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Dieter David Scholz
INTERVIEW STEFAN HERHEIM ZU SEINER PARSIFAL-INSZENIERUNG IN BAYREUTH
Scholz: Herr Herheim, man sieht zu Beginn Ihrer Inszenierung den großen Salon in der Villa Wahnfried, dem ehemaligen Bayreuther Wohnhaus Richard Wagners. Darin zeigen Sie die theatralische Sterbeszene einer Frau, bei der man naheliegenderweise an Cosima Wagner denkt, die Gattin Richard Wagners, die ihn um 40 Jahre überlebt hat und in Wahnfried gestorben ist. Herheim: Das hat aber weniger mit Cosima zu tun als mit der Weiblichkeit an sich im Sinne einer Herzeleide, wie sie bei Wolfram eben wahnsinnig wichtig ist für das Drama Wagners, sie ist ja sozusagen Quelle des Verlustes und die Wunde selbst im jungen Parsifal, was eben wiederum auslösungstechnisch relevant wird dafür, dass er diese regressive Überwindung schafft, um dann eben selbst zum Wundenschließer zu werden. Scholz: Ihre Inszenierung will also keine Studie über Bayreuth und die Familie Wagner sein, woran man bei Ihrer eindeutigen Bebilderung ja durchaus denken könnte? Herheim: Nein, es ist jedenfalls nicht der Versuch, Eins zu Eins Bayreuther Charaktere nachzubilden, oder die Geschichte filmreif darzustellen, sondern sehr assoziativ damit um-zugehen und eine Suggestionswirkung hervorzuheben, die es ermöglicht, das Werk als Mythos auch an diesem speziellen Ort erzählen zu können. Es ist ein sehr angestrengter Versuch, eine Plausibilität zu schaffen für das Werk, eine Plausibilität, die sich natürlich ganz frei assoziativer Mittel bedient. Es geht ja nicht darum, eine Inszenierung zu schaffen, die mit Wörtern und Logik nach 5 Minuten der Aufführung zu erklären wäre. Dann wäre Oper keine eigenständige, autonome Sprache mehr Man muß sich auf das, was man sieht, einlassen. Es geht in der Oper doch darum, sich viseuell anregen zu lassen. Die Frage ist allerdings, inwiefern diese sinnlichen, theatralischen (und nicht logischen) Momente überhaupt noch greifen. Möglicherweise ist unser Theaterverständnis soweit abhanden gekommen, dass womöglich das, was im Werk handlungstechnisch linear erzählt wird, gar nicht mehr darzustellen ist ohne eine Verrückung, ohne einen gelehrten Kommentar. Meine Inszenierung ist jedenfalls der Versuch, das Stück nicht durch intellektuelle Logik, sondern durch ein künstlerisches Kaleidoskop zu betrachten. Scholz: In diesem Kaleidoskop zeigen Sie Bayreuth, auch Bayreuther Festspielgeschichte, denn der Gralstempel aus der Bayreuther Uraufführungsinszenierung wird zitiert, man sieht immer wieder auch Teile des Festspielhauses auf der Bühne, Sie veranschaulichen aber auch Psychologisches, Sie zitieren Filmisches und Sie arbeiten mit Mythischem. Herheim: Ich arbeite ja immer gern mit Mythischem. Oper kann nur als Mythos letztendlich greifen, weil es in der Oper immer ganz stark um diese Kernbegriffe der Existenz geht, wie Liebe, Tod u.s.w., das, was man oft als plakativ begreift, was aber eben unerschöpflich ist in künstlerischen Zusammenhängen, in denen man das immer ganz neu und andersartig aus-leuchten kann, erst recht in Bezug auf unsere Zeitgeschichte und unser Selbstverständnis als Rezipienten und als Kunstliebhaber. Scholz: Einer dieser Kernbegriffe der Existenz, von der Sie reden, ist die Sexualität. Sie steht als zu überwindende Versuchung im Zentrum des Parsifal. Erlösen kann bei Richard Wagner nur ein reiner Tor, Einer also, der keusch und unwissend ist. Herheim: Sexualität ist ein Teil des Lebens und im Parsifal geht es um die Dissoziation von menschlichem Dasein, um die Zerrissenheit einer männlichen Psyche, wenn