfachte sich, man erwirtschaftete Millionen-Erträge. Inzwischen war Wagners Sohn Siegfried zum Dirigenten herangereift. 1907 zog sich Cosima von der Festspielleitung zurück und übertrug sie ihrem inzwischen 38-jährigen Sohn Siegfried.    

Siegfried Wagner, er war ein weithin geachteter Komponist und Dirigent, setzte auf Erneue-rung der Bühnenästhetik und sorgte für frischen Wind in Bayreuth, das in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg ein Pilgerzentrum für das kunst­beflissene Großbürgertum, den europäischen Adel, die Kulturschaffenden und für sen­sationshungrige Gäste aus ganz Europa und Übersee geworden war.

1915 heiratete Siegfried Wini­fred William, einer gebürtige Engländerin und Waise, die von dem Pianisten Karl Klindworth, einem engen Freund Richard Wagners, adoptiert wurde. Ihrer Ehe entsprangen vier Kinder: Verena, Friedelind, Wieland und Wolfgang, der heutige Festspielleiter. Aus der katastrophalen Inflation, die dem Krieg folgte, gingen die Bayreuther Festspiele bankrott hervor. 1921 gründeten die Wagner-Vereine zur Unterstützung Bayreuths eine „Deutsche Festspielstiftung Bayreuth“. Dank Spendenaufrufen, aber auch Konzert- und Sponsoren-Werbereisen Siegfrieds in den USA konnte man 1924 die Bayreuther Festspiele widereröffnen.  

Die Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele 1924 mit den „Meistersingern von Nürnberg“ geriet zu einer Demonstration völkisch-nationaler Besuchergruppen, die bei der Schlußan-sprache des Hans Sachs aufstanden und nach dessen letztem Takt das Deutschlandlied anstimmten. In Bayreuth war aus Ästhetik Politik geworden. Wagner war von den Sympa-thisanten der nach dem gescheiterten Münchner Putschversuch Hitlers verbotenen national-sozialistischen Partei zum „Führer der deutschen Kunst“ erklärt worden, zum musika­lischen Idol des Natio­nal­sozialismus. Siegfried Wagner konnte das Steuer der Vereinnahmung Bayreuths nicht mehr herumreißen.  Am 4. August des Jahres 30 erlag er, während der Pro-ben zum „Tannhäuser“, einer Herzattacke, nur vier Monate übrigens nach  Cosimas Tod.  

Nach Siegfrieds Tod war es wieder eine Witwe, die die Macht in Bayreuths Hügel an sich riß: Winifred setzte sich energisch gegen die Wagnerfamilie durch, die seit Cosimas Zeiten ein in sich verfeindeter, höchst kapriziöser Clan war, obwohl sie weder über Kenntnisse aus des Meisters erster Hand vefügte, noch über fach­liche Kompetenz. Sie war auf Berater angewiesen. Zu ihrer rechten Hand wählte sie als künstlerischen Leiter und Regisseur den Berliner Generalintendanten und Dirigenten Heinz Tietjen, der als Theatermann eine unan-tastbare Autorität war, wenn auch als Persönlichkeit umstritten. Vor allem aber war Winifred Wagner eine begeisterte Hitler-Ver­ehrerin der ersten Stunde. Bereits wenige Wochen nach ihrem ersten persönlichen Kontakt mit ihm ver­öffentlichte sie in der "Oberfränkischen Zeitung" einen "Offenen Brief":

Zitatorin: "Seine Persönlichkeit hat wie auf jeden, der mit ihm in Berüh­rung kommt, auch auf uns einen tiefen, ergreifenden Eindruck gemacht, und wir haben begriffen, wie ein solch schlichter, körperlich zarter Mensch eine solche Macht auszuüben fähig ist. Diese Macht ist begründet in der moralischen Kraft und Reinheit dieses Menschen, der restlos eintritt und aufgeht für eine Idee, die er als richtig erkannt hat, die er mit der In­brunst und Demut einer göttlichen Bestimmung zu verwirklichen versucht“.

Die Allianz Bayreuth - Hitler war geschlossen. Winifred Wagner machte sich ganz bewußt zum Steigbügelhalter für Hitler und den Nationalsozialismus. Der Schulterschluß mit­ Bayreuth brachte Hitler bürgerliche Repu­tation und Winifred finanzielle Sicher­heit. Nur dank Adolf Hitlers persönlichem – auch finanziellem – Einsatz für Wagner und das Bayreuther Festspiel-unternehmen gelang es Winifred Wagner, bis zum Zusammenbruch des Deutschen Reiches ein hohes künstlerisches Niveau zu halten.

