Dieter David Scholz

Buchbesprechung


Das Jüdische Bayreuth                           

Die diesjährigen Bayreuther Festspiele gehen am Samstag den 28. August mit einer Auffüh-rung der „Meistersinger“ zu Ende. Vier Wochen lang standen Wagner und sein Werk wieder im Mittelpunkt des Interesses der Medien. Gerade die „Meistersinger“ sind immer wieder Anlass gewesen, über Wagners Antisemitismus nachzudenken. Und den nationalsozialistisch-en Judenhass Bayreuths. Doch Bayreuth und die Juden  ist ein viel älteres Kapitel Bayreuther Stadtgeschichte, das lange vor Richard Wagners Ankunft in Bayreuth begann. Kaum je wur-de es zur Sprache gebracht. Jetzt, endlich, ist eben darüber im Ellwanger Verlag ein gewichti-ges Buch erschienen, das die Bayreuther Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit initiierte, herausgegeben von Bernd Mayer und Frank Piontek:

JÜDISCHES BAYREUTH
ca. 224 Seiten mit ca. 300 Abbildungen
Format 297 x 210 mm
ISBN 978-3-925361-81-4
Preis € 22,80



 Synagoge in Bayreuth heute 

Am 15. März 1760 wurde die heute noch existente Bayreuther Synagoge mit einer Sabbat-feier eingeweiht. Im Redouten- und Komödienhaus, direkt neben dem Markgräflichen Opernhaus. Moses Seckel, der Finanzberater und Kreditgeber des Bayreuther Markgrafen Friedrich, hatte das Haus gekauft und zur Synagoge umgebaut. Der judenfreundliche Mark-graf, der auch pri­vat mit seinem jüdischen „Hofagenten“ oder auch „Hoffaktor“ Seckel ver-kehrte,  erlaubte die dauerhafte Ansiedlung von zehn jüdischen Familien in Bayreuth. Schon Ende des 18. Jahr­hun­derts gab es 408 Bayreuther Juden. Eine stattliche Jüdische Gemein-de hatte sich gebildet.  Das 250ste Jubiläum der Sanagoge war denn auch für die Publikation des Buches, wie Frank Piontek, einer der beiden Herausgeber, betont...

" ... das war der beste Anlass, den man sich vorstellen konnte."

 
Frank Piontek

Die ersten Bayreuther Juden sind schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts erwähnt. Es waren Schutzjuden des Grafen der Plessenburg oberhalb von Kulmbach. Zwischen Pogro-men und Privilegien, Ausgrenzung, ja Vertreibung  und Eingemeindung war das ganze Mittelelter hindurch das Leben der Bayreuther Juden bestimmt worden. Wie überall. Imm-erhin gab es im 14.Jahrhundert bereits eine Talmudschule in Bayreuth, eine im Herr-schaftsbereich der Hohen­zollern einzigartige Vorzugsstellung. Der überwiegende Geschäfts-zweig der Bayreuther Juden war der Geld-, Landwaren- und Hausiererhandel. Doch Wirt-schaftsneid und Fremdenhass setz­ten den Bayreuther Juden zu und führten immer wieder zu antijüdischen Aufständen, gera­de in Zeiten wirtschaftlicher Not.


Bayreuther Jüdischer Friedhof                                                          Die Plesenburg in Kulmbach                   

1813 – im Geburtsjahr Richard Wagners, wurde das bayerische Judenedikt erlassen, das den Juden auch in Bayreuth Hausier- und Schacherandel verbot. Sie sollten sich den christlichen Bürgern auch beruflich annähern. Aber erst 1869 waren die jüdischen Bürger im Königreich Bayern vollständig den christlichen gleichgestellt.  Die Blütezeit der Juden in Bayreuth brach an.

