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Dieter David Scholz
Kritische
Anmerkungen
Offener Brief an eine
Feinschmecker-Zeitschrift

Gastronomische Hochstapelei
&
Zeitgeist-Anbiederung
Ein symptomatischer Fall
Es gilt bei einer gewissen
Klientel als chick, gestylt zu speisen, zwischen Edelstahl, schrillem Glas
und Neonlicht. Da kommt es
auf Kochkünste und Essqualität weniger an als auf die Zu-gehörigkeit zur
"coolen" Zeitgeist-Mode. Man ist unter sich. Wen kümmert´s,
was man isst!
Diesen
ärgerlichen Eindruck jedenfalls gewinnt man als beruflich und kulinarisch
Vielreisen-der, leidenschaftlich Kochender, als Journalist oder bloß nur Lebensgenießer
immer mehr. Entsetzen allerdings löst eine zunehmende Tendenz in gewissen
Feinschmecker-Zeitschriften aus, die bedauerlicherweise
inzwischen selbst in einem führenden „Guide"
zu beobachten ist. Eine Tendenz, die in der deutschen Hauptstadt
inzwischen zum guten Ton gehört. Aber selbst in Gegenden, wo das
kulinarische Niveau seit Jahrhunderten ein weit höheres war und ist als in
Berlin, gewinnt diese Tendenz erschreckend an Terrain gewinnt. Da mag man es nicht bei der Kündigung
der einen oder anderen Feinschmecker-Zeitschrift belassen.
Als
mit Sinnlichkeit begabter (und was wäre Essen anderes als ein sinnliches
Vergnügen) und mit einigermaßen kulinarischem Verstand und praktischen Küchenkenntnissen
ausgestatteter,
aber auch mit bescheidenen Wissen um die Kunst des Kochens
befähigter, vor allem aber mit Lust essender wie kochender Mensch fühlt
man sich inzwischen geradezu herausgefordert, einmal seinen Unmut über die
Zeitgeist-Gastronomie und ihre Verherrlichung in den Gastro-Journalen öffentlich zur Diskussion zu stellen. Angesichts der
geradezu erschreckenden Flut von Neueröffnungen „im Trend
liegender“ Restaurants und Insolvenzanmeldungen derselben (gerade in
Berlin) mutet die unkritische Anbiederung einer steigenden Anzahl von Gastro-Reportern (echte
"Restaurantkritiker" sind Mengelware) an den Zeitgeist, die
Verklä-rung bloßen
Yuppie-Restaurant-Designs, die dreiste Schönrednerei gestylten Foods
ungeachtet aller wirklichen Qualität und Leistung geradezu absurd an.
Geht es denn bei der Haute cuisine inzwischen nur noch um hippen Stil und
trendiges Design,
um Verpackung, Lifestyle, Ambiente und „Location“ anstatt um Kochkunst?
Mann
kann beispielsweise einen großen Beitrag in einer August-Ausgabe eines renommierten Feinschmecker-Magazins nur so verstehen, denn die überprüfbare Realität
dessen, was in diesem geradezu hymnisch abgefassten Artikel steht, der
sich verführerisch liest und hochgesteckte Erwartungen weckt, spottet
ihrer Beschreibung.
Was in
diesem suggestiv bebilderten Artikel zu lesen ist, hat mit der erfahrenen
Realität des „Madonnina del Pescatore“ in
Senigallia unweit Anconas an der italienischen Adriaküste kaum etwas zu
tun. Man kann den Leser
durchaus verstehen, der den Eindruck gewinnt, der Autor sei wohl am Umsatz
des von ihm hochgelobten Restaurants beteiligt. Für seinen Gaumen und
seine lukullische Urteilskraft jedenfalls spricht nichts.
Ich hatte
selbst Gelegenheit, das kulinarische Geschmacksurteil dieses
Autors zu überprüfen.
Von Pesaro aus, wo ich – wie jedes Jahr - das Vergnügen habe, das Rossini-Festival zu beobachten, machte ich mich mit einem
Freund aufgrund des besagten Artikels auf die Reise zu dem an die
vierzig Kilometer entfernten, hochgepriesenen Restaurant, um es
auszu-probieren. Es zu finden war angesichts der fehlenden Hinweise im
Artikel, aber auch der fehlenden Ausschilderung vor Ort (einem der
austauschbarsten
Badeorte der Adria) nicht gerade ein Kinderspiel. Aber wir fanden das
Restaurant.

