Dieter David Scholz

Felix-Mendelssohn-Bartholdy
Neue Mendelssohn-Literatur zum 200. Geburtstag

Der zweihundertste Geburtstag Felix Mendelssohns ist der erste große Gedenktag des neuen Jahres 2009. Natürlich habe es sich die Verlage nicht nehmen lassen, aus diesem Anlass allerhand Publikationen über den großen deutsch-jüdischen Komponisten und Dirigenten auf den Markt zu bringen. Eine kleine Blütenlese: 

Wer kennt ihn nicht, den romantischen Sinfoniker Mendelssohn, seine Sinfonien, seine Sommernachtstraum-Musiken, seine Klavier- und Violinkonzerte und seine Oratorien. Aber dann hört es meist schon auf mit dem Wissen um Mendelssohns Werke, zu schweigen von seiner Persönlichkeit und seiner Vita. Obwohl die Mendelssohn-Forschung und –Literatur  in den letzten drei Jahrzehnten einen großen Sprung nach vorn gemacht hat, bleiben nicht wenige Details der Biographie des Komponisten zu klären, auch weite Bereiche seines musikalischen Oeuvres harren noch ihrer Wiederentdeckung. Und viele Impulse, die vom Komponisten  Mendelsohn ausgingen,  sind bisher übersehen worden. Vor allem aber wartet die Fülle der Korrespondenz Mendelssohns bis heute auf eine systematische Erschließung. Auch der Men-delssohn-Forscher Hans-Günter Klein beklagt dies:

Ein besonderes Versäumnis in der Mendelssohn-Literatur ist das Fehlen einer Brief-ausgabe. Das ist ja eine Situation, die das Forschen sehr unangenehm macht, weil man in sehr vielen separaten Veröffentlichungen nachschlagen muß. Und man stößt immer wieder auf die Tatsache, dass man einen ganz bestimmten  Brief übersieht, weil er an einer ganz entlegenen Stelle  veröffentlich ist. Es soll ja jetzt eine Briefausgabe erscheinen und wir hoffen, dass sie erscheint, und dass sie dann auch bis zu Ende weitergeführt wird.

Immerhin: im Reclam Verlag ist jetzt die vor 6 Jahren bereits auf Englisch erschienene Mendelssohn-Biografie des amerikanischen Musikwissenschaftlers Larry Todd auf Deutsch erschienen. Ein Buch, das die Mendelssohn-Biografik auf eine neue Basis stellt, denn akribischer als Todd hat bisher niemand die Quellen - darunter die 5000 von Felix Mendels-sohn überlieferten, größtenteils ungedruckten Briefe - gesichtet. Todds Buch führt vor Augen, wie ungemein vielseitig Felix Mendelssohn als Komponist gewesen ist. Er listet chronologisch Werk für Werk auf, klopft es nach stilistischen Einflüssen ab, analysiert es thematisch, ordnet es in die Zeit ein und entwirft so - basierend auf seiner lebenslangen Beschäftigung mit Men-delssohn, mit seiner Musik, seinen Autographen, Briefen, Tagebüchern und Zeichnungen - ein detailreiches Bild des Komponisten und seiner Zeit. Beginnend mit der Familiengeschichte und den Lehrjahren des Wunderkinds schildert er das Leben des legendären Pianisten und weit gereisten Dirigenten, des Wiederentdeckers Bachs und  des Komponisten eines stau-nenswert vielfältigen Oeuvres, aber auch des begnadeten Dirigenten, Klaviervirtuosen und Lehrers, der zugleich als Zeichner und Altphilologe tätig war und eine bemerkenswerte, vielsprachige Bekanntschaft mit der kulturellen Elite seiner Zeit pflegte.

In keiner bisherigen Mendelssohn-Biographie erfährt man so viel wie bei Larry Todd:  über die umfassende Neugierde des von seinem Vater materiell, von Zelter und Goethe ideell geförderten Wunderkindes, über seine Anfänge in Düsseldorf, seine Italien- und England-reisen, seine Berufung zum Königlich Preußischen Kapellmeister und über die Krönung seiner Karriere als Gewandhauskapellmeister in Leipzig, der nicht nur ein Anwalt der eigenen, sondern auch der anderen und neuen Musik war. Auch über Mendelssohns relativ fort-schrittliche politische Ansichten und sein unverkrampftes Verhältnis zu den Religionen wird man gewissenhaft informiert, über Mendelssohns bekennenden Protestantismus, aber auch sein Bekenntnis zum Judentum seiner Vorfahren, mit dem er selbst so gut wie nichts mehr zu tun hatte. Er war schließlich ohne jüdisches Bewußtsein, Brauchtum und Religionswissen aufgewachsen und hat nie eine Synagoge betreten.  Die mit einem gewaltigen Anmer-kungsapparat versehene Biographie von Larry Todd ist ohne Frage die bisher sorgfältigste und umfassendste Darstellung des nur 38 Jahre kurzen Lebens und Schaffens Mendelssohns: Ein neues Standardwerk.

