Dieter David Scholz

Buch-Besprechung

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 Neue Mahler-Literatur

 

 

Zwei Gesprächsrunden in MDR Figaro am Nachmittag, 6.7.2010.Moderatorin:  Rachel Gehlhoff

Zur Sprache kommen:

Jens Malte Fischer: Gustav Mahler. Der fremde Vertraute. Bärenreiter /dtv, 99 S., 26,90 Euro

Gustav Mahler. Verehrter Herr Kollege! Briefe an Komponisten, Dirigenten, Intendanten. Herausgegeben von Franz Willnauer. Zsolnay Verlag, 421 S., 44,99 Euro

 Gustav Mahler Handbuch. Hrsg. Von Bernd Sponheuer  und Wolfram Steinbeck. Metzler/Bärenreiter. 504 S., 64,95 Euro

Constantin Floros: Gustav Mahler. In der Reihe WISSEN bei C.H.Beck. 127 S., 8,95

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1. Gesprächsrunde

Gehlhoff: In den Siebzigerjahren  gab es eine Renaissance  des Komponisten Gustav Mahler. Seitdem wurde viel über ihn  geschrieben. Aus Anlass seines  hundertfünfzigsten Geburtstages  sind nun wieder eine ganze Reihe von Büchern über ihn erschienen. - Dieter David Scholz, Sie haben mit  dem  Blick  des Musikkritikers einige der Neuerscheinungen für uns begutachtet. Haben Sie sich , als sie  die ungelesenen Bücher noch vor sich hatten, nicht gefragt,  ob es denn  angesichts der Fülle des schon Erschienenen  wirklich noch Bedarf in Sachen Mahler gibt ?

Scholz: Natürlich, denn es ist ja schon sehr viel gesagt worden über Mahler. Vor allem in den beiden großen, umfassenden Standard-Biographien von Henry-Louis de la Granges  und Kurt Blaukopf. Nicht zu vergessen in dem Mahler-Buch von Theodor W. Adorno, das ja in den Sechzigerjahren überhaupt der Auftakt war für die Wiederentdeckung Mahlers und die geradezu kulthafte Mahler-Renaissance. Aber nicht jeder hat diese Werke im Küchen-schrank. Und nicht jeder hat die Muße und die Zeit, diese zum Teil doch sehr anstrengenden und zeitraubenden Werke zu lesen. Schon deshalb ist nach wie vor Bedarf an vermittelnder Literatur, zumal angesichts vieler populärer Veröffent­lichungen, die man nicht anders als fadenscheinig bezeichnen kann. Auserdem sind manche der großen Editionen auch in der Anschaffung sehr teuer. Um so erfreulicher ist es, dass das Buch von Jens Malte Fischer, das vor sieben Jahren zum ersten Mal erschienen ist, jetzt aus aktuellem Anlass – deutlich billiger und aktualisiert - als Taschenbuch herauskam: „Gustav Mahler. Der fremde Vertraute“ heißt es und das lohnt die Anschaffung wirklich.

Gehlhoff: Welchen Ansatz hat denn dieses Buch ?  Ist es eine Biographie, beschreibt es Mahlers Werk, oder ist es ein Resumée der Forschung über Gustav Mahler ?

Scholz: Es ist alles das, was Sie genannt haben zusammengenommen. Es ist eine unglaublich detailreiche Bestandsaufnahme des Wissens über Gustav Mahlers Leben und Werk. Jens Malte Fischer kennt sich in der Mahler-Forschung und –Literatur bestens aus und hat in einem überschaubaren Raum – aber auch immerhin auf fast 1000 Taschenbuch-Seiten – in chronologischer Reihenfolge  die biographische und künstlerische Vita des Komponisten, Dirigenten und Theaterleiters dargestellt. Unter Berücksichtigung aller gesellschaftlichen und politischen Zeitumstände. Ein kluges, ein gelehrtes, von viel Fleissarbeit zeugendes Buch. Es ist sehr informativ, zuverlässig, bestens kommentiert und mit exakten Quellenangaben. Das Buch hat wissenschaftlichen Anspruch. Aber es liest sich leicht und flüssig und ist gut verständlich für Jedermann. Wer sich dieses dicke Taschenbuch kauft, der ist bestens bedient in Sachen Mahler, wenn er sich gründlich und ausführlich mit Mahler beschäftigen will..