Nach Kriegsende und Spruchkammerverurteilung Winifred Wagners als belastet im Sinne der Förderung und Nutznießerschaft des Dritten Reiches, womit ihr jedwede weitere Festspiel-leitung untersagte wurde, mußte ein Generationen- und ein Führungswechsel in Bayreuth stattfinden. In einer eidesstattlichen, verpflichtenden Erklärung, die am 21. Januar 1949 aktenkundig gemacht wurde, verpflichtete sich Winifred Wagner, sich künftig jedweder Mit-wirkung an der Organisation, Verwaltung und Leitung der Bay­reuther Bühnenfestspiele zu enthalten. Sie setzte ihre beiden Söh­ne Wieland und Wolfgang zur Fortführung bzw. Wieder-aufnahme des Festspielbetriebs ein. Der Weg war frei für einen Neuanfang. Neue Sänger, neue Di­ri­genten und gänzlich neue Regiekonzeptionen zogen ein ins Bayreuther Festspielhaus. Das wurde im In- und Ausland als ein theatergeschichtliches Ereignis allerersten Ranges gefeiert. Das Wort von der „Entrümpelung“ machte die Runde. Es war eine sze­nische Revolution der Wagner­bühne, die Wieland Wagner initiierte.  Er schuf „Neubayreuth“:

O-Ton :  „Ich suche eine musikalische Abstraktion . Daß ich Bayreuth als Werkstatt betrachte, in der unermüdlich gearbeitet wird, hat den Grundcharakter Bayreuths verändert. Ich habe mich entschieden, daß wir grundsätzlich so frei wie möglich arbeiten müssen. …Wir sind an­dere Menschen, und wir haben Kriege durchgemacht!“

Der Tod  Wieland  Wagners 1966 markierte eine Zäsur in der Nachkriegs-Geschichte der Bayreuther Festspiele. Wolfgang hatte ein Fest­spielunternehmen geerbt, das künstlerisch zu den angesehensten und innovativsten in der Welt zählte. - Noch heute ist Wolfgang Wagner Chef am Grünen Hügel zu Bayreuth. Doch längst sind die Bayreuther Festspiele nicht mehr das, was sie einmal waren. Neue Impulse in Sachen Wagner kommen schon lange nicht mehr aus Bayreuth. 

Bei allen Vorbehalten gegenüber Wolfgangs Wagners künstlerischen Entscheidungen der letzten der Jahrzehnte muß man konstatieren, daß er als Festspielleiter, Manager und Orga-nisator ein kaum zu ersetzender Festspielchef ist. Zu seinen größten Verdiensten gehört die Gründung der Richard-Wagner-Stiftung. Es gelang ihm nach mehrjährigen Verhandlungen, ein Überein­kommen zwischen der Wagnerfamilie, der Bundesrepublik Deutschland, dem Land Bayern und anderen Vertretern der regionalen Politik und Öffentlichkeit, zu erreichen, den gesamten Wagnerbesitz, also das Festspielhaus, die Villa Wahnfried und das Wagner-Archiv in eine Stiftung öffentlichen Rechts zu verwandeln. Am 2. Mai 1973 wurde die „Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth“ errichtet, die den Bayreuther Festspielen eine neue Grundlage gab und eine gesicherte Zukunftsperspektive gewährleistete. Das Festspielhaus wird seither von der Stiftung an den Festspielleiter Wolfgang Wagner verpachtet.  Damit wurde die private Institution der Festspiele der Wagners beendet und den Bayreuther Festspielen ein nationaler Status zugestanden, von dem Richard Wagner einst geträumt hatte.

Wie jede kulturelle Einrichtung sind auch die Bayreuther Festspiele von Zuschüssen der Öffentlichen Hand und von privatem Mäzenatentum abhängig. Schon 1953 wurde ein sogenanntes Festspielkuratorium gegründet, das den Modus der Bezuschussung der Bayreuther Festspiele fortan nach folgendem Schlüssel regelte: Die Bundesrepublik Deutsch-land gibt zwei Drittel, der Freistaat Bayern ein Drittel, die Stadt Bayreuth vier Neuntel, der Bezirk Oberfranken zwei Neuntel, die Gesellschaft der Freunde drei Neuntel.