Wer nicht die Zeit und die Muße hat, sich durch die 800seitige Biographie Larry Todds hindurchzuarbeiten und eine knappe, aber präzise und sachliche Darstellung von Leben und Werk Mendelssohns sucht, der wird mit einer neuen Rowohlt-Monographie von Martin Geck bestens bedient. Auf 160 Seiten gelingt es dem renommierten Musikwissenschaftler, anschaulich und  verständlich für Jedermann, ein faszinierendes Mendelssohn-Panorama zu entwerfen, in Wort und Bild. A propos: wer den hochbegabten Zeichner Mendelssohn kennen lernen möchte, der kann jetzt zum ersten Mal sein (von Hans-Günter Klein heraus-gegebenes) Schweizer Skizzenbuch einsehen.

Es ist als  Kopie des Originals im Ludwig Reichert Verlag erschienen. Mendelssohn hat dieses Skizzenbuch anlässlich seiner Reise nach Lausanne am Genfer See als eine Art zeichnerisches Tagebuch angelegt. Auch im außerordentlich prachtvoll gestalteten und aufwendig gedruckten Mendelssohn-Almanach, der beim Henschel Verlag erschienen ist, lernt man den Zeichner und den Maler, den Briefeschreiber und den Privatmenschen Mendelssohn kennen, der (wie man in einem der abgedruckten Briefe erfährt) am liebsten Dampfnudeln und Rahmstrudel aß. Herausgegeben wurde  dieser schöne Almanach, das optische Highlight der Neuveröffentlichungen zum Gedenkjahr Mendelssohn, im Auftrag der Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung vom Mendelssohn-Spezialisten Hans-Dieter Klein:

Dieser Almanach richtet sich an den allgemeinen Musikfreund, der nicht allzu viel Zeit  hat, eine umfangreiche Biografie zu lesen. Die Idee war, für jeden Tag im Jahr ein quasi Kalenderblatt zusammenzustellen, in  dem entweder ein Bild, das sich auf dieses Datum bezieht, veröffentlicht wird, oder aber ein Briefausschnitt oder ein Zeugnis Dritter über Mendelssohn, so dass sich mosaikartig ein Gesamtbild  zusammensetzt.

Beitrag in: Deutsche Welle International.  3. 2. 2009

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Rezension DLR Berlin, 6.02.2009, 9.35 Uhr

 

Nicht nur Darwin oder  Edgar Allan Poe werden in diesen Tagen gefeiert, sondern auch der Geburtstag eines großen Musikers. Es ist ebenfalls ein zweihundertster Geburtstag, am 3. Februar 1809 wurde Felix Mendelssohn-Bartholdy geboren. Wir würdigen ihn natürlich umfassend ihn auf unseren Musik-Strecken, jetzt aber wollen wir Ihnen ein entsprechendes Sachbuch nahe legen: die große Felix Mendelssohn-Bartholdy-Biographie des ame-rikanischen Musikwissenschaftlers Larry Todd – im Original ist sie vor sechs Jahren erschienen, und pünktlich zum Jubiläum liegt nun dieses mit fast 800 Seiten voluminöse Werk in deutscher Übersetzung vor – im Studio ist der Kritiker Dieter David Scholz – diese Bio-graphie wird jetzt schon als Meilenstein der Mendelssohn-Biographik gepriesen – „Sein Leben. Seine Musik“ heißt es im Untertitel – beides ist ja äußerst reich, obwohl Mendelssohn nur 38 Jahre alt wurde –

 

1. Wie verteilt der Autor denn die Gewichte von Leben und Werk?

Man erfährt genauso  viel über Mendelssohns Leben wie seine Musik.  Todd geht chronolo-gisch vor. Er verwebt Entstehungsgeschichte der Werke, Werkdarstellung und –Analyse mit der Biographie, der Lebensbeschreibung also, die  in Hamburg bzw. Berlin beginnt, und dann über Düsseldorf, über England schließlich nach Leipzig führt, wo Mendelssohn Gewandhaus-kapellmeister wurde und auch gestorben ist. In drei großen Kapitel, breitet er Jugend und Ausbildung, Wanderjahre und den Karriere­höhepunkt vor dem Leser aus, also die letzten zehn Berliner und vor allem Leipziger Erfolgsjahre des so früh – nämlich mit 38 Jahren – Ver-storbenen.