Über
das hässliche Gebäude direkt an der Straße sahen wir hinweg, schließlich
hat man ja schon in so manchem unscheinbaren, ja unschönen Gebäude
gastronomische Wunder und kulinarische Sensationen erlebt. Daß die
einladende Terrasse trotz warmen Wetters ge-schlossen blieb und einem die
Segnungen frischer Meeresluft vorenthalten wurden, war nicht eigentlich verständlich,
aber auch das hätten wir noch hingenommen.

Doch
schon der steife Empfang durch das unkoordiniert durcheinander bemühte
und doch merkwürdig unengagierte Personal verblüffte angesichts eines
mit einem Michelin-Stern dekorierten Lokals. Uns wurde immerhin ein
Tisch am Fenster angeboten. Allerdings saß man auf unbequemen
Stahlgitter-Stühlen alles andere als bequem. Das grelle Blau der übertrieben
hohen und deshalb unpraktischen Gläser war zumindest dem vorherrschend
schrillen Glas- und Hightec-Design des Etablissements angemessen. Die
aufdringliche Dudelmusik aus den Lautsprechern verhinderte allerdings jede
Entspannung, jedes Gespräch, jede Konzentration auf den erhofften Genuß.
Der Eindruck verdichtete sich mehr und mehr: der Gast solle in einem
sterilen, gläsern und unpersönlichen „Gourmettempel“, in dem man
sich um Gottes Willen nicht wohl fühlen solle, sondern nur eben einer
bestimmten Klientel „zugehörig“, einem Ritual unterzogen, um nicht zu
sagen „gereinigt“ werden von jeglichem Anspruch, mit Lust und dem Gefühl
des Wohlbehagens das Essen auf höherem Niveau als Fest und Freude zu
genießen. Nur so kann man sich auch die durchweg miesepetrige, ja mürrisch
dreinschauende Bedienstetenschar erklären.
Man hatte den Eindruck, es
seien abkommandierte Familienangehörige des Kochs und Re-staurantbetreibers, die ihre erzwungene Pflicht erfüllten. Sie taten zwar in
ihrem konturenlos herabhängenden Sackleinen-Outfit äußerst wichtig, aber
doch ohne Professionalität und mit beinahe gequälter
Freundlichkeit. Die zur Schau getragene Lebensunlust und Frustriertheit
konnte einem fast den Appetit verderben. Da entschädigen auch
Tischgestecke mit getrockneten Nudeln und absichtlich verbogenem Besteck
nicht. Selbst die rote Rose im Eis des beigestellten Aquariums (Weinkühlers)
eines jeden Tischs versöhnte nicht.
Vollends
„bedient“ war man bereits, als die Vorspeise aufgetischt wurde. Meine
Vorspeise, die sich mit edlem Namen und mit immerhin 35 Euro empfahl, war
bezeichnend. Auf leerem Teller wurde mir eine ernüchternde Blechdose
serviert. Sie sah aus wie eine kleine Thun-fischdose, nur ohne Etikett. Das
ob meiner Verwunderung etwas verlegene, dabei ungeschickte, offenbar hilflos überforderte Mädchen, das es
servierte, beschwätzte mich un-aufgefordert, dass es wirklich kein Thunfisch aus
der Dosesei, nein, man habe den Fisch frisch zubereitet und soeben
erst in die Dose verschlossen, um sie dann für mich zu öffnen. Ich hielt
das für einen schlechten Witz. Doch als es ernst wurde mit dem Öffnen
der Dose, das der jungen Dame offenbar einige Probleme bereitete, konnte ich
nicht mehr lächeln. Schließlich offenbarte das Innere der
unkonventionellen Darreichungsform ein winziges Häppchen undefinierbaren,
marinierten Fischs, das schließlich nicht besser als ein zer-quetschter Rollmops schmeckte. Da hörte es für mich mit dem Spaß auf. Nicht, dass ich geizig wäre. Meine Freunde
wissen, wie großzügig, ja verschwenderisch leichtsinnig ich sein kann, wenn´s um
kulinarische Genüsse geht.

