Dieter David Scholz

Premieren-Kommentar


"Elektra" von R. Strauss am Anhaltische Theater Dessau
Premiere 09.5.2009

Zum Abschied:  Elektra, ein Glücksfall

Am Samstag abend hatte am Anhaltischen Theater Dessau die letzte Inszenierung des schei-denden Generalintendanten Johanns Felsenstein Premiere: Richard Straussens Oper „Elek-tra“. Seit 1991 hat Johannes Felsenstein das Dessauer Theater geleitet. Jetzt hat er seine letzte Produktion vorgelegt. Vor der Premiere wurde er offiziell verabschiedet. Ist das Ende der Ära Felsenstein Grund zur Trauer?

 

Eine Ära ist zu Ende gegangen. Johannes Felsenstein hat nach der Wende dem Anhaltischen Theater einen mächtigen Schub nach vorne versetzt, er hat es aus der zuletzt doch sehr pro-vinziellen Abgestandenheit in die überregionale Interessantheit gehievt. Seien Verdi- und Wagner-Zyken haben deutschlandweit Aufsehen erregt selbst in großen Zeitungen. Es gab viele selbst hauptstädtische Opernenthusiasten, die fuhren jahrelang nach Dessau, um den frühen Verdi – oder auch um Wagner zu sehen, frei von Entstellungen modernen Regie-theaters. Ganze Bussgeschwader von Wagnervereinen aus ganz Deutschland reisten regelmäßig nach Dessau. Das war ja das Markenzeichen Felsensteins, dass er „werktreu“ inszenierte, was man jedenfalls so nennt. Dabei sind ihm einige wirklich bewegende, aufregende, faszinierende, Inszenierungen gelungen, allerdings auch einige nur schwer erträgliche Entgleisungen in den Kitsch und ins allzu menschelnde Operntheater von vorgestern. Aber immerhin, dass da jemand so selbstbewusst und konsequent allen Moden, Trends und Zeitgeistversuchungen widersteht, das hat ja Seltenheitswert. Damit ist nun Schluß in Dessau, wenn ab nächster Spielzeit die neue Führungsriege das Theater übernimmt.

Auch seine letzte Inszenierung, die Elektra, hat Felsenstein mehr oder weniger „werktreu“  inszeniert. Er hat sie jedenfalls sehr realistisch, quasi historisch inszeniert. Und sehr suggestiv, um es gleich vorwegzunehmend. Wobei er sich, was das Orchester angeht, wieder einmal großzügig über die Vorstellungen des Komponisten Strauss und des Librettisten Hofmanns-tahl hinwegsetzte und das mehr als hundertköpfige Orchester auf die Bühne statt unter die Bühne platzierte. Und  das hat natürlich, man hat es ja schon in seinen Parsifal- und Tristan-Inszenierungen erlebt, eine solch massive Klangeinbusse und Klangverfälschung zur Folge, dass man damit aus musikalischer Sicht nicht glücklich sein kann. Wenn die Sängerstimmen an der Rampe überpräsent sind und das Orchester zum Begleitorchester im Hintergrund degradiert wird, dann sind die musikalischen Proportionen nicht mehr stimmig.

Das Orchester sitzt sichtbar auf der Bühne, einem magischen Raum. Stefan Rieckhoff  hat einen prachtvollen, mit ionischen Säulen umrahmten griechischen Saal bauen lassen, der über den hochgefahrenen Orchestergraben in den Zuschauerraum ragt, mit brennender Feuer-schale, Agamemnonmasken zu beiden Seiten des Bühnenportals und blutbesudelten Stufen in die Unterbühne. Die Aktuere spielen allerdings weitgehend auf der Vorbühne. Es gibt Hollywood-reife Szenen, etwa wenn Klytemnästra, klunkernbehangen als altorientalisches Königinnen-Wrack, von Fackelträgern, muskelbepackten Sklaven, die Opfertiere an-schleppen und fächelnden Domestiken begleitet, auftritt. Auch wenn sich Felsenstein Manches vom Elektra-Film Götz Friedrichs abgeschaut hat: Er veranschaulicht viele subtil beobachtete Nuancen des Librettos, seine Personenführung ist gut durchdacht. Elektra zeigt er ganz als expressionistische Rachefurie, die am Ende, nachdem Mutter und Stiefvater von Orest getötet wurden, in einen ekstatischen, mänadenhaften Todestanz verfällt, wie man ihn so überzeugend nur selten sieht. Und dann springt Elektra ins Feuer. Sehr eindrucksvoll! Felsenstein hat mit dieser Abschieds-Elektra eine seiner besten, Inszenierungen vorgelegt. Das Publikum war außer Rand und Band vor Begeisterung. Und es lohnt wirklich, dieser Elektra wegen nach Dessau an zureisen.

 

Auch musikalisch lohnt es, denn die Sängerbesetzung ist wirklich fulminant. Man kann in Dessau alle fünf Hauptpartien so rollendeckend besetzen, wie das selbst an hauptstädtischen Bühnen nicht  selbstverständlich ist. Karin Goltz als Klytemnästra, Jordanka Derilova in der Titelpartie und Maida Hundeling als Chrysothemis sind einfach hervorragend. Ein großer Abschiedsabend, aber nicht nur für Johannes Felsenstein, sondern auch für den scheidenden GMD Golo Berg, der trotz der baulichen Einschränkungen eine präzise, aber auch ekstatisch-mitreißende Elektra dirigierte. Dass auch er Dessau verlässt, ist besonders bedauerlich. Denn was Golo Berg am Anhaltischen Theater an Orchesterkultur aufgebaut hat, verdiente, gewürdigt und fortgesetzt zu werden. Leider ist im rührseligen Felsenstein-Abschiedstrubel der Abschied und die Dankbarkeit gegenüber Golo Berg, der sich um das Musikleben Sachsen-Anhalts verdient und das musikalische Niveau des Dessauer Theaters weit übers Normale hinaus angehoben und kultiviert hat, viel zu kurz gekommen.

MDR-Figaro 11.5.09