Gehlhoff: Wie wissen schon sehr viel über  den Musiker, Komponisten und Menschen Gus-tav Mahler. Gibt es denn überhaupt noch  Neues zu entdecken und mitzuteilen  über Ihn?

Scholz: Ja, Briefe beispielsweise. Nun gibt es natürlich die große Briefausgabe von Herta Blaukopf. Und andere mehr. Aber wer schafft sich die schon an? Und viele der tausende von Briefen Mahlers sind noch gar nicht ediert. Insofern ist die Ausgabe von Kollegenbriefen, die Franz Willnauer, auch einer der füh­renden Mahler-Experten, jetzt herausgegeben hat, hochwillkommen. Denn es sind 237 Briefe, die Mahler als Komponisten, Interpreten und Musik-Manager zeigen. Es ist also eine Auswahl ausschließlich beruflich veranlasster Korres-pondenz, die in dieser erstmaligen Zusammenstellung ein sehr facettenreiches Bild des Kom-ponisten, Dirigenten und Theaterleiters in Hamburg, Budapest Wien und New York liefert. Und darunter sind tatsächlich einige, die  hier zum ersten Mal veröffentlicht werden. Der Autor hat mit Bienenfleiß viele Archive und Sammlungen durch­stöbert.  Und ist fündig geworden.

Gehlhoff: Was erfahren wir denn in diesen Briefen?

Scholz: Wir lernen Gustav Mahler kennen als kompromisslosen Dirigenten, als fleissigen wie eigenwilligen, seiner Zeit vorauseilenden Komponisten, als knallharten Theaterdirektor wie als diplomatischen Geschäftsmann im Musikbetrieb kennen, aber auch als mimosenhaften Kom-ponisten und zartbesaiteten Menschen. Es wird also die ganze Spannbreite seines wider-sprüchlichen Wesens in diesen Briefen sichtbar. Aber es wird in ihnen auch deutlich, dass bei Mahler viele Fäden seiner Zeit zusammenliefen. Er hat ja mit nahezu allen großen Kompo-nisten, Dirigenten, Sängern und Theaterpersönlichkeiten korrespondiert, mit Bruckner, Dvor-ak, Strauss und Schönberg, aber auch mit Bruno Walter, Hans von Bülow und Cosima Wag-ner, um nur einige wenige Namen zu nennen. Und insofern spinnt dieser Briefband ein faszi-nierendes Netz der europäischen Theater- und Musiklandschaft aus der Perspektive Gustav Mahlers.

Gehlhoff: Welche Leser hatte denn der Herausgeber dieses Briefbandes im Sinn ?

Scholz: Diese Briefsammlung zielt trotz ihres höheren Anspruchs, mit Erstveröffentlichungen aufzuwarten, dennoch auf ein breites Publikum. Und dadurch, dass die Briefe chronologisch sortiert und mit erläuternden Einleitungs- und Zwischen­texten versehen sind, kann man diesen Briefband auch wie eine Biographie in Selbstzeugnissen lesen, oder auch wie ein farbenprächtiges Zeitbild des Fin de Siecle, der Jahrhundertwende also am Übergang zwischen 19tem und 20stem Jahrhundert. Es ist ein zeitgeschichtliches Lesebuch für Mahlerfreunde.