Mein
Tischpartner aß das großartig angekündigte „susci“, was allerdings
mit kunstvollem, von uns so geschätztem japanischem Sushi nichts zu tun
hatte, außer dass 10 verschiedene Fetzen rohen Fischs mehr oder weniger
dekorativ - mein Tischpartner nannte es unappetitlich - in aufwendig
gefertigter blauer Glasschale mit Portionsvertiefungen lagen. Sie
schmeckten be-dauerlicherweise alle ziemlich gleich. Ich will es bei der
Beschreibung dieses Ganges belassen, denn alles was folgte war von ähnlichem
Zuschnitt, nur noch teurer. Etwa der gebratene Fisch, den ich bestellt hatte.
Der war, mit Verlaub gesagt, elendiglich
verbrannt und schmeckte auch so. Eine Zumutung. Dafür wurde er in hübsch
neongrün gefärbtem Paniermehl (oder was es auch immer gewesen sein mag)
gewälzt. Ich ließ den Fisch zurückgehen. Was angesichts der Vornehmheit
des Lokals natürlich ohne jede Nachfrage, zu schweigen von Entschuldigung
seitens des Personals geschah, dafür aber mit vollem Preis (an die 50
Euro) berechnet wurde.
Daß
ein als seriös geltendes Feinschmecker-Magazin den Chefkoch dieses
Restaurants als einen der "innovativsten Köche Italiens" zu bezeichnen
wagt, ist niederschmetternd. Dass es sein „Jonglieren mit Aromen“
anpreist, obwohl unser Eindruck gerade die deprimierende Erfahrung des
Gegenteils war,
dass der Koch weder die Grundregeln des Kochens zu beherrschen scheint, noch auch nur
über die geringste Geschmacks-Sensibilität verfügt, ist mehr als nur
ärgerlich.
Wir hatten eher den Eindruck, dass er darin talentiert war, nahezu allen
Zutaten jegliches Eigenaroma zu rauben. Alles, was uns aufgetischt wurde,
schmeckte gleich fad. Wer mit gesunden Geschmackspapillen, intakten Riechhärchen
und wachen Augen ausgestattet ist, muß jede Hymne auf diesen Koch als
Hohn auf den guten Geschmack empfinden. Daß er ehemals Pizzabäcker war,
wie man liest, glaubt man gern. Nichts gegen eine gute Pizza. Vielleicht hätte
er es dabei belassen und nicht nach den Sternen greifen sollen.
Jedenfalls
zu zweit für 300 Euro so miserabel abgespeist zu werden, von unprofessionellem
Personal zudem (zwei offenbar hospitierende junge Damen wussten nicht
einmal die Speisen zu benennen, die sie uns auf den Tisch brachten), das
ist denn doch ein Gipfel an Zumutung. Da werden Grenzen der „guten
Sitten“ eindeutig überschritten. Mein Begleiter und ich, wir kamen uns
schlichtweg auf den Arm genommen vor, vom Restaurant, aber auch von dem
Feinschmecker-Magazin, das es empfahl.
Es ist
verantwortungslos, Feinschmecker zu verführen, gastronomischer
Hochstapelei auf den Leim zu gehen. Das hat nichts zu tun mit persönlichem
Geschmack oder individuellen Vor-lieben. Und man komme mir nicht mit der
Entschuldigung, es habe sich um einen
„schlechten Tag“ des Küchenchefs gehandelt, und eine Indisposition des
Gastrojournalisten
etc. ... Ich bin sicher, dass jeder halbwegs anspruchsvolle Gourmet, der
sich einmal in dieses Lokal verirrt, kein zweites Mal dort zu speisen das
Bedürfnis haben wird.
Der
Artikel jenes Feinschmecker-Magazins preist Moreno Cedronis Kochen als
Erbe der guten italienischen „Hausfrauenküche“ an. Mit Wehmut denke
ich angesichts der Erfahrungen im „Madonnina del Pescatore“ daran, wie
köstlich wir in einer schlichten Trattoria bei Fano, einem
Familienbetrieb und einem beliebten Fernfahrer-Lokal an der
Hauptverkehrsstraße zwischen Rimini und Ancona, fangfrischen Fisch und
Meerestiere aßen, auf Holzkohle gegrillt, ohne Schnickschnack, und
preiswert. Aber über solche Lokalitäten zu schreiben sind
sich die meißten Feinschmecker-Magazine ja zu fein. Schade!

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