Larry Todd gelingt es, nicht hur ein familien- und entwicklungsgeschichtliches Lebens-Pano-rama von  Felix Mendelssohn auszubreiten, sondern auch der ihn umgebenden Zeit mit ihren Persönlichkeiten, gesellschaftlichen Bedingungen und kulturellen Querverbindungen. Und in dieses Panorama eingebettet stellt Todd sehr prä­zise das musikalische Werk von Felix Men-delssohn dar, in seiner Entstehung und Wirkung. Und besonderen Wert legt Todd auch auf das bildkünstlerische Werk Mendelssohns, das ja meist vernachlässigt wird. Er war ein sehr begabter Zeichner und Aquarellist. Und viele seiner Arbeiten sind in dem Buch auch abge-bildet.

 

2 Welche Quellen sind für Larry Todd maßgebend?

Larry Todd hat unzweifelhaft die umfangreichsten Quellenstudien getrieben, die je ein Men-delssohn-Biograph aufgewendet hat. Er hat vor allem die tausende von Briefen Mendelssohns gesichtet, die ja bis heute nicht in ediert sind. Mendelssohns Korrespondenz  ist natürlich eine Quelle allererster Güte. Er hat sich sein ganzes Professorenleben lang in den in Sachen Men-delssohn maßgeblichen Archiven der Welt herumgetrieben, hat alle nur erdenkliche Mendels-sohn-Literatur verwertet, kennt sein Werk – und das ist ja nicht nur ein musikalisches, son-dern auch zeichnerisches und malerisches, sehr genau und er kennt sich in den Familienver-hältnissen der Mendelssohns bestens aus. Was nicht unerheblich ist für eine angemessene Darstellung von Felix Mendelssohn. Also er hat auch familiengeschichtliche Forschungen angestellt. Immerhin ist Felix in einer der reichsten Berliner Familien groß geworden, er erhielt alle nur erdenkliche Förderung seines Talentes und seiner Karriere durch seinen Vater, den Bankier Abraham, und sein Vater hat ihm die besten Lehrer bezahlen können, viele Reisen zu den wichtigen Persönlichkeiten wie Goethe, Rossini und Meyerbeer. Als auch sozial- und mentalitätsgeschichtlich hat Todd aus dem Vollen geschöpft und las but not least kennt er auch das gesamte musikalische Werk, das ja bis heute nicht komplett veröffentlicht, und schon gar nicht aufgeführt wurde.  Ein angehängtes Verzeichnis der Werke Mendelssohns macht das deutlich. 

 

3. Lassen Sie uns ein Beispiel herausgreifen für die Arbeitsweise des Biogra­phen: Wie geht Todd mit dem Judentum des Felix Mendelssohn-Bartholdy um?

Larry Todd geht gerade mit diesem heiklen Thema sehr differenziert um. Er stellt einerseits die familiengeschichtliche Herkunft Mendelssohns von dem Religionsphilosophen Moses Mendelssohn sehr ausführlich dar, aber auch die Tatsache, dass Felix überhaupt nicht mehr mit jüdischer Religion, mit jüdischem Brauchtum oder Alltagstraditionen aufgewachsen ist. Er wurde ja auch nicht mehr in den jüdischen Gemeinden von Hamburg (wo er geboren wurde) und Berlin angemeldet. Felix Mendelssohn ist von Geburt an protestantisch aufgewachsen, und er war ein gläubiger Protestant. Aber Todd macht auch deutlich, dass Mendelssohn sich sehr wohl seiner Abstammung bewusst war und mit viel Sympathie, zu dem Judentum seiner Väter und Großväter stand. Man erfährt, dass er überhaupt ziemlich liberale Ansichten zu Religion und Politik hatte.

Der zweite wichtige Aspekt bei diesem Thema ist die Assimilationsfrage. Todd zeigt auf, dass Felix Mendelssohn nicht nur einer der bedeutendsten Komponisten der Goethe-Zeit war, sondern vor allem der erste deutsche jüdische Komponist und Dirigent, dem die volle gesell-schaftliche Integration gelang, dass sich an seiner Karriere und seiner Wertschätzung der Er-folg der Aufklärung und der Integration der Juden in Deutschland im 19. Jahrhundert bei-spielhaft ablesen läßt.