Wolfgang Wagner gelang es, den Anteil öffentlicher Subventionen im Gesamtetat – in diesem Jahre ca. 8 Millionen - stets unter 40% zu halten. Dabei sind – dank eines weitausgreifenden Kultur-Sponsorings die Eintrittspreise in Bayreuth deutlich niedriger als bei vergleichbaren Musikfestivals. Die billigsten Karten kosten 6,50 Euro. Die teuersten 228,50 Euro. Auch die Pflege von mittlerweile nahezu 140 Richard-Wagner-Verbänden mit gegenwärtig 37.000 Mitgliedern darf ebenfalls als kommerzielle Meisterleistung gelten. Denn durch eine Kontin-gentierung von Karten an die Wagner-Verbände bzw. deren Richard-Wagner-Stipen-dienstiftung konnte Wolfgang Wagner eine hohe interne wie auch externe Bindung an die Festspiele aufbauen. Auch wenn die Mitglieder der Wagner-Verbände laut Auskunft ihres Vorsitzenden keinen Anspruch auf bevorzugte Behandlung beim Kartenverkauf haben. Ein vergleichsweise großes Karten­kontingent geht an Mitglieder des Deutschen Gewerk-schaftsbundes, für die jährlich zwei geschlossene Vorstellungen statt­finden; ferner werden zuschussgebende Institutionen  und das Jugend-Festspieltreffen berücksichtigt. Wie die genannten Institutionen im einzelnen mit den ihnen anvertrauten Karten umgehen, ist für die Öffent­lichkeit ebenso wenig nachprüfbar wie die Vergabe der sonstigen Karten. Diese Kontin­gente verringern zumindest das freie Angebot von ursprünglich 57.750 Karten pro Saison (bei 1.925 Plätzen und 30 Vorstellungen) und tragen damit zur konstanten Überbuchung bei. Wer heute eine Eintrittskarte für Bayreuth bestellt, wartet bis zu 10 Jahre. Davon träumen andere Festivals nur. Wolfgang Wagner ist zurecht stolz auf seine Lebensleistung.

 

O-Ton: "Die Quintessenz ist die, daß ich zumindestens die Bayreuther Festspiele also, soweit durch meine Tätigkeit für die Bayreuther Festspiele überhaupt menschenmöglich ist - gesichert betrachten kann, und das war also auch eine meiner Hauptarbeiten, die ich vollbringen wollte durch die Gründung der Stiftung. Bis 1944 war Eigentum und Festspielleitung identisch. Dies war sowieso nicht mehr möglich nach dem Krieg. Man hat das dann getrennt. Und dann kam die Stiftung und man wollte verhindern, daß eventuell durch eine Erbauseinandersetzung das ganze kostbare Wagnersche Manuskriptenmaterial zum Beispiel, oder auch die Bibliothek und die ganze Hinter­lassenschaft von ihm, einschließlich des Festspielhauses, irgendwie in eine Lage gerät, daß es alles durch Familienauseinander-setzungen zerfleddert und kaputt geht."

1976 hatte sich Wolfgang Wagner nach 33 Jahren von seiner Ehefrau Ellen Drexel scheiden lassen und heiratete Gudrun Mack, seine Sekre­tärin, was das Verhältnis zu seinen Kindern dramatisch verschlechterte. Er trennte sich schließlich von Eva Wagner, seiner Tochter, die er nach Wielands Tod als Mitarbeiterin ins Bayreuther Festspielunternehmen geholt hatte. Seinem Sohn Gottfried erteilte er Hausverbot. Seither haben sich die zerstrittenen Familien-verhältnisse des Wagner­clans noch mehr verhärtet als sie ohnehin schon waren. Der Bruch Wolfgang Wagners mit allen anderen Mitgliedern der Wagnerfamilie und sein bedingungs-loser Alleinherrschaftsanspruch als Chef der Bayreuther Festspiele war ein für allemal zemen-tiert. Seit 1986 ist Wolfgang Wagner Geschäftsführer und alleiniger Gesellschafter der Bay-reuther Festspiele GmbH , seit 1987 mit einem Vertrag auf Lebenszeit.