man so will. Und alle Charaktere dieses Werks sind für mich Bruchstücke dieses verlorenen Heils einer männ-lichen Psyche. Scholz: Bezeichnenderweise tritt ja im Bühnenweihfestspiels Parsifal ja auch nur eine einzige Frau auf: Kundry. Herheim: Und die ist von agner eindeutig konzipiert als eine totale Projektionsfigur des männlichen, nicht handlungsfähigen Geistes, der sich selbst wieder als Ganzes betrachten muss. Scholz: Sie zeigen Kundry als Spiegelbild von Klingsor, jenes Dämons, der kraft seiner Selbstentmannung Kundry beherrscht und eine Truppe von Blumenmädchen, mit deren Hilfe er die Gralsritter verführen und zu Fall bringen läßt. Herheim: Richtig, Kundry ist ja sein Instrument. Er missbraucht sie als Dirne der Lust, eine Lust, die er selbst geopfert hat auf perverseste, selbstzerstümmelndste Art und Weise, um eben "heil" zu werden. Klingsor ist ein Mann, der seine Männlichkeit opfert, um Männer fertig machen zu können als Rache für seien eigene Schmach. Und wenn wir ihn als "Cabaret"-Conferancier-Figur zeigen, versuchen wir auch gender-technisch die Grenzen des Verständ-nisses von Mann und Frau aufzuzeigen. Die lösen sich ja bei Klingsor auf. Klingsor hat ein völlig banale Welt konstruiert, in der Mann und Weib nur im Sinne einer ganz sexuell adä-quaten Lustzuordnung sich zu fügen habe und in keiner Weise mehr mit der Begrifflichkeit "Menschlichkeit" zu fassen sind. Wissen Sie, es geht doch im "Parsifal" einzig und allein um das Prinzip, wie der Herr im Manne ständig seine Legitimation sucht. Das ist nichts anderes als die Austreibung aus dem Paradies. Und seither ist der Mann auf der Spur seiner Göttlichkeit, die er verloren hat und immer dafür das Weib zum Opfer seiner eigenen Wut und Wahn macht. Um dieses Wahn-Wähnen , was hier seinen Frieden sucht, geht es uns! Scholz: Schon in der ersten Szene Ihrer Inszenierung sieht man einen kleinen (an Thomas Mann-Figuren erinnernden) Jungen im Matrosenanzug. Er geistert durch das ganze Stück, er erlebt seinen Tod wie seine eigene Geburt als Déjavu-Erlebnis. Man ist in manchen Szenen geneigt, ihn, zumal im Ambiente Wahnfrieds, für den Sohn Richard Wagners, für Siegfried Wagner zu halten. Herheim: Das ist aber eindeutig Parsifal, der seine Mutter am Anfang verliert, der in die große Welt raustreten will, aber kein Bewußtsein hat und erst lernen muß, die Auswirkungen von Gewalt zu reflektieren, um eine eigene Biographie selbst schreiben zu können auf der Sinn- und Heilsuche einer gestörten Psyche mit einer großen seelischen Wunde. Dieser Par-sifal ist eine absolute Kopfgeburt, als Figur. Und es war mir wichtig, szenisch eine biographi-sche Grundlage zu etablieren, damit man an den Mechanismus dieser Figur näher heran-kommt. Und ich habe die Hoffnung, durch diese Vergrößerung, die die Inszenierung ver-sucht, nicht nur eine individuelle Erlösungsgeschichte zu erzählen, sondern eine Erlösungs-geschichte, die stellvertretend steht für das junge Deutschland in einer Zeit, in der alle mög-lichen Aufbrüche große Herausforderung waren für das gemeine, große Bild eines "Heils". Scholz: Zu den vielleicht befremdlichsten Symbolen, mit denen Sie in Ihrer Bayreuther Insze-nierung arbeiten, gehören Flügel. Sie haben fast alle Figuren im „Parsifal“ mit vogel- oder sagen wir engelhaften Flügeln ausgestattet, warum? Herheim: Wir fanden es extrem notwenig, zu zeigen: Wir sind nicht im realen Wahnfried in einem gewissen Jahr, sondern wir haben es hier mit einem Mechanismus zu tun, bei dem eine zwischen Himmel und Erde sich befindende Gesellschaft ein Heiltum sucht. Aber es gelingt ihr nicht mehr. Und