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Dieter David Scholz
„Dov´era, com´era“ - wo es war, wie es
war
Das Gran Teatro La Fenice
in Venedig ist feierlich wiedereröffnet worden.
Von Dieter David Scholz

Nach sieben Jahren hat sich der
Phönix aus der Asche endlich erhoben. Vor einhundertacht-undsechzig Jahren,
1836, hatte er nur ein Jahr bis zu seiner Wiederauferstehung gebraucht. Das
waren andere Zeiten, gewiß. Trotzdem gleicht es fast einem Wunder, daß in
heutigen Zeiten des Theatereinsparens und Theaterschließens in der nur noch
sechzigtausend Seelen zählenden Lagunenstadt nicht aufs Geld geschaut und
ein so prachtvolles Haus wie das tra-ditionsreiche Gran Teatro La Fenice mit
einem Aufwand von mehr als 100 Millionen Euro rekonstruiert wurde.
Das Theater - hervorgegangen aus dem
Teatro San Benedetto - ist das einzig übrig geblie-bene aus der an
Opernhäusern einst so reichen Musenstadt und ein Identifikationsobjekt aller
Venezianer, deren Herz noch für die Oper schlägt. Und es schlägt noch
heftig. In den regio-nalen wie überregionalen italienischen Tageszeitungen
wurden schon Tage vor dem Eröff-nungs-Countdown mehrseitige Vorabberichte
gedruckt. Der Akt der feierlichen Eröffnung der „Settimana inaugurale“, die
vom 14.-21. Dezember dauerte, glich geradezu einem Staatsakt.
Alles an Kulturinteressierten, was
Beine hatte und das nötige Kleingeld in der Tasche - die Kartenpreise
bewegten sich von offiziell 300 bis inoffiziell 2000 Euro - strömte aus
Italien und dem Rest der Welt herbei. Die Reichen und die Schönen oder die,
die sich dafür halten, die Mächtigen und die VIPs waren gekommen. Angeführt
vom italienischen Staatspräsidenten Carlo Ciampi, sechs italienischen
Ministern, dem geistlichen Patriarchen der Stadt (der, den Damen die Show
stehlend, in rotem Seidenornat direkt neben dem Staatspräsidenten in der
goldbemützten Dogenloge plaziert wurde) und dem Bürgermeister Paolo Costa ,
der die Maxime „dov´era, com´era“ in die Welt gesetzt hatte. Presse,
Ehrengäste und zahlendes Pu-blikum waren handverlesen und mußten sich
strengsten Sicherheitskontrollen unterziehen, um ins Herz des von
Hundertschaften prachtvoll dekorierter Militärs und Polizisten weiträumig
abgeschirmten Bezirks rund um das Fenice vordringen zu dürfen. Allein das
Theater der Prominenten, Industriellen, Politiker und Fernsehleute vor dem
Theater, im Parkett und in den fünf Rängen des Zuschauerraumes war
sehenswert. Es gab Spaliere von Livrierten mit Lampen in den Händen für die
Nachtblinden unter den VIPs schon vor dem Theater, aber auch salutierender,
geschniegelter Soldaten beim Auf- und Abtritt militärischer Größen, die es
sich natürlich nicht nehmen ließen, sich in Galauniform zu zeigen. Eine
theatralische Kostümshow, deren Extravaganz und verschwenderischer Luxus dem
Glanz des in alter Pracht wiederhergestellten Opernhauses entsprach, das
zudem über und über mit Blumenbouquets ausstaffiert wurde.
Man zeigte, wer man ist und
was man hat, umsorgt von livrierten Logendienern, butchen Feuerwehrmännern,
ausgesucht attraktiven Polizisten in schnieken Uniformen, coolen Bodyguards
und schick gekleideten Sicherheitskräften. Die Damen waren naturgemäß am
Extravertiertesten. Sie ließen ihrer Phantasie freien Lauf. Haute Couture
der Extraklasse wurde aufgeboten, gewagteste Frisur-Kreationen, gefährlich
nachschleifende Schleppen, viel gebräunte Haut und verschwenderisches
Brilliantenfeuer, das mit dem blendenden Fernseh-Scheinwerferlicht
konkurrierte, das zur Live-Übertragung des historischen Events zusätzlich
installiert wurde. Berliner Staatsopernpremieren - selbst bei
Fest-Aufführungen - wirken dagegen wie Arme-Leute-Veranstaltungen.
Der Eröffnungsabend der
Inaugurationswoche glich einer tausendfachen Selbst-ver-gewisserung und
Demonstration venezianischer Theaterleidenschaft. An die tausend Men-schen
faßt das rekonstruierte Fenice heute. Was den Dresdnern ihre Frauenkirche,
ist für die Venezianer das Fenice, in dem Rossinis „Tancredi“, Bellinis „I
Capuleti e i Montecchi“ ebenso uraufgeführt wurden wie Verdis „La Traviata“,
Brittens „The Turn of the Screw“, Prokofiefs „Der feurige Engel“,
Strawinskys „The Rake´s Progress“, Luigi Nonos „Intolleranza“ und viele
andere Opern mehr. Man hatte denn auch keinen Geringeren als die Nummer Eins
unter den italienischen Stardirigenten, Scala-Chef Riccardo Muti gebeten,
das erste der sieben Konzerte der Eröffnungswoche zu dirigieren. Christian
Thielemann, Myung-Whun Chung. Marcello Viotti, Elton John, Mariss Jansons
und Yuri Temirkanov folgten.