Schon 1999 hatte Gottfried Wagner das Startsignal gegeben, damit der  Stiftungsrat der Bayreuther RichardWagner-Festspiele ein Verfahren einleiten konnte, um die Nachfolge des amtierenden Festspielleiters zu bestimmen. Als Kandidaten um das Amt des Nachfolgers Wolfgang Wagners bewarben sich neben sener Gattin Gudrun und mehreren familienfernen Interessenten vor allem die Nichte Wolfgangs, Nike Wagner. Sie ist die Tochter von Wieland Wagner und die kaum öffentlich von sich Reden machende, verstoßene Tochter Wolfgangs aus erster Ehe, Eva Wagner-Pasquier. Doch über den Nachfolger des jetzigen Festspielleiters hat allein der Stiftungs­rat der Richard-Wagner-Stiftung zu entscheiden. Wie in der Stiftungs-urkunde von 1973 nachzulesen ist, ist das entscheidende Kri­terium der Ernennung die fachliche Befähigung. An sich haben, so steht es schwarz auf weiß, Mitglieder der Wagner-Familie bei gleicher Qualifikation das Primat. Sollte sich aber kein ausreichend qualifiziertes Mitglied der Familie finden lassen, kann auch ein Nichtmitglied der Familie Chef in Bayreuth werden. Wolfgang Wagner:

O-Ton : :„Wenn ich, sagen wir, eine wirklich sinnvolle Nachfolge, die möglich wäre, aufgrund des Wahlmodus´, wenn ich die gesehen hätte, hätte ich mich vielleicht ja schon vorher verab-schiedet. Aber ich habe bloß ein Verantwortungsbewußtsein, denn die Nachfolge, das ist eine ganz heikle Sache, denn die greift ja strukturell – ganz egal wer´s macht – in die Dinge ein, die heute, sagen wir, selbstverständlich in sich gefügt sind und die auch als Unikat gelten. Das fängt ja an nicht nur mit der Form der Führung, es fällt zusammen mit der ganzen Haussanierung, mit der Finanzierungsmöglichkeit.“

Im März 2001 gab das vierundzwanzigköpfige Gremium des Stiftungsrates seine Entschei-dung bekannt. Es hielt Wolfgang Wagners Tochter aus erster Ehe, Eva Wagner-Pasquier für die aus dem Kreis der Familie geeignetste, weil opernerfahrenste Bewerberin. Das Votum aber blieb folgenlos, da Wolfgang Wagner, gestützt auf seine auf Lebenszeit lautenden Vertrag als alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer der Festspiele GmbH, gar nicht daran dachte, seine Position aufzugeben. 

In diesem Sommer hat Wolfgang seine 29-jährige Tochter Katharina gewissermaßen in Bayreuth inthronisiert, jedenfalls als Regisseurin. Sie gab am Hügel ihr Debüt mit einer Meistersinger-Inszenierung, die die faschistische Rezeptionsgeschichte auf die Bühne brachte und für die sie mehr Buhs als Bravi erntete.  Nach einer beispiellos gelenkten Pressecampane, hat sich Katharina Wagner (in den Medien zum Fotomodell stilisiert) öffentlich als Nach-folgerin ihres Vaters ins Spiel gebracht:

O-Ton:  "Ich fühle mich zumindest dazu in der Lage. Mir geht’s nicht darum, dass ich mir n´ Festspielleitertitel an den Kragen stecken kann, sondern wenn, dann mach ich das aus ner Herzensangelegenheit raus. Und ich trau mir die Sache auch zu. Bloß dann müssen eben die Bedingungen auch stimmen. Und dann würde ich s machen, ja!"

Die umstrittene Regisseurin Katharina Wagner hat inzwischen fast ein halbes Dutzend Wagner- und andere Opern an verschiedenen Theatern inszeniert und assistiert der Bay-reuther Festspielleitung schon seit ein paar Jahren. Und doch: Was sind ihre Visionen? Kon-zeptionell hat Katharina Wagner wenig anzubieten. Ihre Vorstellungen sind diffus und keines-wegs originell.

O-Ton: "Als ich glaube, zunächst muß man in Bayreuth die Bereitschaft haben, auch ein ge-wisses Risiko einzugehen. Das wurde ja mit Schlingensieff getan. Und ich glaube, man muß auch im Orchesterbereich weitergehen, so daß man sagt, Herr Thielemann ist eine nicht wegzudenkende Größe, aber gleichzeitig kann man eben auch Dirigenten nehmen. nd dann wiederum sind an ´nem Punkt, der sehr interessant wird: Besetzung. Wenn das Orchester einen anderen Klang kriegt, kann man auch wiederum anders besetzen."

