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Dieter David Scholz

Essay

Diven, Dirigenten

Sie haben mehr miteinander gemeinsam als man denkt, die Diven und die Dirigenten. Beide sind sie stilisierte Produkte einer Erwartungshaltung, sind künstliche, extreme Personifikationen von Weiblichkeit und Männlichkeit. Maestri, immerhin, sind eindeutige Vertreter eines exakt definierten Berufsstandes. Diven gibt es viele: Filmaktricen, Schauspielerinnen, echte Primadonnen (Sängerinnen), aber auch gewöhnliche Frauen als (Möchtegern-) Diven. Wobei es auch männliche Diven, um nicht zu sagen Primadonnen gibt. Nicht zuletzt unter den Dirigenten. So mancher Taktstockschwinger ist divenhafter als eine singende Dame.

Divenhaftigkeit, Primadonnentum und Dirigentendasein sind Lebensformen, Künstlerexistenzkategorien, Geschlechtstypen-Varianten der besonderen Art. Gemeinsam ist den Diven wie den Dirigenten, so will es nicht nur das Vorurteil, ein berufsspezifischer Verhaltenskodex, der meist um so ausgeprägter ist, je teurer sie im Musikbusiness gehandelt werden. Im Club der Besten, zumindest aber der Teuersten zu sein, verlangt die Einhaltung der Spielregeln. Dafür kann man es sich dann leisten, nicht immer „top“ sein zu müssen. Im Club stützt einer den anderen. Alles greift ineinander. Man schiebt sich die Bälle zu. Wer einmal im Club ist, hat es geschafft. Und alle Mitglieder des Clubs sind selbstverständlich Freunde. Man tut zumindest so. Es dient dem „Big busines“. Eine Hand wäscht die andere. Der Rubel rollt, „Freude, schöner Götterfunken“. Wenn nur das Marketing und PR-Arbeit stimmen. Der Marktwert gehorcht den Gesetzen der Börse. Zeitgeist redet mit. Massenwirksamkeit hilft. Popularität kann aufgebaut werden. Wer schließlich herumgereicht wird an den ersten Konzertpodien und Opernhäusern, oder auch in den Filmkonzernen der alten wie der neuen Welt, wer im Jet- Set rotiert, das entscheiden Manager und Agenten, Marketingchefs und Konzerne. Das Publikum zollt Beifall.

Das gängige Bild des Dirigenten wie der Diva ist vorgegeben. Ihre Kennzeichen, haben sie erst einmal einen Namen, sind Unnahbarkeit, nicht selten egozentrische Kapriziertheit, Arroganz und betonte Bohèmehaftigkeit. Eine Aura von Glanz und Glamour umgibt die meisten Diven wie Dirigenten. Das soziologische Phänomen der „self fulfilling prophecy“ will es so.

Hang zum Luxus, zu Juwelen und teurer Couture, Launenhaftigkeit, zur Schau gestellte Autorität und ungehemmte Künstlerallüren verhindern oft die Wahrnehmung tieferer Wahrheiten hinter verständlicher Abschirmungstaktik. Unter der Oberfläche purer Notwendigkeit der Abgrenzung gegenüber zudringlichen Trabanten und Adoranten verbergen sich nicht selten zarte und sensible Seelen, die hinter schützenden, scheinbar undurchdringlichen Mauern, das Gärtlein ihrer utopischen Empfindungen und Erkenntnisse hegen und das Elfenbein ihres Künstlertums vor Verwitterung durch den Dunst gemeiner Realität und schnöder Alltagsbanalität bewahren.

Schließlich teilen beide, Diven wie Dirgenten, eine extreme berufliche Existenz, leben eine Ausnahme-Lebensform, unsicher balancierend zwischen Höhenluft und Abgrund.

Es gibt unter den echten Diven im engeren Sinne, also den Primadonnen und den Dirigenten Diktatoren und Rattenfänger, Aristokraten und Poltergeister, Showmaker und Priester, Einzelgänger und Populisten, Kommandeure und Träumer, Chaoten, Pedanten und Anarchisten, Geschäftsleute und Idealisten, „global players“, Esoteriker und Covergirls- bzw. -boys der Kulturszene. Vielleicht keine anderen Berufsstände sind derart schillernd und facettenreich. Nicht selten gehören ausgeprägter Hang zur Eitelkeit und zur Selbstdarstellung, aber auch  offen zur Schau gestellter Wille zur Macht zum Beruf des Maestros, dem eigentlichen Helden unseres Musiklebens. Dirigenten sind  Wanderer zwischen den Welten, globale Musikheroen, Götter in schwarz, mit Macht und Nimbus, sind vielbewunderte, bestaunte, kritisiere und hofierte Stars, sind hochbezahlte Aushängeschilder, stilisierte Werbeträger und oft genug nichts als hochglanzpolierte Etiketten einer überwiegend kommerziell orientierten Musikszene, um nicht zu sagen Musikindustrie, in der Selbststilisierung und Selbstinszenierung zum Geschäft gehören.

Glanz und Gloria umschmeicheln sie wie die Diven, denen Liebe zum Geld, zu Juwelen und zur Hautevolee nachgesagt werden, mit oft extravagantem Äußeren, aber auch Versnobtheit, Egoismus und übergroßer Eitelkeit. Beiden, Diven wie Dirigenten gemeinsam ist die meist starke Durchsetzungskraft einer dominanten Persönlichkeit.