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2. Gesprächsrunde

Gehlhoff: Der hundertfünfzigste Geburtstag von Gustav Mahler steht an. Im Figaro Themen-tag geht es heute auch um neue Mahler-Literatur. In der vorigen   Gesprächsrunde haben wir sie schon angesprochen - die Rezeptionsgeschichte Gustav  Mahlers. Sie begann erst  etwa 50 Jahre nach seinem Tod , so um 1960.  Seither sind wieder  fünfzig Jahre vergangen,  in denen  die Mahler-Forschung fleissig  Leben und Werk des Komponisten erforscht hat. Gibt es denn, Dieter David Scholz, unter den Mahler-Neuerscheinungen ein Buch,  das  diese Re-zeptionsgeschichte Mahlers  im Blick hat ?

Scholz: Ja, und zwar das große Mahler-Handbuch, das jetzt bei Metzler und Bärenreiter erstmals erschienen ist. Mahler ist endlich handbuchwürdig. Und das, obwohl sein Werk bis heute nicht einmal einer historisch-kritischen Edition für würdig befunden wurde. Aber so er-geht es ja auch Richard Strauss. Diese Situation zeigt, wie schwierig der Umgang mit Mahler nach wie vor ist. Die Herausgeber Bernd Sponheuer  und Wolfram Steinbeck haben das unter Beteiligung von 22 einschlägig ausgewiesenen Autoren auch aufgearbeitet, indem sie die  besondere Rezeption Mahlers  zum Thema machen. Ein wesentlicher Teil des Buches ist der Rezeption Mahlers gewidmet, also der Musikkritik, der je nach Zeit sehr unterschiedlichen Wahrnehmung Mahlers, der Nachwirkung der Musik Mahlers auf die Komponisten und sogar der Auseinandersetzung des Mediums Film mit Gustav Mahler. Und das alles ist mit einem außerordentlichen nützlichen Register und mit einem Werk- und Personenverzeichnis versehen. Was den Wert eines Handbuchs ja ausmacht.  

Gehlhoff: Aber die Musik und die Biographie Mahlers kommen auch nicht zu kurz?

Scholz: Nein, ganz im Gegenteil. Alle Werke Mahlers werden in wirklich beispielloser Gründlichkeit vorgestellt und analysiert. Man erfährt alles über die Werke, was man immer schon wissen wollte, und man erfährt es, ohne erst in diversen Bibliotheksregalen nach-schlagen zu müssen. Auch über die musikalische Umge­bung Mahlers und seine Zeit erfährt man das Nötige, auch über die unterschiedlichen Interpretationsansätze wird man informiert und bekommt weiterführende Literatur- und sogar diskographische Hinweise. Für alle CD-Sammler also besonders wertvoll. Dieses Mahler-Handbuch ist – man kann es nicht anders sagen - ein vergleichsloses Kompendium des gegenwärtigen Wis­sens über Gustav Mahler, es dürfte ganz sicher das unverzichtbare Nachschlage-Standardwerk unserer Zeit werden.  

Gehlhoff: Ein Buch des Wissens zum  Nachschlagen, wohl vor allem für Mahler-Kenner oder Musikspezialisten. Was lesen wir aber, wenn wir uns kurzgefaßt und prägnant über Leben und Musik Gustav Mahlers informieren wollen?    

Scholz: Es gibt in der großartigen Reihe WISSEN des Beck Verlags einen Band von Constantin Floros. Auch er gehört zu den renommiertesten Mahler-Forschern. Und er hat in diesem kleinen Buch die konzentrierte Summe seines Lebenswerks in Sachen Mahler vorgelegt. In diesem kleinen Bändchen informiert er nun übersichtlich gegliedert und geradezu bewundernswert verdichtet, alles Wesentliche, was man über Mahler wissen sollte, um ihn zu verstehen. Wozu Floros vor Jahren in seiner dreibändigen Monographie rund tausend Seiten benötigte. Und das auf nurmehr 130 Seiten.

Gehlhoff: Das Werk Gustav Mahlers ist  schillernd, vielschichtig, widersprüchlich. Das auf 130 Seiten  zugänglich zu machen, scheint mir kühn. Gelingt das Constantin Floros?    