Katharina Wagner sorgt sich offenbar so sehr um den Erfolg ihrer Bewerbung, dass sie sich inzwischen gemeinsam mit dem Dirigenten Christian Thielemann und mit dem Komponisten Peter Ruzicka – er war bis 2006 Intendant der Salzburger Festspiele -  um die Nachfolge ihres Vaters bewirbt. Ein reines „Machtkalkül“, denn die wilde Hummel Katharina und der erzkonservative Dirigent haben völlig unterschiedliche Ansichten zu Wagner und zu Bayreuth. Thielemann soll lediglich als Garant dafür herhalten, dass Katharina nicht über die Stränge schlägt . Peter Ruzicka soll wohl seine Erfahrungen als Manager und Geschäftsführer in das Trio einbringen. Dem Berliner „Tagesspiegel“ gegenüber sagte Ruzicka: Zu allem anderen als Bayreuth hätte er Nein gesagt. Aber die Wagner-Festspiele seien ein Projekt von nationaler Bedeutung, und wenn man da helfen könne, dürfe man sich der Verantwortung für diese kostbare Ikone nicht entziehen. Auch Christian Thielemann zeigte sich über die Aussicht auf eine Zusammenarbeit mit dem ihm befreundeten früheren Intendanten der Salzburger Festspiele hocherfreut. Die Bild-Zeitung zitierte ihn: „Peter Ruzicka in unserem Team ist die Idealbesetzung. Etwas Besseres kann Bayreuth gar nicht passieren“.  Wobei zu bedenken ist, dass noch fast jedes Dreierdirektorien sich über kurz oder lang zerstritten hat.

 

Auch Nike Wagner, die um jeden Preis nach Bayreuth will, scheint nervös zu werden, denn sie hat inzwischen vorgeschlagen, die Bayreuther Festspiele gemeinsam mit ihrer Cousine, Eva Wagner-Pasquier zu führen. Die hat das Angebot einer Doppelspitze zur Leitung der Festspiele in der Presse allerdings entschieden abgelehnt.  Von der Nachfolgekandidatin Eva Wagner erfährt man fast nichts. Der Öffentlichkeit und der Presse verweigert sie sich. Anders Nike Wagner:

 

O-Ton: "Ich habe Ende der Neunzigerjahre schon einmal ein Neuanfangskonzept für Bayreuth vorgelegt. Insofern weiß man, wer ich bin, was ich gemacht habe, wie ich denke, in welcher Weise ich für Erneuerung einstehe. Und was ich darunter verstehe. Insofern bin ich wählbar, sagen wir, nicht? Ich habe über Wagner gearbeitet, auf dem intellektuellen Gebiet, ich habe mir Wagner angeeignet. Ich leite heute ein Kunstfest, das auch ein Musikfest ist, und in erster Linie ein musikfest ist, also von der sogenannten Eignung her: warum nicht?"

Aber warum? Es geht bei der Besetzungsfrage des Chefsessels der Bayreuther Festspiele einzig und allein um künstlerische Erfahrung im Opernmetier, Professionalität, Unabhängigkeit von Familieneitelkeiten und theaterpraktische Kompetenz, um nichts anderes! Deshalb ja eben moniert Nike Wagner zurecht den jetzigen Zustand Bayreuths:

O-Ton: "Heute wird es immer offenbarer, dass die Festspiele von den beiden Frauen geführt werden, von Gudrun Wagner, die dezidiert nicht gewählt wurde, vom Stiftungsrat, mit guten Gründen, und von der Tochter Katharina. Ein etwas gespenstisches, fast Shakespearesches Szenario, daß der hinfällige alte Mann sozusagen links und rechts von Tochter und Frau sozusagen aufrecht erhalten wird, damit er weiterhin die Hand hebt oder Unterschriften gibt." 

Bisher hat der Stiftungsrat mit seinen 24 Stimmen Wolfgang Wagner gegenüber immer wieder klein beigegeben. Am 6. November will er zu seiner nächsten Sitzung zusammentreten. Ob er die Nachfolgefrage aufs Tapet bringt, weiß man nicht. Es besteht allerdings dringender Hand-lungsbedarf. Denn Wolfgang Wagners Alter und seine inzwischen arg angeschlagene Gesund-heit geben zu denken! Längst – so pfeifen es die Spatzen von den Bayreuther Dächern – hält die Wolfgang-Gattin und Katharina-Mutter Gudrun die Zügel des Festivals in Händen. Und das künstlerische Niveau der Bayreuther Festspiele läßt zu wünschen übrig. Überall sonst in der Opernwelt hört man inzwischen bessere Sänger als in Bayreuth. Auch an großen Diri-genten mangelt es im Festspielhaus und seit Chéreaus „Ring“ 1976 sind auch bedeutende Regisseure  in Bayreuth Mangelware. 