der Verfall dieser Gesellschaft wollten wir in einem mythischen Bild von Eros-Thanatos, Amor und den Englein andeuten. Scholz: Herr Herheim, in Ihrer Inszenierung sieht man die Villa Wahnfried samt Park, man sieht das Portal des Bayreuther Festspielhauses auf der Bühne, man sieht ein Lazarett im ersten Weltkrieg, es werden Hakenkreuzflaggen gehisst und der dritte Akt spielt schließlich im Deutschen Bundestag. Und alles mit Blick auf Richard Wagners Grab. Eine für Manchen sicher etwas verwirrende Gleichzeitigkeit des Ungleichen? Herheim: "Zum Raum wird hier die Zeit", heisst es so schön bei Gurnemanz. Und es ist die Aufgabe und die große Herausforderung bei der Inszenierungsarbeit und Auseinandersetz-ung mit dem "Parsifal", das eben dann auch manifest irgendwo sichtbar zu machen. Und wir haben uns eben hier entschieden, zu sagen: Das ganze Werk lebt sozusagen aus dem Grabe eines großen Meisters, vor dem man in die Knie gehen kann, andächtig religiös, gläubig sei-nem Werk gegenüber, oder man kann sich aktiv und kritisch damit auseinandersetzen. Und es gilt eben, sich ganz bewusst zu fragen, warum funktioniert das den so? Was hat das denn wirklich mit uns zu tun? Was für Sehnsüchte werden eigentlich eingelöst, wenn wir dieses Werk hier als Bühnenweihfestspiel an diesem sogenannten "heiligen" Ort in Bayreuth auf dem Grünen Hügel erleben? Und da gibt es glaube ich extrem viele Fallen, in die man tappen kann. Scholz: Man sieht in ihrer Parsifal-Inszenierung Kundry als Marlene Dietrich im "Blauen Engel", man sieht Klingsor als Conférancier aus dem Film "Cabaret", und man sieht neben historischen Filmausschnitten immer wieder auch Theater auf dem Theater. Herheim: Für mich ist es bei Auseinandersetzung mit Kunst immer ganz wichtig, die Kunst und die Mechanismen der Kunst einzubeziehen und zu gucken, dass man eben die vielen Aspekte und die sehr vielen Antwortmöglichkeiten auf die im Werk steckenden Fragen auf eine Bahn leitet und auf eine Kreuzung führt, wo sie möglicherweise kollidieren. Auf gar kei-nen Fall will ich, dass Jemand aus meiner Inszenierung eine Eindeutigkeit herauslesen kann, denn das wäre schon wieder eine Art Ideologisierung des Werks. Das ist ja genau die Ge-schichte der Rezeption dieses Werkes gewesen, und nach wie vor eine große Sehnsucht eines Großteils des Publikums, das genau Eins zu Eins zu bekommen in dem Sinne, dass das Theater uns tatsächlich erlösen könnte. Und dem möchte ich was entgegensetzen. Scholz: Sie zeigen Cosimas Verklärung Wagnerscher Kunst in eine gefährliche Ideologie, die über den Wilhelminismus bis ins Dritte Reich und in die Gegenwart führt. Das ist Rezeptions-geschichte. Sie veranschaulichen in Ihrer vielschichtigen Inszenierung aber auch Psycholo-gisches und Mythisches. Und alles gleichzeitig. Man könnte Ihre Inszenierung fast als eine Art Mysterienspiel bezeichnen. Wie verstehen Sie denn nun die zentrale, die rätselhafte Formel des Stücks: „Erlösung dem Erlöser“? Herheim: Es geht in dem "Parsifal" darum, dass ein uraltes männliches Problem, nämlich diese patriarchalischen Machtansprüche, es geht darum, dass der Mann alles beherrschen will und Herr seiner Selbst sein will, unabhängig von aller Schöpfung um ihn herum. Und im Falle Parsifals erlebe ich das als einen Prozess dahingehend, dass der Mann sich von seinem eigenen ohnmächtigen Anspruch. "heil" zu werden, erlöst. „Erlösung dem Erlöser“ heißt für mich, dass der Mann von niemandem erlöst werden kann von dem Druck, angeblich Erlöser sein zu müssen, als von sich selbst Deutsche Welle 25.07.2008
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