Scholz: Hervorragend, denn Floros charakterisiert nicht nur kurz und bündig die Musik  und die Werke Mahlers, diese patchworkartige Montagetechnik aus Instrumental- und Vokal-musik, Volks- und Kunstmusik, Trivialem und Tragischem, Ironischem und Pathetischem, aus bana­ler Lustigkeit und extremem Leid, mit permanenten Ausdrucks- und Tempowechseln, mit Entlehnungen, Zitaten und dem Nebeneinander von Gegensätzlichem. Floros porträtiert auch den Menschen Mahler, seine  böhmisch-mährische Kindheit als Sohn eines jüdischen Branntweinbrenners, den energischen Musikstudenten in Wien und die vielen Kapellmeister-Stationen seiner Wanderschaft, von Laibach, Olmütz, Kassel, über Prag, Leipzig, Budapest und Hamburg, bis hin zu Mahlers Karrieregipfel als Hofopernkapellmeister in Wien. Auch die Psychologie Mahlers kommt nicht zu kurz. So wird die keineswegs ungetrübte Ehe mit der mannstollen Salondame Alma Schindler nicht ausgespart.

Und Floros macht vor allem auf Mahlers inneren Wider­spruch von starker Triebhaftigkeit einerseits und ausgeprägter Weltfluchtsehnsucht aufmerksam, auf seine Muttersuche und sein missionarisches Auserwähltheitsdenken, auf Mahlers Leiden am Judentum, und die große Sehnsucht nach den christlichen Jenseitsversprechungen, die in seinen Symphonien allgegen-wärtig ist. Und vor diesem Hintergrund versteht der Leser – glaube ich - den Kerngedanken Mahlers recht gut, den Gedanken, der dem Hörer Mahlers symphonische Musik erst auf-schließt: "Die Symphonie muss sein wie die Welt. Sie muss alles umfassen." So hat Mahler selbst es einmal gesagt. Last but not least streift Floros auch noch die enorme Wirkungs-geschichte Gustav Mah­lers, der zu einer Vaterfigur der musikalischen Moderne wurde, von Arnold Schönberg über Luciano Berio und Luigi Nono bis hin zu Hans Werner Henze. Also ein toller Wurf, dieses kleine, preiswerte Bändchen

Gehlhoff: Ein Gustav Mahler-Buch also für alle, die Neuland erobern wollen, in der Beck-schen Reihe WISSEN von Constantin Floros. Dieter David Scholz, gibt es denn auch für visuell orientierte Leser etwas zum Anschauen, einen Photoband?

Scholz: Ja, aber das ist noch Zukunftsmusik. Im November soll im Salzburger Residenz Ver-lag ein opulent angekündigter Bildband, eine reich illustrierte „Lebensgeschichte in Orten“ er-scheinen, und das schon in Hinblick auf den 100sten Todestag Mahlers, der ja im nächsten Jahr zu feiern ist und möglicher­weise wieder eine kleine Flut an Neuveröffentlichungen mit sich bringt.

Gehlhoff: Wer so lange nicht warten will , der kann sich ja vielleicht den gerade angelau-fenen Film von Percy und Felix Adlon ansehen. Was meinen Sie zu dem Film?   

Scholz: Also mit Verlaub gesagt, ich bin mir da gar nicht so sicher, ob man sich diesen Film anschauen sollte, denn das Thema ist natürlich heikel. Es geht um die Untreue der etwas zweifelhaften Mahler-Gattin Alma. Szenen einer Ehe also. Da sind Platitüden und Klischees vorprogram­miert. Ich kann nur eingeschränkt über diesen Film urteilen, denn ich habe mir nur einen Trailer dieses Films angesehen, aber der ist für mein Dafürhalten nicht sehr vielver-sprechend. Und natürlich ist der Film,  wie schon Viscontis „Tod in Venedig“, mit dem zur gefühligen Sauce missbrauchten Adagietto aus Mahlers 5. Sinfonie übergossen. Aber wer Erotik und Frivolität im plüschigen Wiener Fin de Siecle-Ausstattungspomp mag, dem gefällt dieser Film vielleicht.

 

MDR Figaro