|
|
Dieter David Scholz
Rezension Vertane Chance Vittorio Gnecchi:
„Cassandra“ & R. Strauss: “Elektra” Es gibt verblüffend ähnliche musikalische Themen und Motive zwischen Gnecchis "Cassan-dra" und Strauss´ "Elektra". Schon kurz nach der Uraufführung der ELEKTRA erschien in Italien ein Aufsatz mit dem Titel „Telepatia musicale?“ (Musikalische Telepathie?), dessen Autor Giovanni Tebaldini mit Hilfe von Notentafeln nachzuweisen versuchte, dass Richard Strauss, dem die CASSANDRA bekannt war, musikalisch-thematisch auf Gnecchi zurück-gegriffen habe. Auch Kirsten Harms, die regieführende Intendantin der Deutschen Oper Berlin, schließt sich dieser Hypothese an: "Er hat eine Reihe von Themen offenbar aus dieser Cassandra benutzt. Die Bauweise beider Stücke ist zum Teil sogar strukturell auch ähnlich. Und ich gehe davon aus, dass Strauss dieses Stück sehr im Kopf gehabt hat, als er Elektra geschrieben hat." Mit der Uraufführung der „Elektra“ sank allerdings der Stern Gnecchis, dessen „Cassandra“, die von keinem Geringeren als Arturo Toscanini in Bologna uraufgeführt wurde. Gnecchi. 1876 in Mailand geboren, entstammte einer Industriellenfamilie und hatte, unangefochten von dem Zwang, Geld verdienen zu müssen, nach dem Musikstudium am Mailänder Kon-servatorium sein ganzes Leben der Musik gewidmet. Vier Opern, ein Ballett, drei große Orchesterstücke hat er geschrieben. Heute ist er nahezu vergessen. Daß ausgerechnet seine Oper „Cassandra“ an der Deutschen Oper ausgegraben wird, hat allein mit dem Stoff dieser Oper zu tun. Gnecchis „Cassandra“ erzählt nämlich die unmittelbare Vorgeschichte der Oper Elektra“ von Strauss: Agamemnon kehrt aus dem Trojanischen Krieg zurück nach Mykene, zu seiner Frau Klytemnästra. Die hat es nie verwunden, dass er ihre Tochter Iphigenie geopfert hat und sinnt auf Rache. Die Seherin Cassandra, die Agamemnon als Konkubine aus Troja mitbrachte, prophezeit seinen Tod. Klytemnästra, die sich in seiner jahrelangen Abwesenheit mit Ägisth tröstete, ermordet Agamemnon. Danach setzt die Handlung der Oper „Elektra“ von Richard Strauss ein, in der Elektra, die zweite Tochter Agamemnons, auf Rache für die Ermordung ihres Vaters sinnt. Ihr Bruder Orest wird sie ausführen. Kirsten Harms Interesse an Gnecchis vergessener Oper resultiert denn auch daraus… "… dass ich nach einem Zugang zu diesem etwas schwierigen Stoff gesucht habe. Was ist das für ein Stück? Eine Hassgeschichte. Und mich hat interessiert: Was ist eigentlich die wirkliche Tragödie, in die diese Figuren verstrickt sind? Und so kam ich eben auf ´Cassandra´, die die unmittelbare Vorgeschichte erzählt. Dort steht die Mutter Klytemnästra als junge Frau im Mittelpunkt. Sie kann es nicht verwinden kann, dass ihr Ehemann Agamemnon ihre geliebte erste Tochter Iphigenie ermordet hat." Susan Anthony spielt im kleinen Schwarzen, mit dreireihiger Perlenkette und blonden Haaren Klytemnästra, nicht eben ladylike mit der Axt in der blutigen Hand. Schauspielerisch beeindruckend, aber mit ag lädierter Stimme. Immerhin: Die polnische Mezzosopranistin Malgorzata Walewska singt eine fabelhafte Cassandra. Sie ist des Glanzlicht in einer ansonsten eher mittelprächtig besetzten Aufführung. Aus der noch Jane Henschel als vor-bildlich artikulierende und stimmlich eindrucksvoll gestaltende Strauss-Klytemnästra hervor-sticht. Der Salzburger Dirigent Leopold Hager steuert vom Pult aus mit großer Attitüde, doch orchestral undiszipliniert und durchweg zu laut, den Doppel-Abend dieser beiden Opern, deren erste, Gnecchis „Cassandra“ er für Kirsten Harms radikal zusammengestrichen hat. Von 90 Minuten Spielzeit