Medienwirksame private wie künstlerisch Skandale, Krisen und Katastrophen, die von der Boulevardpresse und boniertem Sensationsjournalismus begierig aufgegriffen werden, bestätigen die Vorurteile, die Diven und Dirigenten entgegengebracht werden. Verklärung und Größe, Banalität und Klischee, Geschäft und Mythos liegen dicht nebeneinander.

Einen gravierenden Unterschied zwischen Dirigenten und Diven gibt es allerdings: Dirigenten beherrschen Menschen, Diven eingeschlossen. Sie leben oder sterben mit dem Dirigenten. Der Dirigent trägt sie auf Händen (des Orchesters), oder lässt sie im Stich. Sie kann ihn allerdings auch zur Weißglut treiben, indem sie falsch einsetzt, ungenau singt oder absagt. Des Dirigenten Wille und Vision wird Klang. Wenn alles so klappt, wie er es sich vorstellt. Wenn das Orchester so spielt, und die Sänger so singen, wie er es wünscht. Die Primadonna zuallererst. Sie ist ja nicht selten die Hauptsache. Man ging in die Scala, um die Callas zu hören, nicht um Tulio Serafin zu sehen. Nichts gegen Serafin, er war einer der allerbesten Dirigenten!

Diven wie Dirigenten sind natürlich Relikte, Fossilien, ja gewissermaßen letzte Dinosaurier einer ausgestorbenen Zeit, der Zeit des bürgerlichen neunzehnten Jahrhunderts. Wenn sie sich von ihrer menschlich-allzumenschlichen Seite zeigen, als gewöhnliche Menschen von heute, ohne Fassade und Maske, schrumpft ihre Aura, verglüht ihr Charisma gelegentlich auf den Nullpunkt. Eben wenn sie nichts sind außer Diven und Fassaden. Diven und Dirigenten sind naturgemäß künstlich, theatralisch, überhöhte Existenzen. Freilich: es gibt solche und solche. Aber das ist nicht nur bei Diven und Dirigenten so. Es gibt liebenswerte, charmante, hinreißende, rührende, aber auch abstoßende, widerliche, bösartige und zynische Zeitgenossen. Die nicht mehr Lebenden werden zum Mythos stilisiert. So ist das nun mal mit uns Menschen. Aber das eben macht den Farbenreichtum, die Buntheit und Vielfalt des Lebens aus. Fauna und Flora leben auch von Orchideen und Kolibris. Wie arm wäre die Welt ohne Diven und Dirigenten, Primadonnen, Pultstars, Götter im Frack, und exaltierte Frauen. Verhaltens-Attitüde und gestyltes Outfit sagen ja noch nichts über Persönlichkeit und Charisma, Wesen und Substanz aus. Wer mehr als verordnetes weiß und schwarz, oder gar biederes grau liebt, freut sich doch an den Farben, auch den grellen, oder nicht?

Was wäre unsere Gesellschaft ohne Theater, ohne Rituale, Masken und Spiele.? Das Demaskieren ist vielleicht – nicht nur nach Meinung des Dirigenten Giuseppe Sinopoli - das Wesen aller Kunst. Und welcher Mensch trägt keine Maske?  Die Oper als das eigentliche Zuhause der reinen Primadonnen, ist einer der letzten Aufbewahrungsorte des antiken Mythos und des kollektiven kulturellen Bewusstseins Europas. Primadonna-Sein ist nichts als Maskierung. Die legendäre Wagnersängerin Birgit Nilsson hat es mir mit Nachdruck gesagt: „Man kann ja auf der Bühne Primadonna sein, aber doch nicht im Leben!“ Dies aus dem Munde einer sogenannten Primadonna.

Diven und Dirigenten offenbaren nicht nur in ihrem Falle, bei Sonnenlicht (nicht Bühnenlicht) betrachtet, will sagen in ehrlichen Selbstentäußerungen, Bekenntnissen, Gesprächen oder Autobiographien, geradezu exemplarisch wesentliche Kategorien der „conditio humana“. Bei Ihnen erfährt man beispielhaft was Arbeit und Erfolg, aber auch Misserfolg und Enttäuschung, die Kunst des Standhaltens, des Widerstand-Haltens, was Kämpfen und Aufgeben, Festhalten und Loslassen bedeuten. Ringen um Form, Haltung und Lebensentwurf zeigt sich bei ihnen im Hochrelief als Lebensform zwischen Idealismus, Scheitern und Selbstbewusstsein.

Und immer wieder gewinnt man in Begegnungen mit wirklich großen, bedeutenden Diven und Dirigenten, den Eindruck berührender menschlicher Bescheidenheit und Uneitelkeit, aber auch die Erkenntnis einer Einheit von Kunst und Politik, Sozialcharakter und Leben, von individueller Persönlichkeit und Kunstleistung, von Biographie und künstlerischer Karriere, einer Übereinstimmung von Privat- und Bühnenmensch. Schließlich sind die meißten Diven und Dirigenten auch nur Menschen.

(Veröffentlicht im „Bücherjournal“ der Buchhändlervereinigung)