Das Programm, das Muti präsentierte,
war sicher für Viele, die gekommen waren, irritierend. In den tosenden
Begrüßungsbeifall hinein ließ Muti natürlich zuallererst einmal die
schmissige italienische Nationalhymne anstimmen, zu der sich das touchierte
Publikum erhob. Mit Beethovens „Weihe des Hauses“ vollzog Muti dann con
brio, was der Titel des Stücks seinerzeit fürs Wiener Josephstädtische
Theater versprach. Es folgte eine glasklare Inter-pretation von Strawinskys
wohl für venezianische Ohren etwas sperriger Psalmensinfonie, dann endlich
folgte ein italienisches Stück, Antonio Caldaras "Te Deum", über dessen
wenig inspirierte Wiedergabe man lieber schweigt. Schließlich gab Muti dem
Affen Zucker und dirigierte zwei der zirkushaftesten Stücke Richard Wagners,
den Kaisermarsch und den Huldigungsmarsch. Das zuvor eher gelangweilte
Publikum feierte Wagner, der ja in Venedig gestorben ist, dankbar und
heftig. Warum Muti allerdings nicht gleich die jugendliche C-Dur-Sinfonie
des Meisters spielte, der sie zum Geburtstag Cosimas im Dezember 1882
rekonstruieren ließ und im Fenice dirigierte, es war das letzte Mal, daß er
den Taktstock hob, bleibt unverständlich.
Natürlich und zu aller erst feierte
das Publikum sich selbst, die Tatsache dabei gewesen zu sein und natürlich
das schöne, alte neue Haus. Es war eine logistische Meisterleistung, das
Theater, von dem fast nur noch die Außenmauern stehengeblieben sind nach dem
Brand vom 29. Januar 1996, wiederaufzubauen. Alles Material, alles Baugerät
mußte auf kleinen, flachen Schiffen über die schmalen Kanäle mit ihren
tausend Brückchen herbeigeschafft werden, mühsam zerlegt in Kleinstteile,
die an Ort und Stelle zusammengesetzt werden mußten. Mehr als 8000
Bootsfahrten waren nötig. Zeitweise arbeiteten 300 Handwerker gleichzeitig
in mehreren Schichten rund um die Uhr. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Im Apollo-Saal wurde liebevoll konserviert, was von ihm übriggeblieben war,
der Rest wurde ebenso philologisch genau rekonstruiert wie der
Zuschauerraum. Selbst die Holzwurmlöcher der vergoldeten Zierleisten wurden
nicht vergessen.
Das Gebäude, das man staunenswert
sensibel rekonstruierte, ist ein Exempel, das einlädt, über unser aller
Verhältnis zu Original und Fälschung nachzudenken und über das, was man
historisches Lebensgefühl nennen könnte, von dem das heutige Venedig wie
kaum eine ande-re Stadt beseelt ist. Verblüffend, wie echt, wie authentisch
der große Saal mit seinen Tau-senden von phantasierokokohaften
Gold-Roccaillen vor lagunenblauen Fonds, seinen Sesseln in Altrosa, seinen
vergoldeten Kandelabern mit den überflüssigen gläsernen Tropfenfängern und
den crèmefarbigen Schirmchen wiederauferstanden ist. Fast, als wäre er nie
abgebrannt. 1300 Quadratmeter Blattgold in 24 Karat wurden aufgetragen. Nur
winzige Details in den Umgängen und umgebenden Räumlichkeiten verraten die
Rekonstruktion. Neuste feuer-sichere Materialien wurden verwendet, modernste
Brandschutzeinrichtungen installiert. Aldo Rossi und seine Mitarbeiter haben
denkmalpflegerische Vorbildlichkeit walten lassen und vor allem in den neuen
Orchester- und Chorprobenräumen, einem Ausstellungssaal und einer Sala Rossi
die eigene moderne Handschrift nicht vertuscht. Nicht weniger beeindruckend
ist - das immerhin hat das desparate Eröffnungskonzert bewiesen - die klare
und warme Akustik des neualten Hauses, die überaus gelungen ist, trotz
feuersicheren Betonträgern unter der Holz- und Stuckverschalung. Das Fenice
ist nicht nur symbolischer Erinnerungsort italienischer Kultur, es ist auch
ein Symbol des Widerstands gegen Wasser und Feuer, von je die ärgsten Feinde
Venedigs. Vor allem aber ist es ein Symbol der Kreativität des seit
Jahrhunderten sterbenden Venedig, das noch viel Raum für Zukunft biete, wie
Bürgermeister Paolo Costa, mit grünweißroter Schärpe geschmückt, den
anwesenden Berlusconi-Ministern ins Angesicht sagte. Wasser auf ihre Mühlen,
denn längst planen sie für das Venedig der Zukunft eine LagunenU-Bahn,
bewegliche Deiche zur Hochwassereindämmung und eine neue Autobahn-umgehung.
Für manche Zweifler an Berlusconis Politik(ern) dürfte der gelungene
Wieder-aufbau des Fenice ein hoffnungsvolles Symbol des "guten", des immer
noch funktionierenden Staates sein. Andere sehen darin eher, wie Patriarch
Angelo Scola, den wunderbaren Beweis dafür, daß Venedig seiner Aufgabe, das
Außerordentliche alltäglich zu machen, wieder einmal gerecht geworden sei.
Wie auch immer: über der nach wie vor klassizistischen Fassade des Hauses am
Campo Fantin strahlt wieder der vergoldete Phönix wie eh und je. Jetzt muß
nur noch die Bühnentechnik samt Schnürboden fertiggestellt werden, damit im
Venedigs stolzem Opernhaus wieder Opern aufgeführt werden können. Fast ein
Jahr wird das noch dauern. Die erste Premiere ist mit Verdis „La Traviata“
für November 2004 geplant. Man darf gespannt sein.
Veröffentlicht in: "Opernwelt", Februar 2004

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