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Dieter David Scholz
Premierenbericht Schlingensief-Erfolg ohne Schlingensief Szenische Uraufführung der „Jeanne d´Arc" von Walter Braunfels Der Aktionskünstler, Regisseur und Selbstdarsteller Christoph Schlingensief gilt als enfant ter-rible unter den deutschen Opern-Regisseuren, seit er bei den Bayreuther Festspielen Wag-ners „Parsifal“ inszenierte. Jetzt hat er an der Deutschen Oper Berlin eine Oper von Walter Braunfels, der in den Zwanzigerjahren zu den erfolgreichsten deutschen Komponisten zählte, ausgegraben: „Jeanne d´Arc“, eine Oper, die Braunfels zwischen 1938 und 1942, von den Nationalsozialisten mit Arbeitsverbot belegt, komponierte und die erst vor sieben Jahren in Stockholm konzertant ausgegraben wurde. Christoph Schlingensief hat sie jetzt szenisch ur-aufgeführt, bzw. uraufführen lassen. Es sind Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna, die Walter Braunfels, gläubiger Katho-lik, weitgehend nach den Prozessakten, als Stationendrama einer Märtyrerin dichtete und zur Oper komponierte. Es ist die Geschichte des Mädchens Johanna, das von Heiligenstimmen geführt, im Hundertjährigen Krieg auszieht, die französische Stadt Orléans zu befreien und den Dauphin Karl von Valois zur Krönig nach Reims zu führen. Der wird König von Frank-reich, sie wird zur Heldin. Doch das Blatt wendet sich: Sie stirbt schließlich 1431 auf dem Scheiterhaufen. Erst 1920 wird sie heilig gesprochen. Eine Geschichte, wie gemacht für den bekennenden Mystiker und Katholiken Christoph Schlingensief, der bereits in Bayreuth Wag-ners Parsifal als multiethnisch-religiösen Ritus inszenierte. Die Braunfels-Oper, die ja zu tun hat mit Liturgie und der Suche nach Glaubensgewissheit, religiösen Zweifeln und Wundern mitsamt der ihnen eigenen Fragwürdigkeit, siedelt Schlingensief statt in Frankreich in Nepal an. Sein langjähriger Dramaturg Carl Hegemann: „Es ist der Versuch, diese strukturelle Problematik in einem Kontext zu bringen, in dem sie uns heute wieder plausibel werden kann. Und nicht einfach eine esoterische oder exoterische Heiligenlegende darstellt. Wir siedeln es nach Christophs Reise in den Weihnachtsferien an in Nepal, an einem Ort, in dem es selbstverständlich ist, dass täglich Leute auf der Strasse ver-brannt werden.“ Die Aufführung beginnt denn auch mit der filmischen Nahaufnahme einer Leichenverbrennung in Nepal. Auch auf der Dreh-Bühne Scheiterhaufen, Qualm, Leichen, daneben Körperlich Behinderte, Kleinwüchsige, Angehörige verschiedenster Religionen, allerhand Getier und im-mer wieder Symbole von Krankheit und Tod, Krankenhausbilder, Krankenhausfilme und Krankenhauspersonal. „Johanna liegt im Krankenhaus, oder im Hospiz. Und in der Not hört sie Stimmen, erwartet sie Wunder. So ist das, wenn einem sonst nichts mehr hilft. Und ich denke, das ist ein Einstig für den Zuschauer.“ (Hegemann) Krankheit als Metapher und Erklärung von Religiösität und Mystik, ein für Schlingensief na-heliegender Gedanke, denn während seiner Nepal-Reise erfuhr er von seiner schweren Krebserkrankung, die ihn bis heute ans Krankenhausbett fesselte, so daß er die Ausführung seiner Inszenierungskonzeption (die er genau vorbereitete) seinem Dramaturgen Carl Hegemann, seiner Assistentin Anna Mahler und dem Oberspielleiter der Dt. Oper, Søren Schumacher anvertrauen musste. Schlingensief erschien auch nicht vor dem Vorhang. Immerhin: Er ist in einigen Film-Sequenzen der Aufführung präsent. Und doch hat sein Regie-team eine Inszenierung realisiert, die man für authentischen Schlingensief halten könnte: Über-wuchernde Ethno-Symbole, irritierend pseudoreligiöse, magische Rituale, Prozessionen auf der Drehbühne mitsamt Weihnachtsmann und Rentierschlitten, letztem Abendmahl und Revueanleihen, gleichzeitig hektische filmische Überblendungen in mehreren Schichtungen und immer wieder Bilder von Gewürm, Lungengeäst, Bakterien, Zerfall und Zersetzung. Aus dem großen Ensemble der Mitwirkenden (Solisten und Chormassen) ragte die ameri-kanische Sopranistin Marry Mills als Johanna heraus. Der Dirigent Ulf Schirmer, seit einiger Zeit schon damit beschäftigt, das Werk von Walter Braunfels ans Licht zu ziehen und auch auf CD einzuspielen, ist der Mann der Wahl für diese szenische Ausgrabung der verges-senen, klangopulenten, spätromantischen Oper „Jeanne d´Arc“: „Es gibt bei Braunfels große Extreme innerhalb von tonalem Komponieren, es gibt Momente, die klingen wie Weill, es gibt Momente, die klingen wie später Bartok, es gibt aber auch Dinge, die an Richard Strauss gemahnen. Ich glaube, es ist dieses Sich-Durchdringen von Stilelementen, das diese Musik für uns heute, aus der Distanz, so aufregend macht.“ (Schirmer) Ulf Schirmer hat den großen Apparat auf und unter der Bühne souverän koordiniert. Ob man diese Braunfels-Oper an sich mag oder nicht, ob man deren Schlingensief-Realisierung als aufregend-werkadäquat oder aber als verschwiemelt-dilettantisch empfindet, darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein. Auf jeden Fall ist diese Produktion der Deutschen Oper Berlin nicht nur eine Gelegenheit, ein bislang unbekanntes Werk des 20. Jahrhunderts zu entdecken und ein großer Publikumserfolg bei der Premiere. Im Zuschauerraum herrschte einhelliger Jubel vor. Ganz sicher befördert diese Produktion die gegenwärtig zu beobach-tende Braunfels-Renaissance.
Beiträge für SWR Journal + DW am 28.04.2008
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