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Dieter David Scholz

 

Primadonna mit Mutterwitz
Montserrat Caballé wird 75 

 

Sie wurde nach der Heiligen Jungfrau des Klosters Montserrat in Barcelona benannt, und sie ist eine der letzten großen Primadonnen: die katalanische Sopranistin Montserrat Caballé. Die einzige Primadonna vielleicht, die es an Popularität und Geschäftstüchtigkeit mit den drei Tenören aufnehmen kann. In den Sech­ziger- und Siebzigerjahren war sie eine gefeierte Belcanto-Sängerin auf den großen Bühnen der Welt. Seit Ende der Achtzigerjahre beschränkt sie sich mehr und mehr aufs Plat­tengeschäft und aufs Konzertpodium.  Wobei sie auch Ausflüge in die Popbranche nie scheute. Am Samstag, de 12. April feiert sie ihren  70sten Geburtstag.

 

 Als Montserrat Caballé am 20. April 1965 an der Mailänder Scala Norma sang, standen Publikum und Fachleute Kopf. Man sprach von einer zweiten Callas. "La Superba", die Unübertreffliche wurde sie fortan genannt.

"Wissen Sie, das Etikett bleibt draussen vor meiner Türe, das hat gar nichts zu tun  mit mir“

Ihr Start in die Weltkarriere war steil von dem Moment an, als sie 1965 für die erkrankte Marilyn Horne in der New Yorker Carnegie Hall als Lucrezia Borgia einsprang. Nun singt sie bereits seit beinahe 50 Jahren, wenn auch inzwischen mehr auf dem Konzertpodium als auf der Opernbühne. Auch wenn ihre Kraft naturgemäß nachließ, sie hat sich sehr lange ihre Piano- und Legatokultur, aber auch ihr unverwechselbares Timbre erhalten. Ihre profunde Gesangstechnik lernte Montserrat Caballé am Konservatorium des Liceo in Barcelona. Das Kind armer Eltern wurde gefördert von einer der reichsten Familien Barcelonas, um bei der ungarischen Gesangspädagogin Eugenia Kemeny zu studieren.

"Sie sagte: Singen ist wie laufen, man muß ein gutes Depot haben und man muß wissen, wie man sich dieses Depot bewahren kann. Aber vor allem muß man dafür sorgen,, dass immer genug Luft bleibt für die letzten 50 Meter“

Ihr erstes Engagement fand die Caballé mit 23 in der Schweiz, sie sang zunächst kleinste Rollen am Stadttheater in Basel, bevor sie für eine Kollegin einspringen und große Partien singen durfte, nebenher arbeitete sie als Serviermädchen, weil das Geld nicht reichte. Und doch bekennt sie heute rückblickend:

"Es war wirklich eine schöne Zeit für uns Anfänger. Es war eine Basis, wir wurden gefördert, warengut aufgehoben und wir hatten Freude an der Arbeit. Das ist heute nicht selbstverständlich. Aber ich sagte mir eines Tages: Basel nur ein Training, und jetzt muß ich loslegen"

Nach drei sehr harten Lehrjahren in Basel ging Montserrat Caballé nach Bremen. Am dortigen Stadttheater erarbeitete sie sich ihr gesamtes Repertoire, mit dem sie in Zukunft auf den Bühnen der Welt ihre Erfolge bestreiten sollte. Als Montserrat nach drei Jahren Bremen verließ, hatte sie sich 42 Partien angeeignet.

"Nach Bremen wusste ich, was ich wollte, was ich darf und was ich nicht darf. Das war die Voraussetzung, um in die weite Welt zu gehen.“

Die Caballé war geradezu süchtig nach Singen. Singen war für sie Ausdruck von Lebensfreude. Und es hatte für sie immer etwas Erotisches:

„Wenn Du auf die Bühne gehst, Du gehst zu einem Geliebten“

Nach iherer Lucrezia Borga in New York und nach ihrer sensationellen Norma an der Mailänder Scala 1965 wurde Montserrat Caballé zu einer der gefragtesten Belcanto-Sängerin. Seither war sie an den ersten Opernhäusern der Welt zuhause. Sie verkörperte neben Wagner-, Strauss-, Verdi-, Puccini- und Mozartrollen eine stattliche Anzahl von Bellini- und Donizetti-Partien beispielhaft, und das auch auf Schallplatte bzw. CD.

"Belcanto ist mehr eine Expression auf einfache musikalische Linien, die begleitet ist von einem leichten Orchester, normalerweise. Aber es gibt auch komplizierte, wie beispielsweise Semiramide bei Rossini oder Il Pirata bei Bellini. Belcanto ist nicht artifiziell. Es ist ein Stil der Zeit. Ich habe zwar viel Belcanto gesungen. Aber ich bin keine Belcantospezialistin. Ich habe nur Geschmack. Es ist für mich eine große Freude gewesen, viele Opern von Donizetti erstmals wiederaufzuführen  in unserem Jahrhundert.“

Die Zeit ihrer legendären Opernauftritte ist inzwischen passé. Dafür ist "La Superba" fast so etwas wie ein Kultstar geworden: eine der letzten Primadonnen, die noch immer Konzert- und Opernhäuser, Marktplätze, Freiluft-Treppen und Arenen mit ihren Gastspielen zu füllen vermag, auch wenn ihre Stimme nicht mehr das ist, was sie einmal war. Berührungsängste mit Pop-Musik und kommerzieller Massenkultur hat Montserrat Caballé übrigens nie gehabt. Und sie wollte nie nur für das Klassik-Publikum da sein, sondern auch für ein junges und nicht nur an Klassik interessiertes. Deshalb auch singt sie seit Jahren Crossover-Programme:

"Dieses andere Publikum zu vergessen, das tut mir weh. Ich finde, ich muß in diesen meinen letzten Jahren zeigen, daß ich die auch liebe. Und vielleicht gewinne ich so durch die Hintrtür den einen oder anderen jungen Menschen für Verdi oder Mozart oder Donizetti."

Spätestens seit der Zusammenarbeit mit Freddy Mercury 1992 zur Eröffnung der Olympi-schen Spiele in Barcelona hat die Diva die strenge Trennung von U- und E-Musik  aufge-hoben. Opern-Talmi, Juwelen-Glanz und Primadonnentum gehören zum Image der humorigen Sängerin, wie ihre selbstbewusst zur Schau gestellte Leibesfülle, viel Herz und Mutterwitz. Das eben kommt über die Rampe, wenn sie auftritt. Zwar denkt sie noch nicht ernsthaft an Abschied, aber ihre Auftritte werden weniger. Im übrigen nimmt sie das Leben, wie es kommt:

"Es gibt graue Tage und sonnige Tage. Aber man muß alle Tage lieben!“

Beiträge für SWR, MDR

 

Die nächsten Auftrittsdaten von Montserrat Caballé:
 

Geburtstagsgala mit Montserrat Caballé:
20. April 2008, 20 Uhr Philharmonie Essen

25. April 2008, Alte Oper Frankfurt am Main
27. April 2008, 19.00 Uhr Nürnberg, Kleine Meistersingerhalle
8. Mai 2008, 20.00 Uhr Berlin Philharmonie
10. Mai 2008, 20.00 Uhr, Heilbronn, Festhalle Harmonie