"Es ist sicherlich das Bürgertum des späten 19. Jahrhunderts, das diese Stadt geprägt hat. " (Piontek)

Die Erfolgsgeschichte etwa des jüdischen Metzgersohnes Luitpold Kurzmann, der zum Hoflieferanten, Großunternehmer und  hochgeachteten Wohltäter der Stadt wurde, später auch 9 Zimmer seines Hauses zur Unterbringung gehobener Festspielgäste zur Verfügung stellte, wird in einem der 20 Kapitel des Buches ausführlich dargestellt als typischer Fall geglückter Emanzipation und Integration der Juden in Bayreuth. Unter den Bayreuther Juden waren private Bankiers, Hop­fen­händler, Ärzte, Kaufleute, Anwälte, Künstler und Kunst-mäzene. Selbst der aufkommende Antisemitismus des späten 19. Jahrhunderts hatte die deutsch-jüdische Symbiose in Bayreuth nicht stoppen können. Alles änderte sich im Dritten Reich. Dabei verhielt sich Bayreuth, wie Frank Piontek betont, ...  

"... opportunistisch, wie überall. Es ist eine traurige Geschichte, ...die so wie an allen anderen Orten auch verlaufen ist: Ausbeutung, Ermordung, Verschleppung."


Richard Wagner             

Dass sein Hauspianist Joseph Rubinstein, dass auch Richard Wagner und sein Parsifal-Dirigent Hermann Levi nicht ausgespart werden in dem wichtigen Buch über die Juden in Bayreuth, versteht sich von selbst. Aber den Schwerpunkt bilden doch porträthafte Schlag-lichter, die geworfen werden auf andere Bayreuther Persönlichkeiten wie etwa wie den Bay--reuther Rabbiner Joseph Aub, einen der fortschrittlichsten ganz Bayerns, den Bankier und Freund Jean Pauls, Emanuel Osmund, den jüdischen Advokaten und Bayerischen Landtags-bgeordneten Dr. Fischel Arnheim, den Chirurgen Jakob Herz, den ersten jüdische Ordinarius in Bayern oder den markgräflich ansbachischen und bayreuthischer Hofminiaturmaler Juda Löw Pinhas, dem Frank Piontek ein besonders interessantes Kapitel gewidmet hat.

 
Pinhas: Allegorie auf Markgräfin Wilhelmine - Markgräfliches Opernhaus

"Wenn man jeden dieser einzelnen Beiträge studiert, sieht man: Es sind große Mosaiksteine zu einem Bild." (Piontek)

Abgerundet wird dieses anschauliche Bild Bayreuther Jüdischer Geschichte durch einen Blick auf die Zeit nach 1945.

"Bayreuth hat nach dem 2. Weltkrieg lange gebraucht, um in ein relativ normales Zu-sammenleben mit den Juden zu kommen. Es gibt auch heute noch Antisemitismus in Bayreuth. Das muss man leider sagen." (Piontek)

„Vom frostigen Nebeneinander zum versöhnten Miteinander“ überschreibt der zweite Herausgeber des Buches, Bernd Mayer sein Kapitel über Bayreuths jüdische Gemeinde in der Stadtgesellschaft von 1945 bis 2010. Und informiert über die Entwicklung eines neuen Gemeindelebens, der Aufarbeitung der Nazivergangenheit, der Instandsetzung zerstörter jüdischer Bauten, aber auch das ganz alltägliche jüdische Leben im heutigen Bayreuth, das durch russische Zuwanderer erstarkt ist. Mitherausgeber Frank Piontek gibt allerdings zu bedenken: 

"Also ich habe den Eindruck, dass das Jüdische Leben hier leider immer noch ein bisschen im Verdeckten stattfindet."

Das Buch des Ellwanger Verlags trägt sicher zur Aufhellung jüdischen Lebens im Bayreuth bei. Ein wichtiges, weil sehr informatives, an Dokumenten und Illustrationen reiches Buch, das eine Lücke in der Geschichtsschreibung Bayreuths schließt und daran erinnert, dass Bayreuth in seiner langen Geschichte immer dann in „hoher Blüte“ stand, „wenn die Jüdische Gemeinde und die Stadt im Einklang miteinander lebten“, wie es der Vorsitzende der heutigen israeli-tischen Kultusgemeinde, Felix Gotthart formuliert.


Felix Gotthart



MDR Figaro und SWR 2, Musik aktuell am 27.08. 2010: