Dieter David Scholz

Buchrezension


Lobhudelei von höheren Gnaden

 

Zur Eröffnung der diesjährigen Bayreuther Festspiele debütierte der "Startenor" Jonas Kauf-mann am „Grünen Hügel“. Passend zu diesem „Event“ ist nun eine wohlwollende „Biogra-phie“ des 41-jährigen Sängers erschienen. Der Titel: "Jonas Kaufmann. Meinen die wirklich mich?" Henschel Verlag. 176 Seiten. 19,90 Euro

Mit der Partie des Lohengrin debütierte Jonas Kaufmann vor wenigen Tagen im Bayreuther Festspielhaus. Der Traum eines jeden Sängers! Ebenso erstrebenswert ist es, einmal auf den Brettern  an der New Yorker Met zu stehen. Für Jonas Kaufmann verwirklichte sich dieser Traum vor 4 Jahren. Er sang den Alfredo in Verdis „La Traviata“, an der Seite von Angela Gheorghiu. Es war  der Auftakt seiner internationalen Karriere, die ihn seither an nahezu alle großen Bühnen der Welt führte. Als Jonas Kaufmann  am Ende der Traviata-Vorstellung vor den Vorhang trat, brach im Publikum ein regelrechter  Jubelsturm los und der 37-jährige Tenor  fragte sich: "Meinen die wirklich mich?" – Diese verwunderte Frage wurde zum Unter-titel des Buches von Thomas Voigt, das weniger Biografie, als eine Lobhudelei von höheren Gaden genannt werden muß, denn es ist nicht mehr und nicht weniger als eine Aneinander-reihung von superlativischen Interviews und Elogen auf den Tenor aus dem Munde von 12 Berühmtheiten, darunter Intendanten, Kritiker und Kollegen.

Der Intendant der New Yorker MET, Peter Gelb, nennt Jonas Kaufmann „Eine Klasse für Sich“, weil er gleichermaßen Verdi, Puccini, Mozart, Bizet und Wagner singe könne.  Der Sänger selbst meint dazu.


"Ich brauche einfach diese Abwechslung,  ich brauche die Herausforderung, weil ich möchte den Spaß an der Musik nicht verlieren."

Spaß hat nicht selten mit Erotik zu tun. Die Modedesignerin Gabriele Strehle, die den Tenor-Schönling Kaufmann einkleidet und ihn fotografiert,  bekennt denn auch in diesem Buch: „Wir setzen auf Erotik. Wir glauben an die Wirklichkeit der Phantasien und an die Suggestionskraft der Wünsche“. Jonas Kaufmann wird auf seinen CD-Covers denn auch wie ein Photomodell verkauft. Seine Hoffnung: 

"Ich würde mir wünschen, dass es irgendwann einen Tag gibt, wo gar kein Photo von mir drauf ist und die Leute die Platte trotzdem kaufen. "

Jürgen Kesting, der deutsche „Stimmen-Papst“ schlechthin, bezeichnet Jonas Kaufmann als „Ideal für gebrochene Charaktere“. Das kann man so oder so verstehen. Er bescheinigt ihm jedenfalls das Etikett „Top-Tenor der Welt“. Kaufmann  ist heute zumindest der gefeiertste deutsche Tenor. Angefangen hat er am Theater in Saarbrücken. Dort absolvierte er, wie man dem Buch von Thomas Voigt entnehmen kann, seine sängerischen Galeerenjahre. Seine wichtigste Erfahrung dort:

"Ich habe dort das Neinsagen gelernt, das war einfach ein Punkt, der ist wirklich ent-scheidend, dass man nicht das Gefühl hat, man ist dem Theater gegenüber verpflich-tet., man muß all das tun , aber letztlich dankt es einem niemand. In dem Moment wo die Stimme nicht mehr funktioniert, ist man  weg vom Fenster, und dann kommt der Nächste. "

Dessen ungeachtet singt Jonas Kaufmann viel, sehr viel, und wildert in allen Fächern. Er singt italienisches, deutsches, französisches Fach. Sein Terminkalender ist über Jahre ausgebucht. Der Tenor schont sich nicht. Erste Anzeichen stimmlicher Beschädigungen bzw. Überforderung sind bereits unüberhörbar.  – Aber schon nach seinen Jahren in Saarbrücken hatte Kaufmann eine schwerwiegende Stimmkrise. Dem Sänger Michael Rhodes hat er seine Rettung zu verdanken. Gesangslehrer Rhodes prophezeite ihm  schon 1995: „Du wirst einmal den Lohengrin singen!“. Er hat recht gehabt.

Der Tenor Jonas Kaufmann wird als Tenor-Superstar gehandelt und promotet. Ob vor Caspar David Friedrich-Hintergrund oder lässig in Jeans und Lederjacke. Ein singender Hans Dampf in allen Gassen. Das Buch von Thomas Voigt ist Teil der Marketing-Stategie derer, die an Kaufmann verdienen. Alles nur  Verehrer und Freunde von Jonas Kaufmann, versteht sich! Ein Buch von Kaufmann-Fans für Kaufmann-Fans. Kritische Töne vermisst man in diesem Buch. Alles nur eitel Sonnenschein. Merkwürdig, dass keiner seiner Freunde und Verehrer, die es doch alle so gut mit ihm meinen und so viel von Stimmen verstehen, ihn warnt, sich zu übernehmen. Immerhin gesteht Kaufmann in den  Interviews, aus dem das Buch über ihn vor allem besteht, seine sängerischen Ideale seien Fritz Wunderlich und Nicolai Gedda. Die haben aber – im Gegensatz zu Kaufmann – kluge Singökonomie betrieben und ein schmales Repertoire gesungen, haben sich beschränkt auf das, was der eigenen Stimme zuträglich ist. Doch Jonas Kaufmanns Selbstbewusstsein scheint angesichts seiner derzeitigen Höhenflüge unerschütterlich:

"Ich glaube schon, dass meine Technik ausreicht, um die Stimme sehr lange zum Sing-en benutzen zu können, falls das nicht der Fall sein sollte, würde mir sicher auch was anderes einfallen, um meine Zeit totzuschlagen."

MDR Figaro, 2.8.2010  + DLR, 10.09.10