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Dieter David Scholz
Rezension/Besprechung in MDR Figaro 12.12.2011, 08.10 Uhr: „Das Liebesverbot“ in Meiningen als Anti-Nazi-Stück Premiere 10.12.2010
Moderator: Wie hat er dieses Konzept denn praktisch umgesetzt? Wagners Stück spielt ja schließlich im 16. Jahrhundert und im sizilianischen Palermo. Scholz: Richtig, das ignoriert der Regisseur aber großzügig und verlegt die Handlung stattdessen in die späten Zwanzigerjahre des 20.Jahrhunderts. Alle zwei Akte der Oper spielen vor der Fassade der unvollendeten Kongresshalle, die 1935 auf dem Reichspartei-tagsgelände in Nürnberg gebaut wurde. Hege Ullmann hat sie nachgebaut und Renate Schmitzer hat die Kostümierung besorgt. Die beiden haben auch „Maß für Maß“ ausgestattet. Leider sind es nicht gerade rauschhafte Kostüme der so genannten wilden Zwanzigerjahre, sondern eher matte Anleihen aus Otto Dix-Gemälden, die man da in Meiningen zu sehen bekommt. Und diese Gestalten ergehen sich auch nicht gerade in süditalienischem Karnevalsrausch, wie Wagner das vorschwebte, sondern tanzen doch eher nur einen müden Totentanz vor sich ständig drehender Naziarchitektur. Moderator: Richard Wagner hat das Shakespearestück ja genial vereinfacht zu einem Stück über die Frage, ob und wie Sinnlichkeit und Sexualität frei ausgelebt werden können, nicht wahr? Scholz: Ja, und er handelt dieses Problem ab am Beispiel der Verführbarkeit eines purita-nischen deutschen Statthalters durch eine junge italienische Nonne. Und der über-schäumende Karneval in Palermo, den Wagner zeigt und auch hörbar macht, ist Plädoyer für Anarchie und freie Sinnlichkeit ganz im Geiste der Emanzipationsbesterbungen des so genannten "Jungen Deutschland". Wagners Oper ist eine Kritik an der reaktionären Moral der Biedermeierzeit. Ein Affront auch gegen deutsches Wesen. Das kommt in Ansgaar Haags aufs Mittelmaß der Temperamente wie der Regiekunst reduzierter Inszenierung eindeutig zu kurz. Und wenn Haag im Schlussfinale Braunhemden als Banda aufmarschieren läßt und Nazis die Liebes-Revolutionäre niederknallen läßt, dann gleitet seine Inszenierung ab in das platte Bekenntnis „Nie wieder Faschismus“. Das ist nicht sonderlich originell und wirkt in diesem Stück einfach nur aufgesetzt. Moderator: Statt ausgelassen süditalienischem Karneval also ein Otto-Dix-hafter Totentanz vor Nazi-Architektur. Wie ging das denn mit der ausgelassenen - ganz italienisch anmutenden - Musik dieser frühen Wagner-Oper zusammen? Scholz: Nur sehr bedingt. Wagner zeigt sich ja in dieser seiner zweiten Oper, er war 22 Jahre alt, als er sie fertig geschrieben hatte, als temperamentvoller Heißsporn. Er wollte eine italienische Oper schreiben. Das ist ihm gelungen! Das "Liebesverbot" zeigt denn auch einen ganz anderen Wagner als den späten. Wagner hat souverän im Stile Bellinis, Donizettis und Rossinis komponiert, mit Anklängen auch an Auber. Das Ganze überhöht mit deutschem romantischem Orchestersatz. Was man hört ist etwas anderes, als man in dieser Inszenierung sieht. Immerhin hat der neue GMD des Meininger Theaters, Philippe Bach diesen vor jugend-licher Vitalität geradezu explodierenden Wagner mitreißend und voller Italianità zum Klingen gebracht. Und die Meininger Hofkapelle zeigt sich in Bestform.
Moderator: Ein Wort noch zur
sängerischen Besetzung dieser Aufführung: Moderator: Lohnt denn eine Anreise, um eine dieser beiden Inszenierungen zu sehen? Scholz: Also ich finde, "Das Liebesverbot“ lohnt eine Reise nach Meiningen. Schon, weil man es viel zu selten sieht. Eine unterschätzte große Oper.
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