Dieter David Scholz

Erotik ist ein Selbstbetrug 

Alban Bergs:  „Lulu“ im Opernhaus Halle  am 5.02.2011

Thomas Bille:  Warum hat sich die Regisseurin Jasmina Hadziahmetovic für die zweiaktige Fassung der Oper entschieden, wo es doch inzwischen mehrere Rekonstruktionen des dritten Aktes gibt?

Dieter David Scholz: Nun, ich denke ihr Hauptargument für diese Entscheidung, nicht den nachträglich vollendeten dritten Akt – weder in der Fassung von Friedrich Cerha, noch in der von Eberhard Kloke zu spielen, ist ein konzeptionelles. Sie will die zweiaktige Fassung spie-len, die ja mit der Ermordung von Dr. Schön, ihrem ersten Mann, endet und nicht, wie der dritte Akt mit dem Mord an Lulu. Lulu ist für Jasmina Hadziahmetovic nicht die femme fatale, nicht die mordende Schlange, die am Ende selbst gemordet wird, sie will die meist gezeigte Geschichte vom Aufstieg und Fall einer skrupel­losen Frau nicht noch einmal erzählen. Son-dern sie will eher die Vorurteile und  Auffüh­rungs­konventio­nen dieser Oper infrage stellen.

Thomas Bille:  "Lulu" ist also in der Inszenierung von Jasmina Hadziahmetovic  keine Femme fatale, nicht die mordende Schlange, die am Ende selbst gemordet wird?  Als was aber wird sie denn dann dargestellt?

 

Dieter David Scholz: Lulu ist bei Jasmina Hadziahmetovic keine Lolita, kein Vamp, keine Sexbombe. Und schon gar keine kindhaft-erotisch naive Verkörperung der ewigen Lust.  Sie ist eher die  Inkarnation männlicher Phantasien. Jeder ihrer Männer bringt denn  auch die ei-gene Dekoration mit, um den Käfig der Begierde, den Hella Prokoph gebaut hat,  mit seinem Wunschszenario auszustaffieren.  Und im Wech­selspiel zwischen Gier und Lust, Schwäche und Abhäng­igkeit, Suchen und Schei­tern, ja zerbrechlicher Mensch­lichkeit und roher tie-rischer Triebhaftigkeit ist Lulu eigentlich eine Frau ohne Eigenschaften. Insofern ist diese Frau  ist mit Anke Berndt ideal be­setzt, weil sie der soubrettenquietschige Typ „eiskalte Sekre-tärin“ ist. Und nicht der einer vor Lust ex­plo­dierenden, männerverschlingenden, un-widerstehlichen Schönheit. Im Gegenteil, wenn Anke Berndt  immer wieder im fleisch-farbenen Nackttrikot vor aller Augen thea­tralische Theater-Kostüme wechseln muss, ist das eher grotesk als erotisch.  Begierde – so will uns die Regisseurin zeigen - ist reine Phantasie, nichts als grausames Spiel. Deshalb  läßt sie das Stück auch in einem großen Käfig spielen. Zu Beginn und auch am Ende tragen alle Personen Tiermasken. Der Tierbändiger führt als Konférencier und Spielleiter durch das Stück. Er stellt alle Charaktere mit ihren tierischen Entsprechungen vor, Männer wie Frauen. Eine beissende Parabel. Der Mensch ist und bleibt eben ein Tier. Und alles „eitle Streben ist ein Selbstbetrug“, um es mit Worten aus Brechts Dreigroschenoper zu sagen.  

Thomas Bille: Wie ist übrige das Ensemble rund um die "Lulu"-Sängerin und -Darstelle-rin Anke Berndt? Das Stück hat ja außer ihr noch 16 weitere Rollen?

Dieter David Scholz: Wobei ja einige Sänger in dieser Oper zwei Partien singen. Aber alle sind ausnahmslos gut besetzt worden. Eine tolle Ensembleleistung. Überwiegend hauseigene Sänger. Unter denen die Mezzosopranistin Ulrike Schnei­der als Gräfin Geschwitz gewisser-massen eine Luxusbesetzung darstellt. Auch Gerd Vogel als Dr.Schön ist fabelhaft. Ebenso der neue lyrische Tenor Ralph Ertl in den Partien des Alwa und des Kom­ponisten.  Und auch der neue junge Bassist des Opernhauses Halle, Christoph Stegemann, ist als Schigolch und Toerbändiger ganz ausgezeichnet. Eine sehr respektable Besetzung!

Thomas Bille: Karl-Heinz Steffens, der GMD der Staatskapelle Halle, hat selbst dirigiert.Kein leichtes Stück, auch musikalisch! Ist er mit der Inszenierung d´accord gegangen?

Dieter David Scholz: Ja, ich finde schon, denn er hat den Spagat zwischen dem schneidenden Konversationsstück und der fast mythischen Eros-Oper sehr überzeugend bewältigt. Er wird der Süße der Musik, die ja immer wieder neben serieller Sprödig­keit auch geradezu süchtig machende, romantische Passagen enthält, gerecht, und hält doch gleich­zeitig Distanz. So wie die Regisseurin zum Stück. Das geht gut zusammen. Und die Staatskapelle Halle spielt diese nervös-narkotische, sinnliche, erregte, aber auch sperrige Musik sehr präzise und klang-schön. Ein auch musikalisch sehr guter Abend.  

Frühkritik im MDR-Figaro, 07.02.2011, 08.40 Uhr