bleiben mal gerade 50 Minuten übrig. Für alle, die Gnecchis vergessene Oper kennenlernen möchten, eine herbe Enttäuschung. Doch Leopold Hager rechtfertigt seine Kastration des Stücks mit dramaturgischen Argumenten: "Wir müssen davon ausgehen, dass man das Stück vielleicht nicht gemacht hätte, wenn man es sich nicht zurechtgebogen hätte.Ich habe mir schon Mühe gemacht mit den Strichen. Es ist doch sehr viel Illustration in dieser Musik. Wir haben das Skelett dieses Stückes mit ein paar Beigaben herausgefiltert, um es sozusagen interessant zu machen und den Übergang von ihm zur Elektra zu garantieren." Nicht nur Kirsten Harms, die das Stück in einem schlampig gefertigten, vergoldeten Holzkas-ten inszeniert, den Ihr Ehemann Bernd Damovsky entwarf, er baut mit Vorliebe solche Käs-ten, die alles ermöglichen, und nichts meinen, nicht nur Kirsten Harms misstraut dem Stück, sie spielt Gnecchi nur viermal, danach wird die Elektra allein gespielt. Auch Leopold Hager ist von der kompositorischen Qualität Gnecchis nicht gerade begeistert. "Das ist ein Mann, der großes Potential hat, der irgendwie seinen Weg ging in dieser Zeit, in der so viele Stile auf ihn eingedrungen sind. Er hat natürlich nicht zu seinem eigenen gefunden. Und das liegt daran: Er will zuviel. Er will griechische Pentatonik zusammenbringen mit italinischem Verismo, und darüber hinaus noch komponieren wie ein Deutscher, mit viel Polyphonie und Leitmotivik. Da ist es schwer, das Wichtigste herauszufinden." Die Produktion ist eine halbherzige Ausgrabung einer – trotz mancher Vorbehalte – doch großen Oper, und eine vertane Chance sie zu interpretieren. Gnecchis „Cssandra“ nur als platte Vorgeschichte und gewissermaßen als Starthife für Straussens „Elektra“ zusammenzu-streichen kommt einer mutwilligen Verstümmelung und einem Missbrauch der Oper gleich. Aber auch die Inszenierung von Kirsten Harms ist eine vertane Chance. Sie hangelt sich in großer Einfallslosigkeit an der Oberfläche der Handlung entlang, ohne auch nur einen einzigen mutigen Gedanken zu fassen, zu schweigen von originellen Regieeinfällen. Die billig wirkende Ausstattung tut das ihrige, der Inszenierung den Lebensatem abzuschneiden, und den Sängern die Luft zu nehmen. Und das im wahrsten Sinn des Wortes, denn sie müssen bis zu den Knien in schwarzem, porösem Gesteinsbrösel herumwaten, das Schwaden von Staub aufwirbelt. Kein Vergnügen für die Stimmbänder. Ganz sicher auch nicht für die Jenne-Michèle Charbonnets, die eine beispiellos ungenaue Elektra singt bzw. schreit. Der musikalische wie szenische Eindruck der Aufführung ist niederschmetternd. Viele regie-liche Peinlichkeiten und viel konventionelle Routine machen den Abend eher zu einem langweilige Ärgernis als zu einer Offenbarung. Auch die Kostüme sind in ihrer Biederkeit kaum zu übertreffen. Fast alle Mägde und Dienerinnen treten im kleinen Schwarzen mit Perlenkette auf, Callas-Doubles noch und noch. Die Strauss-Klytemnästra sieht aus wie die Knusperhexe in „Hänsel und Gretel“ und die Eumeniden sehen verblüffend der Regisseurin ähnlich. Weiß in weiß. Lauter kleine Schneewittchen, die zum Schluß des Abends ein ebenso lächerliches Ballett tanzen dürfen, wie zu dessen Beginn die Choristen im Frack mit weißge-schminkten Köpfen sich in dummen Fackelaufmärschen und -Choreographien ergehen. Ob diese Produktion ein Erfolg wird, der das Ruder des bedauerlichen Niedergangs der Deut-schen Oper Berlin herumreißen und den Untergang der Intendantin und Regisseurin Kirsten Harms, die einen Flop nach dem anderen landete, seit sie das Haus übernahm, muß ernsthaft bezweifelt werden.
SWR 2
|