|
|
Dieter David Scholz
Buch-Besprechung Naiv und zu spät: Der französische Dirigent und Komponist Amaury du Closel ( Jahrgang 1956) hat 2005 in Frankreich ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Vois étoufflées du III.e Reich" - ein Ver-such, die Schicksale der "Erstickten Stimmen" aufzuarbeiten und die Werke NS-verfolgter Komponisten wieder zu entdecken. Nun ist das dicke Buch, es hat 500 Seiten, im Böhlau Verlag auf deutsch erschienen. Der 54-jährige Amaury du Closel – Sproß einer hoch angesehenen Familie - der am be-rühmten Conservatoire in Paris studierte und angeblich in Rumänien, Polen und Korea als Dirigent gefragt ist, hat sich vor 5 Jahren entschlossen, ein Buch gegen das Vergessen zu schreiben. Aber es kommt im Grunde zu spät, denn seit mindestens 30 Jahren wird in Deutschland solche Vergangenheitsbewältigung sehr gründlich betrieben, in unzähligen Publi-kationen und auf breiter Front entsprechender Veranstaltungen im Theater- und Konzert-leben. Seit Fred Priebergs, Josef Wulfs, Hanns-Werner Heisters und Hans-Günter Kleins pionierhaften Vorstößen in den Achtzigerjahren ist eine wahre Flut an Büchern und Zeitschrif-tenbeiträgen angeschwollen zum Thema der so genannten „entarteten Musik“, zur Musik-politik im Dritten Reich, zur Ausgrenzung wichtiger Komponisten und zum Exodus der Jüdischen Musiker. Auch zur nachträglichen Bekräftigung der Nazi-Stigmatisierung nach 1945, als viele willige Helfer der NS-Musikpolitik, wieder in Amt und Würden, im Grunde nazihafte Musikpolitik weiterbetrieben, anstatt den Toten und Vertriebenen eine „angemes-sene Würdigung“ zuteil werden zu lassen, als Publizisten, Hochschullehrer, Dirigenten und Interpreten. Das Buch von Amaury du Closel bringt im Grunde nichts Neues. Es ist voller Pauschal-urteile, Verallgemeinerungen und Lücken. Und es ist sehr ungenau. Es ist doch keineswegs so, dass Richard Strauss heute, wie du Closel schreibt, „der einzige Repräsentant deutscher romantischer Musik im 20. Jahrhundert“ ist. Was ist beispielsweise mit Schreker und Zem-linsky, deren Renaissance auf den Spielplänen der Opernhäuser nun schon vierzig Jahre währt. Längst sind doch Namen wie Pavel Haas, Ernst Krenek oder Franz Waxman ins Konzertrepertoire eingegangen. Und auch Werke wie „Der Kaiser von Atlantis" des in Auschwitz ermordeten Viktor Ullmann oder "Brundibar" von Hans Krasa begegnen Einem immer wieder. Was ist mit den vielfältigen Aktivitäten Albrecht Dümlings zur kritischen Aufar-beitung der NS-Musikpolitik? Von seiner aufrüttelnden, kritischen Rekonstruktion der Nazi-Ausstellung über „Entartete Musik“, die in den Achtzigerjahren unter anderem in Berlin, München, Düsseldorf und Los Angeles gezeigt wurde, scheint Amaury du Closel offenbar nichts zu wissen. Und was ist mit den folgenreichen Ausgrabungen vergessener Opern der Zwanziger- und Dreißigerjahre am Theater Bielefeld, die in den Siebziger- und Acht-zigerjahren den Stein von Wiederentdeckungen verdrängter, erstickter Stimmen ins Rollen brachte? Sogar Editionen namhafter Schallplattenkonzerne haben sich der „Entarteten Musik“ angenommen.
Amaury du Closels anmaßende Gedenk- und Wiedergutmachungsanstrengung ist in ihrer zeigefingerhaften Moralität und selbstgerechten Schuldzuweisung bei erstaunlicher fachlicher Ignoranz und Uninformiertheit ärgerlich! Nichts gegen Erinnerung. Im Gegenteil! Auch wenn sie das Geschehene nicht ungeschehen machen kann. Aber dann doch bitte genau! Dass die Bayreuther Blätter bis 1938, wie der Autor schreibt, die nationalsozialistische Kulturpolitik „begleiten und sanktionieren“, ist so einfach nicht richtig. Es muß, bitte schön, differenziert werden. Was Annette Hein in ihrem Standardwerk über die "bayreuther Blätter" von 1996 bereits erschöpfend getan hat. Von Paul Dessau behauptet du Closel, er hätte sein „politisches Bewußtsein“ erst im französischen Exil entwickelt. Was für eine Unterstellung! Werner Egk wird als „offizieller Komponist des NS-Staates“ bezeichnet. Natürlich war er das, wie viele andere auch, aber noch exponierter war zweifellos Richard Strauss. Und Erich Wolfgang Korngold in die Reihe derer einzugliedern, die angesichts der nazistischen Musik-politik „eine jähe Massenflucht“ begangen hätten, entspricht einfach nicht den Tatsachen. Und was soll die nochmalige Entrüstung darüber, dass Herbert von Karajan, Elisabeth Schwarz-kopf, Karl Böhm und viele andere mehr Nazis gewesen seien und nach 1945 wieder zu Ruhm und Ehren kamen. Als ob wir das nicht seit Jahrzehnten wüssten. Mag sein, dass Amaury du Closels naive Betroffenheit tatsächlich ihren Grund darin hat, dass er der Meinung ist, dass „sowohl bei Frankreichs Intellektuellen ... als auch bei fran-zösischen Musikinstitutionen eine eigenartige Gleichgültigkeit“ dem Thema gegenüber festzu-stellen sei. Ob er Recht hat, sei dahingestellt. Zumindest könnte man Gegenbeispiele nennen. Du Closel ereifert sich zwar einerseits, man könne das „Grauen intellektuell nicht greifbar machen“, versteigt sich dann aber doch zu einem „Panorama“ von jüdischem Namedropping, Konzert- und Opernführer, Musikgeschichte und Abrechnung mit dem Dritten Reich. Du Closel betont im Vorwort, „keinen Anspruch darauf“ zu erheben, „als historische oder musikwissenschaftliche Abhandlung“ angesehen zu werden. Aber was macht denn dann den Wert seines Buches eigentlich aus? Es ist ein naives Buch. Wie naiv, bringt eine geradezu empörende Bemerkung im Schlusswort auf den Punkt: Da schreibt du Closel doch tatsächlich ganz unbekümmert: „Die Nazi-Barbarei und der Holocaust stellen nach dem zweiten Weltkrieg eine schier unerschöpfliche Quelle künstlerischer Inspiration dar“. Da verschlägt es einem dann doch den Atem.
|