Vor wenigen Tagen, am 29. Oktober hat der Ehrenpräsident der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth, Edgar Hilger der Illustrierten "Bunte" Rücktrittsforderungen an den 88-jährigen Festspielleiter Wolfgang Wagner erhoben. Da Wolfgang Wagner gesundheitlich stark beeinträchtigt ist, sich aber bisher geweigert hat, seinen lebenslangen Vertrag als Festspiel-leiter zu beenden, wird bereits offen darüber diskutiert, ob er für geschäftsunfähig erklärt und damit abgesetzt werden solle. Denn nur bei "uneingeschränkter Geschäftsfähigkeit" gelte Wagners Vertrag auf Lebenszeit. Im übrigen seien die Festspiele  nicht im Privatbesitz der Familie Wagner, so Hilger:  

Zitator: "Wolfgang Wagner führt schon seit einiger Zeit die Festspiele aufgrund seines gesundheitlichen Zustandes nicht alleine. Das aber ist die Voraussetzung des Pachtvertrags mit dem Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele, der damit erloschen ist."

Wolfgang Wagner hatte stets die Finanzen seines Hauses im Griff. Doch seit seine Frau am Grünen Hügel Gudrun das Sagen hat, haben sich die Verhältnisse geändert. Der Vorsitzende der „Gesellschaft der Freunde Bayreuths“ meldete schon für 2006 einen Fehlbetrag des Festspielbetriebs von rund 1,65 Millionen Euro. Die Mäzenatengesellschaft wolle dieses auch für 2007 und 2008 zu erwartende Defizit zwar ausgleichen.  Hilger sagte dazu aber wörtlich:

Zitator: "Wir können nicht auf Dauer die Misswirtschaft der derzeitigen tatsächlichen Festspielleitung ausgleichen".

Der Stiftungsrat tagt nun am 6. November und hat Wolfgang Wagner geladen. Ein Mitglied, das nicht genannt werden wollte, sagte dem Magazin "Bunte", wenn der 88-Jährige sich krankheits­halber entschuldigen ließe,

Zitator:  "werden wir uns das nicht gefallen lassen und ihn wieder und wieder vorladen. Das unwürdige Versteckspiel mit einem offensichtlich kranken Mann, das da mit ihm getrieben wird, muss aufhören."  

Toni Schmid, Vorsitzender des Stiftungsrates und Ministerialdirigent im Bayerischen Kunst-ministerium, erwartet sich von der Sitzung am 6. November allerdings keine Entscheidung über die Nachfolge in Bayreuth. Doch es besteht dringender Handlungsbedarf! Die ent-scheidende Frage lautet: Wird sich der Stiftungsrat weiterhin erpressen lassen? Und Wolf-gangs Tochter Katharina – in welcher Konstellation auch immer – zur künftigen Chefin nominieren? Denn nur unter dieser Voraussetzung würde Wolfgang ja von seinem Vertrag zurücktreten. Aber verspricht Katharina eine Zukunft Bayreuths? Ihre mangelnde musika-lische Urteilskraft,  ihr mangelndes Vertrauen in das Werk Richard Wagners, aber auch ihre verquasten konzeptionellen Vorstellungen lassen eher Schlimmes befürchten. Der Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele kann sich diesen Zweifeln gegenüber nicht verschließen. Aber wird er gegen Wolfgang Wagner und seinen lebenslangen Vertrag revoltieren? Ihn zum Aufgeben zwingen oder ihn entmündigen lassen? Wohl kaum angesichts seiner Lebensleistung Und so steht zu befürchten, dass alles beim alten bleiben wird. Dass der Stiftungsrat auf Zeit spielt und die Entscheidung einfach aussitzt. Bis Wolfgang Wagner das Zeitliche gesegnet hat. Dann nämlich könnte der Stiftungsrat völlig frei einen Nachfolger küren. Und der müsste nicht einmal aus der Familie stammen. Das wäre vielleicht die beste Lösung. Der Stiftungsrat ist um seine Entscheidungsfindung  nicht zu beneiden