Und der dritte wichtige Aspekt dieses Komplexes ist der der Wirkungsgeschichte: Todd er-klärt deutlicher als alle bisherigen Mendelssohn-Biographen, dass Felix schon zu Lebzeiten zum „Klassizisten“ abgestempelt wurde, von den Romantikern. Sie warfen seiner Musik  im Wesentlichen Epigonentum, Formalismus, Traditionalismus und Redundanz vor. Und das ge-schah, wie Tod betont, schon vor Richard Wagner. Seine Mendelssohn-Kritik war insofern natürlich besonders schlimm, als sie antisemitisch argumentierte, und nicht nur musikalisch.

Aber Todd  nennt noch einen weiteren wichtigen Aspekt, den viele vernachlässigen, nämlich die britische Gegenreaktion auf den Viktorianismus am Ende des 19. Jahrhunderts, der auch Mendelssohn zum Opfer fiel, denn er war als Intimus von Queen Victoria und Prinz Albert natürlich  unwiderstehliche Zielscheibe. Daran konnten dann die Nationalsozialisten anknüp-fen. Sie konfiszierten ja nicht nur die materiellen Güter der weitverzweigten Mendelssohn-Nachfahren (einschließlich der Mendelssohn-Bank), sie verboten auch die Musik Felix Mendelssohns. Und davon hat sich der Ruf Mendelssohns und seiner Musik – wie Todd sehr deutlich betont - bis heute nicht so ganz erholt, jedenfalls in Deutschland.

 

4. Es gibt nun schon eine reichhaltige Literatur über den Komponisten – diese auch nun sehr umfängliche Biographie, wie lässt sie sich innerhalb der Mendelssohn-Forschung einordnen?

In keiner bisherigen Biografie erfuhr man so viel wie bei Larry Todd. Er hat mit diesem 800-Seiten-Wälzer eigentlich alles überboten, was man bisher an Mendelssohn-Literatur vorfand. Nicht nur in seiner Sachlichkeit und Gründlichkeit, sondern vor allem in der Informationsfülle und im Materialreichtum. Und er ist natürlich auf dem aktuellen Stand der Mendelssohn-For-schung, die ja gerade in den letzten Jahren große Sprünge nach vorn gemacht hat. Larry Todd hat mit diesem Buch ja auch gewissermaßen die Summe seiner lebenslangen Mendels-sohn-Forschungen gezogen. Es ist, ich glaube, man darf das ohne Übertreibung jetzt schon sagen, das neue Standardwerk, das die Mendelssohn-Biografik auf eine neue, umfassende  Grundlage stellt. Schon das angehängte Werk-, Personen-, Orts- und Sachregister ist außer-ordentlich wertvoll, ganz zu schweigen von  einem überwältigenden Literaturverzeichnis und einem Respekt gebietenden, fast 200-seitigen Anmerkungsapparat, der für den, der tiefer eindringen möchte in Mendelssohns Leben und Werk von großem Wert ist. Keiner, der sich für Mendelssohn interessiert, kommt an diesem Buch vorbei.

 

5. Amerikanische Autoren rühmt man oft für ihren flotten, lesbaren Stil – wie ist das in diesem Fall, ist das eine Publikumsbiographie oder doch eher etwas für den Kenner?

Ich würde sagen, diese Biographie ist für beide Leser-Adressaten geschrieben, sowohl für ein breites, an Mendelssohn und seiner Musik interessiertes Publikum von Musikliebhabern, als auch für den Kenner. Aber auch der Fachmann (Musiker, Student, Wissenschaftler) wird in dieser gewaltigen material- und anmerkungsreichen Biographie Neues entdecken, vielfältige Anregungen bekommen und weiterführende Hinweise. Das  Buch ist anspruchsvoll, ganz klar, es setzt ein gewisses Wissen über Musik voraus, wer kauft sich sonst schon so ein Buch. Aber Larry Todds Biographie ist keineswegs akademisch oder trocken geschrieben, sondern sehr lebendig, anschaulich und sogar mit einigem Witz und gelegentlich feiner Ironie. Ein Lob auch an die Übersetzerin Helga Beste.

 

Danke Ihnen, Dieter David Scholz über „R.Larry Todd: Felix Mendelssohn-Bartholdy – Sein Leben. Seine Musik“ – jetzt im Reclam-Verlag auf deutsch erschienen, in der Übersetzung von Helga Beste – 797 Seiten zum Preis von 49 Euro 90 – und wie gewohnt lesen Sie diese Angaben sowie die Einschätzung unseres Kritikers auf unseren Buchseiten nach: www.dradio.de – dort unter der Rubrik „Kritik“.